Traditionelle Verwendung
Die Gewürznelke ist lavaṅga, die devakusuma — «Götterblume» — die getrocknete, ungeöffnete Blütenknospe von Syzygium aromaticum, einem 10 bis 14 m hohen, immergrünen Baum aus der Familie der Myrtengewächse, der von den Molukken stammt und heute in Sansibar, Madagaskar, Indonesien, Sri Lanka und Südindien angebaut wird. Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India beschreibt Lavaṅga in Vol. I (Monographie 52): die nagelförmige Knospe, 1 bis 1,5 cm lang, rotbraun, mit dem vierkantigen Stiel und dem kugeligen Köpfchen, stark aromatisch und brennend-scharf; als Inhaltsstoffe nennt sie das ätherische Öl mit Eugenol, Eugenylacetat und Caryophyllen — die Knospe enthält 16 bis 21 % Öl, davon 75 bis 95 % Eugenol, so viel wie kaum eine andere Droge. Auch der Name lavaṅga ist, wie die Pflanze, aus Indonesien nach Indien gekommen.
Was die Tradition sagt
Die Gewürznelke schmeckt bitter und scharf (tikta, kaṭu), ist leicht und durchdringend (laghu, tīkṣṇa), kühlend (śīta) und hat scharfen vipāka — wie Kardamom ein scharfes Gewürz, das die Pharmakopöe als kühlend führt und das Kapha und Pitta senkt. Ihr Karma: dīpana (das Verdauungsfeuer anregend), pācana (verdauend), rucya (den Geschmack anregend), kaphapittaśāmaka, śūlahara (schmerzstillend) und kāsahara (hustenstillend). Die Anwendungsfelder heissen kāsa (Husten), śvāsa (Atemnot), hikkā (Schluckauf), kṣaya (Auszehrung), ādhmāna (Blähung), tṛṣṇā (Durst), chardi (Erbrechen) und amlapitta (saures Pitta, Übersäuerung). Dosis 0,5 bis 2 g Pulver; klassische Zubereitungen sind Lavaṅgādi Vaṭī und Lavaṅgādi Cūrṇa. Was diese Begriffe bedeuten und warum sie sich nicht in moderne Diagnosen übersetzen lassen, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.
Die Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu (Karpūrādi-varga, Verse 58–59) nennt die Nelke lavaṅga, devakusuma, śrīsaṃjña und śrīprasūnaka — die Namen der Glücksgöttin Lakṣmī stehen darin — und fasst zusammen: scharf und bitter, leicht, gut für die Augen (netrahita), kühlend, das Verdauungsfeuer anregend, verdauend, den Geschmack anregend; sie beseitige Kapha, Pitta und Blutverderbnis, Durst, Erbrechen, Blähung, Kolik, Husten, Atemnot, Schluckauf und Auszehrung «rasch und sicher». Im Aṣṭāṅgasaṃgraha wird die Nelke mit Jasmin und Kampfer im Mund gehalten, «wer Geschmack, Reinheit und Wohlgeruch wünscht» — eine Anweisung, die Hegde und Harini schon bei Caraka belegen (Ca. Sū. 5/76). Sie gehört mit Muskat und Kampfer zu den sugandhi-Drogen und steht in den grossen Verdauungs- und Herzrezepturen, im Lavaṅgādi Cūrṇa gegen Husten und im Lavaṅgacatuḥsama gegen Übelkeit.
Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen
Sabine Anlikers Lehrbuch für die Höhere Fachprüfung (Kapitel 43) folgt der Pharmakopöe in Steckbrief, Karma und Anwendungsfeldern (Vipāka scharf und süss), gibt als Dosis 0,5 bis 2 g Pulver ein- bis dreimal täglich mit Honig, 8 bis 10 Nelken zum Kauen oder 1 bis 3 Tropfen Öl, als Droge Früchte, Blüten und Öl — und als Nebenwirkungen: in sehr hohen Dosen Reizung der Schleimhäute, bei äusserlicher Anwendung allergische Haut- und Schleimhautreizungen, Vorsicht während der Schwangerschaft. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott führt Syzygium aromaticum als «wirkungsvolles Anregungsmittel und Aromatikum für Lunge und Magen», Antiseptikum für Mund und Rachen, Analgetikum, āmapācana und Augentonikum (cakṣuṣya), rajasisch, mit 90 klassischen Zubereitungen. Schrott und Ammon stellen in ihrem Lehrbuch die Sichten nebeneinander: ayurvedisch die bitter-scharfe Knospe, die Agni entfacht, Āma «verbrennt» und die Srotas klärt (mit den Hausmitteln: Nelkenöl ans Zahnfleisch bei Zahnschmerz, ½ TL Nelkenpulver in Granatapfelsaft bei Schwangerschaftserbrechen, mit Honig bei Husten und Schluckauf); westlich die Droge Caryophylli flos und vor allem das Öl Caryophylli aetheroleum — antimikrobiell, spasmolytisch, lokal schmerzstillend, nach Kommission E bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut (1 bis 5 % Öl im Mundwasser) und in der Zahnheilkunde zur lokalen Schmerzstillung; Eugenol hemmt die Cyclooxygenase-2. Zoller und Nordwig geben Guna leicht und ölig, Vata regulierend, die Nelke erhitzt im Mund gegen Halsschmerzen, Lavaṅgacatuḥsama-Tabletten, und aus der westlichen Praxis: vier Nelken auf 1 kg Butter beim Ghee-Kochen, eine Nelke lutschen gegen Reisekrankheit — und die Bemerkung, dass Ayurveda die Nelke trotz śīta «als erwärmende Medizin» bei Erkältung und Husten nutzt.
Hans H. Rhyner und Birgit Frohn (Heilpflanzen im Ayurveda, 2006): leicht, spitz und ölig, scharf und bitter, kühlend (wie die Bhāvaprakāśa), scharfer vipāka, Kapha und Pitta senkend. Im Haushalt unbedenklich; grössere Mengen oder reines Nelkenöl können schwere Vergiftungen verursachen, das Öl reizt die Schleimhäute.
Forschungslage
Die Gewürznelke ist in Europa vor allem als Zahnmittel erforscht — und als Gewürz mit einem der höchsten Gehalte an antioxidativen Phenolen.
Kommission E und WHO. Die deutsche Kommission E hat Nelken und Nelkenöl positiv bewertet: bei entzündlichen Veränderungen der Mund- und Rachenschleimhaut und zur lokalen Schmerzstillung in der Zahnheilkunde. Die WHO-Monographie Flos Caryophylli (2002) nennt dieselben Anwendungen. Eine EMA-Monographie gibt es nicht. Eugenol ist in der Zahnmedizin seit dem 19. Jahrhundert Standard (Zinkoxid-Eugenol-Zement); Alqareer et al. (2006) zeigten in einer kleinen randomisierten Studie, dass ein Nelkengel die Mundschleimhaut so wirksam betäubt wie 20 % Benzocain.
Labor und Tier. Nelkenöl und Eugenol sind im Labor stark antibakteriell (auch gegen Plaque-Bakterien), antiviral (Herpes), antimykotisch und entzündungshemmend (COX-2-Hemmung); Nelken haben in Vergleichsmessungen die höchste antioxidative Kapazität aller gebräuchlichen Gewürze. Kleine Studien aus Indien und dem Iran zu Blutzucker und Blutfetten mit Nelkenpulver oder -extrakt sind vorläufig.
Was fehlt. Für die ayurvedischen Kernanwendungen — Husten, Atemnot, Schluckauf, Übelkeit, Übersäuerung — gibt es keine kontrollierten Studien am Menschen; die Evidenz ist die der Zahnmedizin und die des Labors.
Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für die Gewürznelke. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.
Sicherheit
Als Gewürz ist die Nelke unbedenklich — die Vorsicht gilt dem Öl.
Nelkenöl. Das ätherische Öl ist zu 75 bis 95 % Eugenol und in konzentrierter Form gewebereizend. Verschluckt in Millilitermengen ist es für Kleinkinder gefährlich: LiverTox dokumentiert Fälle von akutem Leberversagen bei Kindern nach 8 bis 20 ml Nelkenöl (Wahrscheinlichkeitsgrad C, «in Überdosis wahrscheinliche Ursache»). Öle ausser Reichweite von Kindern aufbewahren, nie unverdünnt einnehmen. In therapeutischen Dosen ist Eugenol nicht mit Leberschäden in Verbindung gebracht worden.
Allergie. Eugenol ist ein bekanntes Kontaktallergen (Bestandteil des «Duftstoff-Mix»); bei äusserlicher Anwendung sind Haut- und Schleimhautreaktionen möglich — Anliker, Schrott/Ammon und Zoller nennen dies übereinstimmend.
Schwangerschaft. Anliker: Vorsicht in der Schwangerschaft; das Lexikon schreibt der Nelke eine wehenfördernde Wirkung zu. Als Gewürz im Essen unbedenklich; Präparate in Drogenmengen und Nelkenöl in der Schwangerschaft meiden.
Gerinnung. Eugenol hemmt im Labor die Thrombozytenaggregation; wer Blutverdünner nimmt, sollte Nelkenpräparate in Drogenmengen mit der Ärztin besprechen.
Pitta. Trotz śīta in der Pharmakopöe: Die Nelke ist scharf und durchdringend — in grossen Mengen brennt sie; Zoller nennt sie «erwärmende Medizin».
Menge. Die Vedika-Präparate enthalten die Nelke in Gewürzmengen — 63 bis 84 mg je Tagesdosis in den Rezepturen, im Tee, in den Zahnpasten und Ölen als Aroma- und Wärmekomponente.
Verfälschung. Als Verfälschungen nennen Hegde und Harini Mutternelken, aufgeblühte Nelken, Nelkenstiele und bereits entölte Nelken. Echte Ware ist eine rotbraune Knospe bis 1,7 cm Länge mit leicht abgeflachtem Stiel und einem Köpfchen aus vier Kelchzipfeln und der kugeligen, noch geschlossenen Krone; sie riecht kräftig würzig und schmeckt scharf. Geerntet wird, wenn die Knospen von Grün zu Zartrosa wechseln.
Zubereitung und Formen
Die Pharmakopöe nennt 0,5 bis 2 g Pulver, Anliker 8 bis 10 Nelken zum Kauen; die Tradition gibt die Nelke als Gewürz, im Mund gehalten, mit Honig, im Ghee und in Rezepturen für Verdauung und Atemwege. Im Vedika-Sortiment steht die Gewürznelke in acht Präparaten — im Kapha Tee, in drei Rezepturen von Maharishi Ayurveda, in beiden Zahnpasten und in zwei äusserlichen Ölen.
Als Tee: Kapha Tee, Bio (mit Ingwer, schwarzem Pfeffer, Kardamom, Gelbwurz und Safran — die scharfe Kapha-Mischung).
In Rezepturen von Maharishi Ayurveda: Pitta Balance (84 mg je Tagesdosis, mit Kardamom, Zimt und Nagkesar im Ghee), AyurAci-Balance (63 mg, mit Amalaki, Süssholz und Turpethwurzel) und Eisen-Rasayana (in den indischen Kräuterpulvern mit Lorbeerblatt und Eisenholzblüte).
Mundpflege: Ayurdent Classic und Ayurdent Mild Zahnpasta (Nelkenöl neben Triphala, Neem und Lodhra — die Nelke in ihrer ältesten Rolle).
Äusserlich: Pirant Balm, Bio und Ayurvedisches Kräuteröl mit Minze (Nelkenöl mit Pfefferminz-, Fenchel- und Eukalyptusöl).
Quellen
- The Ayurvedic Pharmacopoeia of India, Part I, Vol. I, Monographie 52 Lavaṅga (Blütenknospe), S. 80. Ministry of AYUSH. pcimh.gov.in
- Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu, Karpūrādi-varga, Verse 58–59 (Lavaṅga). Ausgabe Chunekar/Pandey, Chaukhambha Bharati Academy, Varanasi 2002, Buch-S. 216 (Teil 1, PDF-S. 118).
- Anliker, Sabine: Heilpflanzen Ayurveda Medizin. 3. Auflage, Trägerorganisation Ayurveda CH, 2023, ISBN 978-3-033-08908-2, Kapitel 43 Lavaṅga, S. 99–100 — mit Verweis auf API Vol. I, Zoller/Nordwig und Schrott/Ammon.
- Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Syzygium aromaticum — Dravyaguna, Karma, 90 Zubereitungen.
- Schrott E, Ammon HPT. Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Eine Gegenüberstellung. Springer, Berlin/Heidelberg 2012, Kapitel 9, Syzygium aromaticum, S. 310–311.
- Zoller A, Nordwig H. Heilpflanzen der Ayurvedischen Medizin. Ein praktisches Handbuch. Haug, Stuttgart 1997 (5. Auflage Narayana 2026) — Syzygium aromaticum.
- Kommission E: Monographie Caryophylli flos / Caryophylli aetheroleum (Gewürznelken, Nelkenöl), Bundesanzeiger 1985.
- WHO Monographs on Selected Medicinal Plants, Vol. 2, Genf 2002: Flos Caryophylli.
- Alqareer A, Alyahya A, Andersson L. The effect of clove and benzocaine versus placebo as topical anesthetics. Journal of Dentistry 2006; 34(10):747–750.
- LiverTox: Clinical and Research Information on Drug-Induced Liver Injury. Eugenol (Clove Oil). NIDDK, Bethesda, Update 28.10.2019. ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK551727
- Janes SE, Price CS, Thomas D. Essential oil poisoning: N-acetylcysteine for eugenol-induced hepatic failure and analysis of a national database. European Journal of Pediatrics 2005; 164(8):520–522.
- Hartnoll G, Moore D, Douek D. Near fatal ingestion of oil of cloves. Archives of Disease in Childhood 1993; 69(3):392–393.
- Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
- Rhyner HH, Frohn B: Heilpflanzen im Ayurveda. AT Verlag, Baden und München 2006, ISBN 978-3-03800-279-6, Eintrag Gewürznelke, S. 79–81.
- Hegde PL, Harini A. A Text Book of Dravyaguna Vijnana, Vol. II (nach dem NCISM-Lehrplan). Chaukhambha Publications, New Delhi 2023, S. 437–442 (Kap. 2.58 Lavanga).
Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.