Wer das Ayurveda in seinem Alltag ausprobieren will, fängt nicht mit einem Präparat an, sondern mit dem Tag: wann man aufsteht, was man als Erstes tut, wann man isst, wann man schläft. Die Tradition nennt das dinacaryā, wörtlich «das Gehen des Tages», und beschreibt es seit zweitausend Jahren in einer festen Reihenfolge — die Aṣṭāṅga Hṛdaya, das klassische Lehrbuch aus dem 7. Jahrhundert, widmet ihr gleich ihr zweites Kapitel. Diese Seite erklärt die Reihenfolge, wie die Klassiker sie überliefern, und wie man sie in einen Schweizer Werktag übersetzt, ohne sich zu überfordern.
Was die Tradition dazu sagt
Der Grundgedanke ist einfach: Der Körper folgt Rhythmen — dem Tag, den Jahreszeiten, dem Lebensalter —, und Gesundheit heisst im Ayurveda, mit diesen Rhythmen zu leben statt gegen sie. Der Tag wird dabei in Abschnitte eingeteilt, in denen jeweils eines der drei Doshas den Ton angibt: Kapha am Morgen und am frühen Abend (die schweren, ruhigen Stunden), Pitta um die Mittagszeit und um Mitternacht (die heissen, aktiven), Vata am Nachmittag und in den frühen Morgenstunden (die leichten, beweglichen). Die Tagesroutine legt die Tätigkeiten so, dass sie zu diesen Stunden passen: das Aufstehen in die leichte Vata-Zeit vor Sonnenaufgang, die Hauptmahlzeit in die Pitta-Zeit am Mittag, den Schlafbeginn in die schwere Kapha-Zeit vor zehn Uhr. Was die Doshas sind, erklärt der Artikel Vata, Pitta, Kapha — die drei Doshas; hier genügt der Gedanke, dass die Reihenfolge nicht willkürlich ist.
Der Morgen
Aufstehen vor Sonnenaufgang. Die Klassiker nennen die brāhma muhūrta, die «Stunde des Brahman», etwa anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang. Im Schweizer Winter ist das eine Zumutung; die Tradition selbst nimmt Kinder, Alte und Kranke davon aus. Für die meisten ist «vor sechs, spätestens vor sieben, und jeden Tag zur gleichen Zeit» die brauchbare Fassung. Der Punkt ist die Regelmässigkeit, nicht die Uhrzeit.
Wasser, Ausscheidung. Ein Glas warmes Wasser, dann die Toilette — die Tradition legt Wert darauf, dass der Darm morgens entleert wird und dass man diesem Bedürfnis nicht ausweicht. Das heisse Wasser über den Tag beginnt hier.
Zunge, Zähne, Mund. Die Zunge mit einem gebogenen Schaber aus Kupfer oder Edelstahl vom hinteren Ende nach vorn abziehen, fünf-, sechsmal, bis der weisse Belag weg ist (jihvā nirlekhana). Dann die Zähne putzen — die Klassiker verwenden bittere und herbe Hölzer, heute tut es die Bürste — und, wer mag, das Ölziehen: einen Esslöffel Sesamöl zehn bis fünfzehn Minuten durch die Zähne ziehen und ausspucken, nie schlucken (gaṇḍūṣa). Das ist die eine Übung der Tagesroutine, die in Europa unabhängig vom Ayurveda populär geworden ist.
Nase und Augen. Die Klassiker geben zwei Tropfen warmes Öl in jedes Nasenloch (nasya) und spülen die Augen mit kühlem Wasser. Das Öl in der Nase ist besonders im Winter und in trockenen Räumen angenehm; wer eine Nasenerkrankung hat, lässt es.
Die Ölmassage. Abhyaṅga, die Selbstmassage mit warmem Öl, ist das Herzstück des ayurvedischen Morgens: Sesamöl für die meisten, für Pitta-Typen und im Sommer Kokosöl, leicht erwärmt, vom Kopf zu den Füssen, lange Striche auf den langen Knochen, Kreise auf den Gelenken, den Bauch im Uhrzeigersinn, mit besonderer Sorgfalt an Kopf, Ohren und Fusssohlen. Zehn Minuten sind gut, fünf sind besser als keine. Das Öl zehn bis zwanzig Minuten einwirken lassen, dann warm duschen. Die Aṣṭāṅga Hṛdaya sagt, wer sich täglich öle, werde vom Alter weniger berührt — das ist eine Aussage der Tradition, kein Befund, aber die Massage tut gut, das kann jeder nach einer Woche selbst beurteilen. Wer keine Zeit hat, ölt nur die Füsse und den Kopf.
Bewegung. Vyāyāma, leichte Bewegung, gehört in den Morgen — die Klassiker sagen «bis zur Hälfte der Kraft», das heisst bis der Atem schneller geht und die Stirn feucht wird, nicht bis zur Erschöpfung. Ein Spaziergang, ein paar Yoga-Übungen, Schwimmen. Der Ayurveda mag keine Erschöpfung, weder im Sport noch sonst.
Stille. Meditation, Atemübungen oder ein paar Minuten Sitzen in Ruhe schliessen den Morgen ab. Im Maharishi AyurVeda steht hier die Transzendentale Meditation, zwanzig Minuten morgens und abends; die Tradition selbst schreibt keine Technik vor.
Frühstück. Leicht und warm — Porridge, gedünstetes Obst, etwas Gewürz —, und nur, wenn man Hunger hat. Wer morgens keinen Hunger hat, wartet; das ist nach ayurvedischer Auffassung kein Fehler, sondern ein Zeichen.
Der Mittag
Die Hauptmahlzeit des Tages gehört in die Mitte des Tages, zwischen zwölf und ein Uhr, wenn das Verdauungsfeuer — agni — nach ayurvedischer Auffassung am stärksten brennt wie die Sonne am höchsten steht. Warm, frisch gekocht, in Ruhe und im Sitzen gegessen, ohne Bildschirm; danach ein paar Minuten sitzen bleiben und, wer kann, hundert Schritte gehen. Der Schweizer Alltag hat die Hauptmahlzeit auf den Abend verschoben; die Tagesroutine schiebt sie zurück, und das ist von allen Punkten dieser Seite vermutlich der wirksamste und der schwierigste.
Der Nachmittag und der Abend
Der Nachmittag ist die Vata-Zeit, leicht und beweglich: gut für Arbeit, die Beweglichkeit braucht, weniger gut für schwere Mahlzeiten. Ein warmes Getränk, etwas Obst. Das Abendessen soll früh und leicht sein — gegen sechs, spätestens sieben — eine Suppe, gedünstetes Gemüse, Reis; nichts Schweres, kein Käse, kein Joghurt, wenig Rohes, denn nach Sonnenuntergang beginnt die Kapha-Zeit, in der die Verdauung nach ayurvedischer Vorstellung ruhig wird. Nach dem Essen ein kurzer Spaziergang. Der Abend selbst gehört ruhigen Dingen: ein Gespräch, ein Buch, kein grelles Licht, keine Nachrichten kurz vor dem Schlafen.
Die Nacht
Schlafen vor zehn Uhr. Das ist die zweite grosse Empfehlung, und sie folgt aus derselben Logik wie die Mittagsmahlzeit: Zwischen sechs und zehn Uhr abends ist Kapha-Zeit, schwer und schläfrig, und wer sie zum Einschlafen nutzt, schläft leicht ein; ab zehn beginnt die Pitta-Zeit der Nacht, in der man nach ayurvedischer Auffassung wieder wach und hungrig wird — jeder kennt das zweite Hoch um elf. Ein warmes Getränk vor dem Schlafen — die Tradition gibt warme Milch mit einer Prise Muskat oder Kardamom —, die Füsse noch einmal mit etwas Öl einreiben, und der Tag ist geschlossen.
Wie man anfängt
Nicht mit allem auf einmal. Die Tagesroutine ist eine Beschreibung des ganzen Tages, nicht eine Liste, die man an einem Montag abhakt. Wer sie ausprobieren will, wählt zwei Dinge, die in den Tag passen — bei den meisten sind das die Zunge und das heisse Wasser am Morgen, weil sie drei Minuten dauern — und macht sie vier Wochen lang jeden Tag. Dann kommt das Nächste: die Ölmassage am Wochenende, die Mittagsmahlzeit an den Tagen, an denen man zu Hause ist, das frühere Abendessen. Nach einem halben Jahr hat sich ein Tag ergeben, der anders aussieht als vorher, ohne dass man ihn je umgestellt hätte.
Was man nicht erwarten sollte
Die Tagesroutine ist keine Behandlung und ersetzt keine. Sie ist eine Ordnung des Alltags, die die Tradition für gesunde Menschen beschreibt, damit sie gesund bleiben; wer krank ist, gehört in ärztliche Hände, und wer schwanger ist oder Medikamente nimmt, klärt die Ölmassage und das Nasenöl vorher ab. Was die Klassiker den einzelnen Übungen zuschreiben, ist Überlieferung; was man nach einem Monat selbst feststellt — ob man morgens klarer ist, ob das Mittagessen leichter liegt, ob man vor zehn einschläft —, ist die einzige Beurteilung, die zählt.
Zum Weiterlesen
Die Tagesroutine ist in jeder Einführung beschrieben, ausführlich bei Schrott und Schachinger, «Ayurveda – Grundlagen und Anwendungen», und mit dem Blick auf den Berufsalltag bei Bauhofer, «Mehr Energie» — beide in unserer Bibliothek. Die Doshas und die Tageszeiten erklärt Vata, Pitta, Kapha — die drei Doshas, das Verdauungsfeuer der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt. Zungenschaber aus Kupfer und Edelstahl führen wir im Sortiment; Sesamöl für die Massage gibt es in jedem Reformhaus — kaltgepresst, nicht geröstet.