Kein Begriff des Ayurveda ist so bekannt wie die drei Doshas — und keiner wird so oft missverstanden. In Zeitschriften sind Vata, Pitta und Kapha «Typen», die man mit einem Fragebogen bestimmt wie ein Sternzeichen; in manchen Shops sind sie Verkaufskategorien. In den klassischen Texten sind sie etwas anderes: drei Funktionsprinzipien, mit denen das Ayurveda beschreibt, was in einem lebendigen Körper vor sich geht. Diese Seite erklärt das Modell, so nüchtern es geht.
Drei Prinzipien, nicht drei Substanzen
Die Caraka Saṃhitā, der älteste erhaltene Lehrtext, sagt es in einem Satz: «Wind, Galle und Schleim — das sind, kurz gesagt, die drei Doshas» (vāyuḥ pittaṃ kaphaś ceti trayo doṣāḥ samāsataḥ, Sūtrasthāna 1.57). Die wörtliche Übersetzung führt in die Irre, denn gemeint sind nicht Wind, Gallenflüssigkeit und Schleim, sondern das, wofür sie stehen. Doṣa heisst wörtlich «Fehler» oder «das, was verderben kann» — der Name sagt schon, dass die drei im Gleichgewicht den Körper tragen und im Ungleichgewicht krank machen. Das Ayurveda beschreibt sie über die fünf Elemente (mahābhūta), aus denen es alles Stoffliche zusammensetzt: Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde.
Vata (vāta, von der Wurzel vā, wehen) ist aus Raum und Luft gebildet und steht für alles, was sich bewegt: Atem, Herzschlag, Nervenimpulse, die Bewegung des Darms, das Ausscheiden, das Sprechen, die Gedankenflucht. Seine Eigenschaften sind trocken, leicht, kalt, rau, fein, beweglich. Sein Hauptsitz ist der Dickdarm, dazu Becken, Knochen, Haut und Ohren.
Pitta (pitta, verwandt mit tap, erhitzen) ist aus Feuer und etwas Wasser gebildet und steht für alles, was umwandelt: Verdauung, Stoffwechsel, Körperwärme, Sehen, Hautfarbe, das Verstehen von Gedanken. Seine Eigenschaften sind heiss, scharf, leicht, flüssig, ölig, sauer riechend. Sein Hauptsitz ist der Dünndarm, dazu Magen, Leber, Blut, Augen und Haut.
Kapha (kapha, auch śleṣman, «das Zusammenhaltende») ist aus Wasser und Erde gebildet und steht für alles, was Struktur gibt und zusammenhält: Gewebe, Gelenkflüssigkeit, Schleimhäute, Kraft, Stabilität, Gedächtnis, Ruhe. Seine Eigenschaften sind schwer, kalt, ölig, langsam, glatt, weich, stabil, süss. Sein Hauptsitz sind Brust und Magen, dazu Kopf, Hals, Gelenke und Fettgewebe.
Jeder Mensch hat alle drei. Ohne Vata gäbe es keine Bewegung, ohne Pitta keine Verdauung, ohne Kapha keinen Körper. Die Frage ist nie, welches man «hat», sondern in welchem Verhältnis sie stehen und ob dieses Verhältnis dem eigenen entspricht.
Prakriti und Vikriti — was angeboren ist und was gerade ist
Das Ayurveda unterscheidet zwei Dinge, die in den Fragebögen meist zusammenfallen. Prakṛti ist das Verhältnis der drei Doshas, mit dem ein Mensch geboren wird — die Konstitution, die sich in Körperbau, Hautbeschaffenheit, Verdauung, Schlaf, Temperament zeigt und sich ein Leben lang nicht ändert. Die meisten Menschen haben zwei vorherrschende Doshas (Vata-Pitta, Pitta-Kapha, Vata-Kapha), wenige eines allein, sehr wenige alle drei gleich. Vikṛti dagegen ist der augenblickliche Zustand: welches Dosha gerade — durch Jahreszeit, Ernährung, Alter, Lebensweise — über sein angeborenes Mass hinausgewachsen ist. Ein Kapha-Mensch kann eine Vata-Störung haben, und dann behandelt das Ayurveda die Störung, nicht den Typ. Die Fragebögen messen fast immer eine Mischung aus beidem, deshalb fallen sie je nach Tagesform verschieden aus; die Konstitution bestimmt ein erfahrener Arzt aus Befragung, Beobachtung und Puls, und auch er braucht dafür mehr als einen Termin.
Doshas in der Zeit
Das Modell erklärt, warum das Ayurveda so viel Wert auf Tageszeiten legt. Jeder Tag durchläuft zweimal die Reihe Kapha–Pitta–Vata: Kapha von etwa sechs bis zehn Uhr morgens und abends, Pitta von zehn bis zwei, Vata von zwei bis sechs. Der Morgen ist schwer, der Mittag heiss, der Nachmittag beweglich — daraus folgen die Regeln der Tagesroutine: die Hauptmahlzeit in die Pitta-Zeit, der Schlaf in die Kapha-Zeit. Dasselbe gilt für die Jahreszeiten (der feuchte, kalte Spätwinter und das Frühjahr sammeln Kapha an, der Sommer Pitta, der Herbst Vata) und für das Leben: Kindheit ist Kapha-Zeit — Wachstum, Struktur, Schleim —, das mittlere Alter Pitta-Zeit, das Alter Vata-Zeit, trocken, leicht, beweglich, mit dünnerer Haut und leichterem Schlaf. Auch das ist eine Beschreibung, keine Vorhersage; sie sagt, worauf man in welcher Lebensphase achten sollte.
Was Doshas mit Pflanzen zu tun haben
In unseren Pflanzenporträts steht bei jeder Substanz, wie die Tradition ihre Wirkung auf die Doshas beschreibt — «senkt Vata und Kapha», «kann Pitta vermehren». Das ist das Ordnungssystem der ayurvedischen Pflanzenkunde (Dravyaguna): Eine Pflanze wird über ihren Geschmack (rasa), ihre Eigenschaften (guṇa), ihre Wärmewirkung (vīrya) und ihre Wirkung nach der Verdauung (vipāka) beschrieben, und aus diesen Eigenschaften folgt nach dem Grundsatz «Gleiches vermehrt Gleiches, Gegensätzliches vermindert», was sie mit den Doshas tut. Eine erhitzende, scharfe Pflanze wie Tulsi senkt das kalte Kapha und kann das heisse Pitta vermehren; eine kühlende, süsse wie Amalaki besänftigt Pitta. Das ist die innere Logik der Tradition — sie sagt, wie eine Pflanze in das Modell passt, nicht, was sie in einer klinischen Studie tut. Beides steht in den Porträts getrennt.
Was das Modell nicht ist
Es ist keine Diagnose. Wer sich nach einem Fragebogen als «Vata-Typ» einstuft, hat nichts über seine Gesundheit erfahren, sondern sich in ein Denkmodell eingeordnet. Es ist auch kein Naturgesetz: Die Doshas sind eine Sprache, in der das Ayurveda den Körper beschreibt, so wie die Elemente eine Sprache waren, in der die griechische Medizin ihn beschrieb — brauchbar, weil sie zweitausend Jahre Beobachtung ordnet, nicht, weil sie sich mit einem Messgerät nachweisen liesse. Und es ist keine Aufforderung, sich selbst zu behandeln. Wer Beschwerden hat, gehört in ärztliche Hände; das Dosha-Modell erklärt, warum das Ayurveda einem dann bestimmte Fragen stellt.
Zum Weiterlesen
Die Doshas sind in jeder Einführung erklärt, ausführlich und mit dem Blick des Arztes bei Schrott und Schachinger, «Ayurveda – Grundlagen und Anwendungen», und knapp, klar und alltagsnah bei Bauhofer, «Mehr Energie» — beide in unserer Bibliothek. Wie das Ayurveda von den Doshas zu Krankheit kommt, erklärt Wie das Ayurveda Krankheit denkt; wie man die Tageszeiten nutzt, die Tagesroutine.