Traditionelle Verwendung
Lajjalu ist lajjālu, «die Scheue» — die Mimose Mimosa pudica, die Sinnpflanze, deren gefiederte Blätter sich bei Berührung zusammenfalten und die Zweige senken: ein niedriger, stacheliger Halbstrauch von 25 bis 50 cm aus dem tropischen Amerika, der sich über die feuchten, heissen Regionen Indiens ausgebreitet hat und dort an Wegrändern und Feldern wächst. Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India beschreibt Lajjālu in Vol. II (Monographie 45) als die ganze getrocknete Pflanze mit dem Alkaloid Mimosin; die Pharmakologie nennt dazu Gerbstoffe (10 % in der Wurzel), Flavonoide und die Schleimstoffe der Samen. Die Sanskrit-Namen sagen alle dasselbe: lajjālu (scheu), samaṅgā (die sich zusammenzieht), namaskārī (die sich verneigt), raktapādī (mit rotem Fuss, nach den rötlichen Stängeln); im Deutschen heisst sie Schamhafte Sinnpflanze, im Englischen touch-me-not.
Was die Tradition sagt
Lajjalu schmeckt bitter und herb (tikta, kaṣāya), ist leicht und trocken (laghu, rūkṣa), kühlend (śīta) und hat scharfen vipāka — die kühlende, zusammenziehende Droge, die Kapha und Pitta senkt. Ihr Karma nach der Pharmakopöe: grāhī (stopfend, Flüssigkeit bindend), kaphahara und pittahara. Die Anwendungsfelder heissen śopha (Schwellung), atisāra (Durchfall), śvāsa (Atemnot), dāha (Brennen), kuṣṭha (Hautleiden), vraṇa (Wunden), yoniroga (Leiden der weiblichen Geschlechtsorgane) und raktapitta (Blutungsleiden). Dosis 10 bis 20 g für den Dekokt; klassische Zubereitungen sind Samaṅgādi Cūrṇa, Kuṭajāvaleha, Puṣyānuga Cūrṇa und Bṛhat Gaṅgādhara Cūrṇa — die Rezepturen gegen Durchfall und Blutungen. Was diese Begriffe bedeuten und warum sie sich nicht in moderne Diagnosen übersetzen lassen, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.
Die Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu (Guḍūcyādi-varga, nach der Śaṅkhapuṣpī) nennt die Pflanze lajjālu, śamīpatrā, samaṅgā, jalakārikā, raktapādī, namaskārī und khadirikā und fasst zusammen: kühlend, bitter und herb, Kapha und Pitta besiegend; sie vernichte raktapitta, Durchfall und yoniroga. Der Kommentar Chunekars notiert, dass die meisten Gelehrten Mimosa pudica als Lajjālu anerkennen, einige aber Biophytum sensitivum, und dass Caraka die Pflanze unter die purīṣasaṃgrahaṇīya (den Stuhl bindenden) Drogen zählt. Nach Hegde und Harini steht sie bei Caraka ausserdem unter den sandhānīya-Drogen und bei Suśruta im Priyaṅgvādi- und im Ambaṣṭhādi-gaṇa; sie unterscheiden zwei Sorten, Lajjālu (Mimosa pudica) und viparīta lajjālu (Biophytum sensitivum). In der Volksmedizin ist die Mimose die Wund- und Blutungspflanze — Blattsaft auf Wunden, Hämorrhoiden und Bisse, Wurzeldekokt bei Harnsteinen und Ausfluss — und, wegen ihrer Berührungsscheu, ein Bild für die Sinnesorgane, die sich zurückziehen.
Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen
Sabine Anlikers Lehrbuch für die Höhere Fachprüfung führt Lajjalu nicht unter den achtzig Pflanzen. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott führt Mimosa pudica als blutstillend, steinauflösend, wundheilend, abschwellend, gegen Hautkrankheiten und Durchfall, 10 bis 20 g für den Dekokt, mit 14 klassischen Zubereitungen. Schrott und Ammon stellen in ihrem Lehrbuch die Sichten nebeneinander: ayurvedisch die Wurzelabkochung 1:10 (8 bis 25 ml) bei Harnwegsleiden und Steinen, der Blattaufguss, der Blattsaft äusserlich; westlich eine Pflanze, die «in der Phytotherapie nicht mehr gebraucht» wird — nur in der Homöopathie —, volkstümlich früher bei Drüsenschwellungen und zur Wundheilung, mit Labordaten zu Mimosin, Gerbstoffen und antimikrobieller Wirkung; Nebenwirkungen «werden nicht berichtet». Zoller und Nordwig geben dasselbe Profil (Pitta und Kapha senkend, Rasa herb und bitter), Wurzel und Blätter, die Wurzelabkochung bei Harnsteinen und «zur Reinigung von Blut und Galle», die Blattpaste bei Drüsenschwellungen, den Saft auf Wunden, Hämorrhoiden und Bisse — und Nebenwirkungen: keine bekannt.
Forschungslage
Lajjalu ist eine Pflanze der Labore und der Volksmedizin — ohne klinische Prüfung.
Labor. Mimosin, Gerbstoffe und Flavonoide sind gut charakterisiert; Extrakte wirken im Tierversuch wundheilend, blutstillend, antidiarrhoisch, krampflösend, gegen Schlangengift (Neutralisation von Cobra-Gift im Labor) und antimikrobiell — und die Samenschleime sind ein Thema der pharmazeutischen Technologie. Übersichten (Ahmad et al., 2012) fassen mehrere Dutzend präklinische Arbeiten zusammen.
Am Menschen. Keine kontrollierte Studie zur inneren Anwendung; einzelne Beobachtungen zur Wundheilung. Die ayurvedische Kernanwendung — Blutungen, Durchfall, Frauenleiden — ist unbelegt nach heutigen Massstäben.
Mimosin. Die Aminosäure Mimosin ist in grösseren Mengen giftig — bei Weidetieren, die Mimosen fressen, verursacht sie Haarausfall und Schilddrüsenstörungen; für die Drogendosis beim Menschen ist das ein Hinweis, keine belegte Gefahr.
Was fehlt. Alles Klinische; Daten zur Dauereinnahme. Keine EMA- und keine Kommission-E-Monographie.
Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Lajjalu. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.
Sicherheit
Lajjalu gilt als milde Droge — Schrott/Ammon und Zoller/Nordwig nennen keine Nebenwirkungen.
Stopfend. Grāhī und gerbstoffreich: bei Verstopfung nicht als Einzeldroge; Gerbstoffe können die Aufnahme von Eisen und Medikamenten mindern — Abstand zur Einnahme halten.
Schwangerschaft. Die Tradition gibt Lajjalu bei Frauenleiden und Blutungen; zur Schwangerschaft gibt es keine Daten — Präparate in Drogendosis nur nach Rücksprache. Hegde und Harini führen unter den pharmakologischen Wirkungen zudem eine fruchtbarkeitshemmende Wirkung an, ein weiterer Grund zur Zurückhaltung bei Kinderwunsch.
Mimosin. In Drogendosen über längere Zeit theoretisch ein Thema (Schilddrüse, Haar) — ein Grund, bei den Pharmakopöe-Dosen zu bleiben.
Vata. Trocken, leicht, kühlend, zusammenziehend — bei hohem Vata nicht als Einzeldroge über längere Zeit.
Menge. Die Vedika-Präparate enthalten Lajjalu als wässrigen Auszug in Rezepturmengen — 173 bis 347 mg je Tagesdosis (AyurSkin Beauty), 44 bis 133 mg (Für die aktive Frau) — weit unter der Drogendosis.
Zubereitung und Formen
Die Pharmakopöe nennt 10 bis 20 g für den Dekokt; die Tradition gibt Lajjalu als Wurzelabkochung, Blattaufguss, Blattsaft und Paste äusserlich und in den Rezepturen gegen Durchfall und Blutungen. Im Vedika-Sortiment steht Lajjalu in zwei Rezepturen von Maharishi Ayurveda — beide für Frauen.
In Rezepturen von Maharishi Ayurveda: AyurSkin Beauty (173 bzw. 347 mg wässriger Auszug aus Mimosa pudica — neben Ashwagandha und Gotu Kola die Hauptzutat der Hautrezeptur, mit Safran und Koralle) und Für die aktive Frau (44 bzw. 133 mg Mimosa pudica neben Shatavari, Ashoka, Lodhra und Punarnava).
Quellen
- The Ayurvedic Pharmacopoeia of India, Part I, Vol. II, Monographie 45 Lajjālu (ganze Pflanze), S. 104–107. Ministry of AYUSH. pcimh.gov.in
- Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu, Guḍūcyādi-varga (Lajjālu, nach Śaṅkhapuṣpī; mit Kommentar zur Identität). Ausgabe Chunekar/Pandey, Chaukhambha Bharati Academy, Varanasi 2002, Buch-S. 456–457 (Teil 2, PDF-S. 95).
- Caraka Saṃhitā, Sūtrasthāna 4 (purīṣasaṃgrahaṇīya). Nach dem Kommentar der BP-Ausgabe.
- Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Mimosa pudica — Dravyaguna, Karma, 14 Zubereitungen; Lajjalu ist nicht unter Anlikers 80 Pflanzen.
- Schrott E, Ammon HPT. Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Eine Gegenüberstellung. Springer, Berlin/Heidelberg 2012, Kapitel 9, Mimosa pudica, S. 258–259.
- Zoller A, Nordwig H. Heilpflanzen der Ayurvedischen Medizin. Ein praktisches Handbuch. Haug, Stuttgart 1997 (5. Auflage Narayana 2026) — Mimosa pudica.
- Ahmad H, Sehgal S, Mishra A, Gupta R. Mimosa pudica L. (Laajvanti): An overview. Pharmacognosy Reviews 2012; 6(12):115–124.
- Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
- Hegde PL, Harini A. A Text Book of Dravyaguna Vijnana, Vol. II (nach dem NCISM-Lehrplan). Chaukhambha Publications, New Delhi 2023, S. 427–431 (Kap. 2.56 Lajjalu).
Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.