Die einfachste Empfehlung des Ayurveda braucht weder Kräuter noch Rezeptur: heisses Wasser, abgekocht, über den Tag in kleinen Schlucken getrunken. In der Maharishi-AyurVeda-Tradition heisst sie schlicht «heisses Wasser trinken»; die klassischen Texte kennen das morgendliche Wassertrinken als Uṣaḥpāna, wörtlich «Trinken zur Morgendämmerung». Diese Seite erklärt, was die Tradition damit meint und wie man es praktisch macht.
Was die Tradition dazu sagt
Das Ayurveda sieht im Verdauungsfeuer, Agni, den Schlüssel zur Gesundheit (siehe Wie das Ayurveda Krankheit denkt). Wasser, das lange gekocht wurde, gilt in dieser Sichtweise als «leicht» — es belaste Agni nicht, sondern unterstütze es, und es helfe, unverdaute Reste (Ama) aus den feinen Kanälen des Körpers (Srotas) zu lösen. Kaltes Wasser dagegen gilt als Dämpfer des Verdauungsfeuers, besonders zu den Mahlzeiten. Die späteren klassischen Texte, etwa der Bhāvaprakāśa aus dem 16. Jahrhundert, beschreiben das Trinken von Wasser am frühen Morgen als Teil der Tagesroutine (Dinacharya). Das ist eine Überlieferung, kein wissenschaftlicher Befund — sie erklärt, warum die Empfehlung in der ayurvedischen Praxis so hartnäckig überlebt hat.
So wird es gemacht
Frisches Wasser in einem offenen Topf aufkochen und zehn bis fünfzehn Minuten sprudelnd kochen lassen. Das lange Kochen ist der eigentliche Punkt: Nach ayurvedischer Auffassung verändert es das Wasser, es wird «feiner» und leichter verdaulich. Das Wasser in eine Thermoskanne füllen und über den Tag verteilt alle halbe Stunde ein paar Schlucke nehmen — so heiss, wie man es angenehm trinken kann, nicht so heiss, dass es brennt. Es geht nicht um grosse Mengen auf einmal, sondern um die Regelmässigkeit. Wer will, beginnt den Tag mit einer Tasse davon vor dem Frühstück.
Am besten trinkt man es pur. Wer Abwechslung möchte, gibt beim Kochen zwei, drei dünne Scheiben frischen Ingwer dazu, eine Prise Fenchelsamen oder ein paar Kardamomkapseln. Das ist Geschmackssache und eine Frage der Konstitution: Die Tradition ordnet Ingwer eher Vata- und Kapha-Typen zu, während Pitta-Typen das Wasser lieber lauwarm und ohne scharfe Zutaten trinken. Wer seine Konstitution nicht kennt, bleibt beim reinen Wasser — damit macht man nichts falsch.
Was man nicht erwarten sollte
Heisses Wasser ist kein Mittel gegen irgendetwas. Es ersetzt keine Behandlung, und wer Beschwerden hat, gehört in ärztliche Hände. Was viele berichten, ist etwas Bescheideneres: Man trinkt über den Tag mehr, man greift seltener zu Kaffee oder Süssgetränken, und die kleine Handlung alle halbe Stunde bringt eine Regelmässigkeit in den Tag, die dem Ayurveda ohnehin am Herzen liegt. Ob man es zwei Wochen ausprobiert und dann selbst beurteilt, ist die einzige Frage, die diese Seite offenlässt.
Drei Dinge, die man oft falsch macht
Erstens: Wasser nur kurz aufkochen und dann aus dem Wasserkocher trinken. Das ist heisses Wasser, aber nicht das, was die Tradition meint — die zehn Minuten sind Teil der Sache. Zweitens: Eine grosse Menge auf einmal trinken. Der Sinn liegt in den kleinen Schlucken über den Tag. Drittens: Das Wasser mit einer Mahlzeit ersetzen oder damit die Trinkmenge insgesamt in die Höhe treiben. Ein bis anderthalb Liter Wasser am Tag, davon einen Teil heiss, ist für die meisten ein vernünftiges Mass; wer aus gesundheitlichen Gründen auf seine Flüssigkeitsmenge achten muss, fragt zuerst seine Ärztin oder seinen Arzt.
Zum Weiterlesen
Die Tagesroutine, zu der das heisse Wasser gehört, ist in fast jeder ayurvedischen Einführung beschrieben — in unserer Bibliothek etwa bei Schrott und Schachinger, «Ayurveda – Grundlagen und Anwendungen», und bei Bauhofer, «Mehr Energie». Die Grundbegriffe Agni, Ama und Srotas erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.