Bevor das erste Glas Wasser, der erste Kaffee oder das erste Wort des Tages kommt, kümmert sich das Ayurveda um den Mund. Zähne, Zunge, Zahnfleisch und Schleimhaut bekommen am Morgen ihre eigenen drei, vier Minuten — in einer festen Reihenfolge, die die Klassiker seit zweitausend Jahren gleich beschreiben. Diese Seite erklärt die drei Schritte, was die Tradition damit verbindet und was die heutige Forschung dazu sagt.
Warum der Mund im Ayurveda so wichtig ist
Für das Ayurveda beginnt die Verdauung nicht im Magen, sondern beim Schmecken. Die Zunge ist das Sinnesorgan für die sechs Geschmacksrichtungen (rasa), auf denen die ganze Ernährungs- und Pflanzenlehre aufbaut; wer nicht richtig schmeckt, kann nach dieser Auffassung auch nicht richtig wählen. Die Feuchtigkeit des Mundes und das Schmecken ordnet die Tradition einem Teilaspekt des Kapha zu, dem bodhaka kapha, «dem Kapha, das wahrnehmen lässt». Die Zähne gehören im Gewebemodell zum Knochengewebe (asthi dhātu). Und die Zunge ist für den ayurvedischen Arzt ein Spiegel: Ein dicker Belag am Morgen gilt als Zeichen von āma, unvollständig Verdautem (siehe Wie das Ayurveda Krankheit denkt).
Auch die heutige Zahnmedizin sieht den Morgen als besonderen Moment: In der Nacht fliesst wenig Speichel, Bakterien vermehren sich ungestört, und der Belag auf dem hinteren Zungenrücken ist eine der Hauptquellen für Mundgeruch.
Die Reihenfolge
Die Tagesroutine (dinacaryā) ordnet den Morgen so: aufstehen, Zähne putzen, Zunge reinigen, den Mund mit Öl spülen, ein Glas warmes Wasser trinken, die Toilette. Erst danach folgen Ölmassage, Dusche, Bewegung, Meditation und Frühstück. Der Gedanke dahinter ist einfach: Erst wird weggeräumt, was die Nacht hinterlassen hat, dann kommt Neues hinein. Den ganzen Ablauf beschreibt der Artikel Die ayurvedische Tagesroutine; hier geht es nur um die ersten drei Schritte.
1. Zähne putzen
Die Caraka Saṃhitā beschreibt im fünften Kapitel des Sūtrasthāna Zahnhölzer aus Zweigen bitterer, herber oder scharfer Pflanzen, etwa Karañja, Arka oder Arjuna — in Indien ist bis heute der Niemzweig am bekanntesten —, deren Ende man weichkaut und als Bürste benutzt. Das Prinzip — mechanisch reinigen, mit bitterem und herbem Geschmack — lebt in den ayurvedischen Kräuterzahnpasten weiter. Die Ayurdent Classic und Ayurdent Mild enthalten solche Pflanzen, darunter Niem. Wichtig ist aber weniger die Paste als die Gründlichkeit: zwei Minuten, alle Flächen, und abends die Zahnzwischenräume. Die ayurvedischen Schritte kommen dazu, sie ersetzen nichts davon.
2. Die Zunge reinigen
Das Sanskritwort heisst jihvā nirlekhana, «das Abschaben der Zunge». Caraka beschreibt dafür einen gebogenen Schaber aus Gold, Silber, Kupfer, Zinn oder Messing, der nicht scharf sein darf. Heute nimmt man Edelstahl, Kupfer oder versilbertes Metall.
So geht es: Den Schaber an beiden Enden fassen, so weit hinten auf die Zunge legen, wie es ohne Würgereiz geht, und mit leichtem Druck nach vorn ziehen. Abspülen, zwei- bis dreimal wiederholen. Die Bewegung ist ein Streichen, kein Kratzen; die Zunge darf danach weder brennen noch gerötet sein. Den Schaber unter fliessendem Wasser reinigen und trocken aufbewahren.
Was die Forschung sagt: Mehrere kleine Studien und eine Cochrane-Übersicht (Outhouse und Kollegen, 2006) finden, dass ein Zungenschaber den Zungenbelag und die Stoffe, die Mundgeruch verursachen, etwas besser entfernt als eine Zahnbürste — die Effekte sind klein und kurzfristig, die Studien wenige. Für einen Handgriff, der zehn Sekunden dauert, ist das genug.
Hinsehen: Das Ayurveda reinigt die Zunge nicht nur, es schaut sie an. Ist sie feucht oder trocken, rosa oder weiss belegt, zeigt sie Zahnabdrücke am Rand? Das ist keine Selbstdiagnose, aber eine gute Gewohnheit. Ein Belag, der über Wochen bleibt, Schmerzen, Brennen, offene Stellen oder ungewöhnliche Verfärbungen gehören zur Zahnärztin oder zum Arzt.
Zungenreiniger führen wir aus Edelstahl, Kupfer und versilbert. Welches Metall man nimmt, ist Geschmackssache; Kupfer ist die traditionelle Wahl, Edelstahl am einfachsten zu pflegen.
3. Gaṇḍūṣa und Kavala: der Mund mit Öl
Die klassischen Texte unterscheiden zwei Arten, den Mund mit einer Flüssigkeit zu behandeln. Bei gaṇḍūṣa wird der Mund so voll genommen, dass die Flüssigkeit sich nicht bewegen lässt; man hält sie, bis Augen und Nase zu tränen beginnen. Bei kavala nimmt man weniger und bewegt es im Mund hin und her. Das heute verbreitete «Ölziehen» ist also eigentlich Kavala; im Alltag und auf den Produkten hat sich aber Gaṇḍūṣa als Sammelname eingebürgert.
Die Caraka Saṃhitā (Sūtrasthāna 5, 78–80) sagt über das tägliche Spülen mit Sesamöl, es kräftige Kiefer und Stimme, gebe dem Gesicht Fülle, verbessere das Schmecken, beuge rissigen Lippen und trockener Kehle vor und mache die Zähne so fest, dass sie auch harte Speisen vertragen. Das ist die Sprache der Tradition, kein Studienbefund.
So geht es: Nach dem Zähneputzen und der Zungenreinigung einen Esslöffel Öl in den Mund nehmen — weniger, wenn das angenehmer ist, denn das Öl vermischt sich mit Speichel und wird mehr. Drei bis fünf Minuten ruhig durch die Zähne ziehen und im Mund bewegen; wer Zeit hat, darf es länger machen. Dann vollständig ausspucken, nicht schlucken, am besten in ein Papiertuch und in den Abfall, damit das Öl nicht den Abfluss verstopft. Danach den Mund mit warmem Wasser spülen.
Welches Öl: Traditionell kaltgepresstes, nicht geröstetes Sesamöl. Daneben gibt es Mundöle, in denen Kräuter in Sesamöl gekocht sind; unsere Gandusha-Mundziehöle gibt es mit Kräuter- und Zitronenaroma. Wer lieber mit einer wässrigen Lösung spült, nimmt die Kavala-Mundspülung — sie entspricht dem klassischen Kavala mit Kräuterauszügen statt Öl.
Was die Forschung sagt: Ölziehen ist besser untersucht, als man denkt, aber meist in kleinen Studien. Übersichtsarbeiten der letzten Jahre (etwa Woolley und Kollegen, 2020, und Peng und Kollegen, 2022) finden Hinweise, dass es die Zahl der Bakterien im Speichel verringern kann; für Zahnbelag und Zahnfleischentzündung sind die Ergebnisse uneinheitlich. Die Studien sind oft kurz, klein und wenig verblindet. Die amerikanische Zahnärztevereinigung empfiehlt es nicht als Ersatz für Putzen und Zahnseide. Das passt zur Tradition: Gaṇḍūṣa ist eine Ergänzung, keine Zahnbehandlung.
Drei Fragen, die oft gestellt werden
Warum zuerst die Zunge, dann das Öl? Damit das Öl nicht den Belag im Mund verteilt, den man gerade loswerden will, und damit es auf sauberen Flächen liegt.
Kann ich die Zunge mit der Zahnbürste reinigen? Es geht, aber schlechter: Die Borsten reizen die Zungenpapillen eher und nehmen den Belag weniger mit als eine glatte, gebogene Kante.
Für wen ist es nichts? Kinder sollten kein Öl ziehen, weil sie es schlucken könnten. Wer eine Sesamallergie hat, nimmt ein anderes Öl oder lässt es. Bei frischen Wunden im Mund, nach Eingriffen und bei Zahnfleischbluten, das nicht aufhört, fragt man zuerst die Zahnärztin.
Was man nicht erwarten sollte
Die ayurvedische Mundpflege ist eine Morgengewohnheit, keine Therapie. Sie ersetzt weder das Zähneputzen noch die Zahnseide noch die Kontrolle beim Zahnarzt, und sie heilt weder Karies noch Parodontitis. Was die meisten nach ein, zwei Wochen bemerken, ist bescheidener und doch angenehm: ein frischerer Mund am Morgen, ein klarerer Geschmack beim Frühstück und drei Minuten Ruhe, bevor der Tag beginnt.
Zum Weiterlesen
Die Mundpflege gehört zur ayurvedischen Tagesroutine, die mit heissem Wasser weitergeht. Die Pflanzen, die in Zahnpasten und Mundölen stecken, beschreiben die Porträts Nimba (Niem), Gewürznelke, Triphala und Süssholz. Dieser Artikel greift Anregungen aus dem Beitrag «Bevor der Tag Geschmack bekommt» der Fachredaktion von Amla Natur auf, mit deren freundlicher Genehmigung.