← Wissen

Pflanze · Rasayana · Frauen (strī-rasāyana) · Vṛṣya

Shatavari

śatāvarī — «die hundert Wurzeln hat»; auch nārāyaṇī, abhīru, atirasa, śatamūlī · Asparagus racemosus Willd. (Syn. Protasparagus racemosus) · Asparagaceae (Spargelgewächse; in der Pharmakopöe noch Liliaceae)
Wilder indischer Spargel, Satavar, Satamul (Hindi), Shatamuli (Bengali), Shimai-Shadvari (Tamil), Wild asparagus (engl.)

Shatavari ist die Wurzel des wilden indischen Spargels — im Ayurveda das grosse Rasayana für Frauen: süss, kühlend, nährend, Pitta und Vata senkend, die Milchbildung fördernd. Was die Tradition sagt, was die jungen Studien zu Stillzeit und Wechseljahren zeigen und worauf man achten sollte.

Zuletzt überprüft: 5. Oktober 2026 · abgeglichen mit API, Anliker, Schrott-Lexikon, Zoller/Nordwig, Schrott/Ammon, Herbal Reality, Hegde/Harini

Shatavari
Tafel «Asparagus racemosus, Willd.» aus Kanhoba Ranchoddas Kirtikar und Baman Das Basu, Indian Medicinal Plants, Plates Band V, Allahabad 1918. Gemeinfrei, über Wikimedia Commons; für Vedika monochrom in Waldgrün auf Cream dargestellt.

Traditionelle Verwendung

Asparagus racemosus, der wilde indische Spargel, ist eine kletternde, vielfach verzweigte Staude mit nadelförmigen, zu Dornen umgebildeten Blättchen, kleinen weissen, duftenden Blüten und roten Beeren, die in ganz Indien bis in die Hügel des Himalaya wächst und mit dem europäischen Gemüsespargel verwandt ist. Verwendet werden die Wurzelknollen — ein Büschel fleischiger, spindelförmiger Wurzeln, das dem Namen zugrunde liegt: śatāvarī wird als «die hundert Wurzeln hat» gedeutet, aber auch als «die hundert (Ehemänner) verträgt» — ein Hinweis auf ihre Rolle als Frauenpflanze. Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India beschreibt in Vol. IV die Knollenwurzeln und nennt als Synonyme nārāyaṇī, vārī, abhīru («die Furchtlose») und atirasa («die Saftreiche»).

Was die Tradition sagt

Shatavari schmeckt süss und bitter (madhura, tikta), ist ölig und schwer (snigdha, guru), kühlend (śīta) und hat süssen vipāka — der Steckbrief eines aufbauenden, nährenden Mittels. Die Pharmakopöe fasst das Karma in dreizehn Begriffen: vṛṣya (die Zeugungskraft stärkend), śukraja und śukrala (das Fortpflanzungsgewebe mehrend), balya (kräftigend), medhya (den Geist stärkend), rasāyana (verjüngend), kaphavātaghna, pittahara und vātahara (Pitta und Vata senkend), stanyakara (die Milchbildung fördernd), hṛdya (gut für das Herz), netrya (gut für die Augen) und agnipuṣṭikara (das Verdauungsfeuer nährend). Im Zusammenspiel von süssem Geschmack, kühlender Wirkung und öliger Qualität ist Shatavari die klassische Pflanze für Pitta und Vata zugleich; Kapha kann sie im Übermass vermehren.

Die Anwendungsfelder der Pharmakopöe sind ungewöhnlich zahlreich: śotha (Schwellung), kṣaya (Auszehrung), pariṇāma śūla (Schmerz nach der Verdauung), gulma (Geschwulst im Bauchraum), atīsāra und raktātisāra (Durchfall, blutiger Durchfall), raktavikāra (Störungen des Blutes), mūtrarakta (Blut im Harn), amlapitta («saures Pitta», die Übersäuerung), arśa (Hämorrhoiden), vātajvara (Vata-Fieber), svarabheda (Stimmstörung), naktāndhya (Nachtblindheit), vātarakta, raktapitta (Blutungsneigung), visarpa, sūtikā roga (Beschwerden des Wochenbetts), stanya doṣa und stanya kṣaya (Störung und Mangel der Muttermilch). Was diese Begriffe bedeuten und warum sie sich nicht in moderne Diagnosen übersetzen lassen, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.

Der Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu (16. Jh.) führt Shatavari im Guḍūcyādi-varga (Verse 184–188) mit den Namen bahusutā («die viele Kinder hat»), bhīru, indīvarī, varī, nārāyaṇī, śatapadī, śatavīryā und pīvarī und unterscheidet eine «grosse Shatavari» (mahāśatāvarī, śatamūlī). Er nennt sie schwer, kühlend, bitter und süss, rasāyanī, Verstand und Verdauungsfeuer nährend, ölig, gut für die Augen, śukra und Muttermilch mehrend, kräftigend, Vata, Pitta, Blutstörungen und Schwellung beseitigend. Hegde und Harini ordnen die grosse Shatavari der verwandten Art Asparagus sarmentosus zu; die Caraka Saṃhitā führt Shatavari unter den kräftigenden (balya) und den das Alter aufhaltenden Mitteln (vayaḥsthāpana). Die Tradition zählt Shatavari zu den grossen Rasayanas und zu den wichtigsten Pflanzen für Frauen — vom Kinderwunsch über Schwangerschaft und Stillzeit bis in die Wechseljahre — und gibt sie klassisch mit Milch. Die Pharmakopöe nennt 3 bis 6 g als Dosis und eine lange Reihe von Zubereitungen: Śatāvarī Guḍa, Śatāvarī Ghṛta, Śatāvarī Kalpa, Brahma Rasāyana, Pūga Khaṇḍa, Saubhāgya Śuṇṭhī, Mahānārāyaṇa Taila, Bṛhat Chāgalādya Ghṛta, Aśvagandhāriṣṭa und Nārasiṃha Cūrṇa.

Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen

Sabine Anlikers Lehrbuch für die Höhere Fachprüfung (Kapitel 62) folgt der Pharmakopöe in Steckbrief, Karma und Anwendungsfeldern, nennt als Dosis 3 bis 6 g Pulver ein- bis dreimal täglich mit Milch oder warmem Wasser, als Droge die Wurzel, und führt weder Neben- noch Wechselwirkungen noch Kontraindikationen an. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott ergänzt den Namen śatamūlī («mit hundert Wurzeln»), nennt Shatavari «Pflanze der Wahl bei Magenübersäuerung», ordnet sie als sattvisch und Ojas vermehrend ein, lässt sie alle Dhatus und vor allem śukra stärken und zählt sie zum kaṇṭaka pañcamūla, den «fünf Dornenwurzeln». 125 klassische Zubereitungen führt das Lexikon für den wilden Spargel.

Hans H. Rhyner und Birgit Frohn (Heilpflanzen im Ayurveda, 2006): schwer, ölig und weich, bitter und süss, süsser vipāka, kühlend, Vata und Pitta senkend; Präparate Phala Ghrita, Shatavari Gulam, Narayana Thaila äusserlich.

Forschungslage

Shatavari wird in Indien als Frauenpflanze so selbstverständlich gegeben wie in Europa der Frauenmantel — die Forschung dazu ist aber jung und stammt fast vollständig aus Indien. Die Chemie ist beschrieben: Steroidsaponine, die Shatavarine (vor allem Shatavarin IV), dazu Schleimstoffe, Oligosaccharide und Spuren von Isoflavonen; auf die Saponine werden Extrakte standardisiert.

Stillzeit. Die klassische Anwendung als stanyakara ist die am besten untersuchte. Gupta und Shaw (2011) gaben 60 Frauen mit unzureichender Milchbildung 30 Tage lang Shatavari-Wurzelpulver oder Placebo und fanden einen dreifach höheren Prolaktinspiegel und mehr Gewichtszunahme der Säuglinge. 2025 folgte eine grössere, doppelblinde Studie an 120 Wöchnerinnen (Ajgaonkar und Kollegen, Journal of Obstetrics and Gynaecology): 300 mg Wurzelextrakt zweimal täglich über die ersten 72 Stunden nach der Geburt führten zu früherem Milcheinschuss, mehr abgepumpter Milch und höherer Zufriedenheit, ohne unerwünschte Wirkungen. Die amerikanische Stilldatenbank LactMed hält fest, dass die Datenlage für eine Empfehlung dennoch dünn ist; eine ältere indische Studie mit einem Kombinationspräparat hatte keinen Effekt gefunden.

Wechseljahre. Drei placebokontrollierte Studien aus den Jahren 2024 und 2025 untersuchten standardisierten Wurzelextrakt bei Frauen mit Wechseljahrsbeschwerden — Gudise (Cureus 2024), Yadav (Journal of the American Nutrition Association 2025) und Ademola (Frontiers in Reproductive Health 2025, 135 Frauen, acht Wochen, allein und kombiniert mit Ashwagandha). Alle berichten bessere Werte auf der Menopause-Bewertungsskala, die Hormonwerte blieben unverändert, Nebenwirkungen waren mild. Es sind kurze Studien mit kleinen Gruppen, mehrere vom selben Studienzentrum und mit Extrakten bestimmter Hersteller; unabhängige Wiederholungen fehlen.

Weitere Felder. Eine kleine britische Studie (O'Leary und Kollegen, 2021) fand bei zwanzig Frauen nach den Wechseljahren unter Shatavari mehr Muskelkraft beim Krafttraining. Zu Magenübersäuerung, Fruchtbarkeit und Stress gibt es Labor- und Tierdaten und vereinzelte kleine Studien am Menschen — Hinweise, keine Belege.

Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Shatavari, und die Europäische Arzneimittelagentur hat keine Monographie zu Asparagus racemosus erstellt. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.

Sicherheit

Shatavari gehört zu den mildesten Pflanzen des Ayurveda: Pharmakopöe, Anliker und Lexikon nennen keine Neben- oder Wechselwirkungen und keine Kontraindikationen, und in den klinischen Studien traten nur vereinzelt leichte Magen-Darm-Beschwerden auf. Einige Punkte gehören dennoch dazu.

Allergie. Wer auf Spargel allergisch reagiert, kann auch auf den wilden Spargel reagieren; Einzelfälle von Hautausschlag und Atembeschwerden sind beschrieben.

Hormonell wirksame Erkrankungen. Shatavari enthält Steroidsaponine und wird in der Tradition als Pflanze mit Wirkung auf das weibliche Hormonsystem eingesetzt. Ob sie am Menschen östrogenartig wirkt, ist nicht belegt — die Hormonwerte in den Studien blieben unverändert —, aber bei hormonabhängigen Erkrankungen ist Zurückhaltung geboten und ärztliche Rücksprache angezeigt.

Kapha, Gewicht, Verdauung. Schwer, ölig und süss: Bei träger Verdauung, viel Schleim oder Neigung zu Gewichtszunahme kann Shatavari nach der Tradition Kapha vermehren; sie wird dann mit wärmenden Gewürzen kombiniert. Die milde harntreibende Wirkung gilt es bei Entwässerungsmitteln zu bedenken.

Blutzucker. Im Tierversuch senkt Shatavari den Blutzucker; wer blutzuckersenkende Medikamente nimmt, behält die Werte im Blick.

Schwangerschaft, Stillzeit, Kinder. Die Tradition gibt Shatavari gerade in Schwangerschaft und Stillzeit, und die Stillstudien haben keine Probleme gezeigt. Für Nahrungsergänzungsmittel gilt gleichwohl der Herstellerhinweis: nicht für Kinder, in Schwangerschaft und Stillzeit nur nach Rücksprache — die Extrakte sind nicht die Pflanze der Klassiker.

Herkunft. Der wilde Spargel wurde in Indien so stark gesammelt, dass er in seinen natürlichen Beständen als gefährdet gilt; die Handelsware stammt heute aus dem Anbau. Für Präparate aus europäischer Herstellung bürgt die Identitätsprüfung nach Lebensmittelrecht.

Verwechslung und Qualität. Als Verfälschung nennen Hegde und Harini die geschälte Wurzel von Asparagus adscendens. Echte Ware besteht aus geschälten, getrockneten, unverzweigten Wurzeln von 5 bis 15 cm Länge und bis 1 cm Dicke, spindelförmig, etwas durchscheinend und tief längsrunzelig, mit glatter, wachsartiger, hellbrauner bis fleischfarbener Oberfläche; der Querschnitt ist mehlig weiss mit gelblichem Mittelstrang, der Geschmack süsslich mit bitterem Nachgeschmack (grāhya lakṣaṇa).

Zubereitung und Formen

Die Pharmakopöe nennt 3 bis 6 g Wurzelpulver täglich, Anliker ein- bis dreimal täglich mit Milch oder warmem Wasser; der Bhāvaprakāśa gibt sie ebenfalls mit Milch. Die klinischen Studien verwendeten 300 bis 500 mg standardisierten Extrakt ein- bis zweimal täglich.

Ganze Wurzel in Rezepturen: Energie Plus von SomaMed (920 mg Shatavari-Wurzelpulver je Tagesdosis, zu gleichen Teilen mit Ashwagandha), Vata Formula Plus (360 mg, mit Ashwagandha, Brahmi, Melisse und Baldrian), Studenten-Rasayana von Maharishi Ayurveda (159 mg je zwei Tabletten, als grösster Bestandteil vor Brahmi, Shankhapushpi und Gotu Kola), Für die aktive Frau (209 bis 629 mg wässriger Auszug je Tagesdosis, mit Lodhra und Ashoka), Männer-Rasayana, Amrit Kalash MA 4 und MA 4 T (21 mg im wässrigen Extrakt) und MA 5 (20 mg).

Extrakt in Kombination: WOMENcare (140 mg Shatavari-Extrakt mit 56 mg Saponinen je Tagesdosis, mit Calcium) — das Care-Präparat, in dem Shatavari Hauptbestandteil ist — sowie in kleineren Anteilen VATAcare, MENTALcare, ACIDcare, BONEcare und VITALITYcare.

Äusserlich: im Nasya-Öl und im Pirant Balm, beide nach klassischen Rezepturen mit Shatavari-Auszug in Sesamöl.

Pulver (Churna): die Form der Pharmakopöe, 3 bis 6 g in warmer Milch — ein reines Shatavari-Präparat führen wir zurzeit nicht; wenn die Nachfrage es trägt, nehmen wir das Churna der AyurVeda AG auf.

Quellen

  • The Ayurvedic Pharmacopoeia of India, Part I, Vol. IV, Monographie 50 Śatāvarī (Wurzel), S. 108. Ministry of AYUSH. pcimh.gov.in
  • Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu des Bhāvamiśra (16. Jh.), Guḍūcyādi-varga 184–188, Nr. 96 Śatāvar; Ausgabe K. C. Chunekar / G. S. Pandey, Chaukhambha Bharati Academy, Varanasi 2002, S. 392–393.
  • Anliker, Sabine: Heilpflanzen Ayurveda Medizin. 3. Auflage, Trägerorganisation Ayurveda CH, 2023, ISBN 978-3-033-08908-2, Kapitel 62 Śatāvarī, S. 142–143 — mit Verweis auf API Vol. IV S. 108, Zoller/Nordwig und Schrott/Ammon.
  • Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Asparagus racemosus — Dravyaguna, Karma, Dhatu, Dosis, 125 Zubereitungen.
  • Gupta M, Shaw B. A double-blind randomized clinical trial for evaluation of galactogogue activity of Asparagus racemosus Willd. Iranian Journal of Pharmaceutical Research 2011; 10(1):167–172.
  • Ajgaonkar A, Debnath T, Bhatnagar S, Debnath K, Langade J. Shatavari (Asparagus racemosus Willd) root extract for postpartum lactation: a randomised, double-blind, placebo-controlled study. Journal of Obstetrics and Gynaecology 2025; 45(1). DOI 10.1080/01443615.2025.2564168.
  • Ademola J, Ajgaonkar A, Debnath T, Debnath K, Langade J. Efficacy and safety of Shatavari root extract (Asparagus racemosus) for menopausal symptoms: a randomized, double-blind, three-arm, placebo-controlled study. Frontiers in Reproductive Health 2025; 7:1654503. DOI 10.3389/frph.2025.1654503. Open Access.
  • Gudise VS, Dasari MP, Kuricheti SSK. Efficacy and safety of Shatavari root extract for the management of menopausal symptoms: a double-blind, multicenter, randomized controlled trial. Cureus 2024; 16(4):e57879. — Yadav P et al. A standardized Asparagus racemosus root extract improves hormonal balance and menstrual health and reduces vasomotor symptoms in perimenopausal women. Journal of the American Nutrition Association 2025; 44(8):754–764.
  • O'Leary MF, Jackman SR, Sabou VR, et al. Shatavari supplementation in postmenopausal women improves handgrip strength and increases Vastus lateralis myosin regulatory light chain phosphorylation. Journal of the International Society of Sports Nutrition 2021; 18:32.
  • Drugs and Lactation Database (LactMed): Wild Asparagus. NCBI Bookshelf. ncbi.nlm.nih.gov
  • Swissmedic: Asiatische Arzneimittel — Meldeverfahren; Anhang 9 (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS) KPAV, Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
  • Rhyner HH, Frohn B: Heilpflanzen im Ayurveda. AT Verlag, Baden und München 2006, ISBN 978-3-03800-279-6, Eintrag Shatavari, S. 198–200.
  • Hegde PL, Harini A. A Text Book of Dravyaguna Vijnana, Vol. II (nach dem NCISM-Lehrplan). Chaukhambha Publications, New Delhi 2023, S. 614–621 (Kap. 2.83 Shatavari).

Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.

Präparate mit Shatavari

Ein Verzeichnis, keine Empfehlung. Was ein Präparat enthält, steht auf seiner Seite unter «Inhalt».