Manjistha
mañjiṣṭhā — «die sehr Rote»; auch yojanavallī, vastrarañjinī, raktā, vikasā · Rubia cordifolia L. · Rubiaceae (Rötegewächse)
Indische Färberwurzel, Indischer Krapp, Manjith, Majeeth (Hindi/Urdu), Indian madder (Englisch), Manjatti (Malayalam), Manjitte (Tamil)
Manjistha, «die sehr Rote», ist die Färberwurzel des Ayurveda und seine wichtigste Pflanze für das Blut: süss, bitter und herb, Kapha und Pitta senkend, varṇya — der Hautfarbe zuträglich. Was die Tradition sagt, was die Forschung über hundert Inhaltsstoffe und kaum eine Studie am Menschen weiss, und warum Urin sich rot färbt und der Dauergebrauch Zurückhaltung verlangt.
Zuletzt überprüft: 5. Oktober 2026 · abgeglichen mit API, Anliker, Schrott-Lexikon, Zoller/Nordwig, Schrott/Ammon, Herbal Reality, Hegde/Harini
Traditionelle Verwendung
Manjistha ist die Indische Färberwurzel Rubia cordifolia, eine bis zu 10 m lange, stachelige Kletterpflanze aus der Familie der Rötegewächse — dieselbe Familie wie der Kaffee —, die in den Gebirgen Indiens bis 3750 m Höhe wächst, vor allem im nordwestlichen Himalaya und in den Nilgiri-Bergen. Der Name sagt, was die Pflanze ist: mañjiṣṭhā heisst «die sehr Rote». Ihre Wurzeln und Stängel färben Wolle und Baumwolle seit Jahrtausenden rot, und wer sie als Aufguss trinkt, sieht die Farbe im Urin wieder. Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India beschreibt Mañjiṣṭhā in Vol. III (Monographie 52) als getrockneten Stängel — drahtig, braun bis purpurn, mit rissiger Rinde —, dessen Pulver rosa ist; die Sanskrit-Synonyme sind yojanavallī («die meilenweit wachsende Ranke»), vastrarañjinī («die Kleider färbt») und raktā («die Rote»).
Was die Tradition sagt
Manjistha schmeckt süss, bitter und herb (madhura, tikta, kaṣāya), ist schwer (guru), erhitzend (uṣṇa) und hat scharfen vipāka. Sein Karma nach der Pharmakopöe ist lang: kṛmighna (Würmer vernichtend), kaphapittaśāmaka, svarya (der Stimme gut), vṛṣya (vitalisierend), varṇya (die Hautfarbe verbessernd), viṣaghna (Gifte beseitigend), śothaghna (Schwellungen beseitigend), kuṣṭhaghna (Hautkrankheiten beseitigend), pramehaghna, stambhana (zusammenziehend, Flüsse stillend), ārtavajanana (die Menstruation fördernd), rasāyana und śoṇitasthāpana (das Blut stillend, «ins Blut zurückversetzend»). Die Anwendungsfelder heissen yoniroga (Erkrankungen des weiblichen Genitaltrakts), akṣiroga (Augenkrankheiten), śleṣmaja śotha (Kapha-Schwellung), karṇaroga (Ohrenkrankheiten), raktātisāra (blutiger Durchfall), kuṣṭha (die Hautkrankheiten), visarpa («das Kriechende», die sich ausbreitenden Hautentzündungen), prameha, sarpaviṣa (Schlangengift), bhagna (Bruch), arśa (Hämorrhoiden) und vyaṅga (dunkle Flecken im Gesicht). Dosis 2 bis 4 g; klassische Zubereitungen sind Bṛhanmañjiṣṭhādi Kvātha (die grosse Manjistha-Abkochung), Mañjiṣṭhādi Taila, Aravindāsava, Aśvagandhāriṣṭa, Uśīrāsava, Candanāsava und Khadirādi Guṭikā. Was diese Begriffe bedeuten und warum sie sich nicht in moderne Diagnosen übersetzen lassen, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.
Manjistha ist in der Tradition die Pflanze für das Blut — rakta-śodhana, Blutreinigung, im Sinn des Ayurveda: die Klärung des rakta-dhātu, des Blutgewebes, dem die Klassiker Haut, Farbe und Ausstrahlung zuordnen. Caraka führt sie in seinen Fünfzigergruppen (Sūtrasthāna 4) unter den varṇya, den Pflanzen für die Hautfarbe, und unter den viṣaghna, den Giftwidrigen; Suśruta zählt sie zu den pittaśāmaka und zu den Rinden- und Wurzeldrogen, die Blutungen stillen. Die Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu (Harītakyādi-varga 188–191) gibt ihr zwanzig Namen — darunter rasāyanī, raktāṅgī («die Rotgliedrige»), kālameṣikā — und fasst zusammen: süss, bitter und herb, der Stimme und der Hautfarbe zuträglich, schwer und heiss, vertreibt Gift, Kapha, Schwellung, die Leiden von Yoni, Auge und Ohr, blutigen Durchfall, kuṣṭha, Blutstörungen, visarpa, Wunden und prameha. Dass sie in Aśvagandhāriṣṭa steht, dem Vital Tonikum, ist kein Zufall: Die Tradition gibt das Blutmittel neben das Kräftigungsmittel. Der Rāja Nighaṇṭu (Pippalyādi-varga 195) unterscheidet vier Sorten, cola, yojanī, krauñcī und siṃhalī (Hegde und Harini).
Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen
Sabine Anlikers Lehrbuch für die Höhere Fachprüfung (Kapitel 46) folgt der Pharmakopöe in Steckbrief, Karma und Anwendungsfeldern (Kapha und Pitta senkend), gibt als Dosis 2 bis 4 g Pulver ein- bis dreimal täglich oder 5 bis 10 g als Dekokt (mit 1,6 dl Wasser aufkochen, auf 40 ml reduzieren, 10 bis 20 ml zweimal täglich), als Droge Stängel und Wurzel, und weder Nebenwirkungen noch Kontraindikationen. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott nennt Rubia cordifolia die «wichtigste blutreinigende Pflanze im Āyurveda» — blutreinigend, umstimmend, hämostatisch, leberschützend, steinauflösend, sandhānīya (nach Caraka: zusammenfügend), varṇya, āmapācana — und ordnet sie dem rasa- und rakta-dhātu zu (śodhana, reinigend); Droge ist die getrocknete Wurzel, 100 klassische Zubereitungen. Schrott und Ammon vergleichen sie in ihrem Lehrbuch mit der westlichen Klettenwurzel: Die Färberwurzel habe «ein ganz ähnliches Wirkprofil» und werde in den traditionellen Komplexmitteln der Klette vorgezogen; sie steht in den Massageölen Mañjiṣṭhādi Taila und Piṇḍa Taila. Zoller und Nordwig, Anlikers zweite Referenz, geben Rasa bitter, herb und süss, Guna schwer und trocken, nennen die Farbstoffe Purpurin, Alizarin und Xanthin, bis zu 10 g Wurzelpulver mehrmals täglich, äusserlich die Paste mit Honig bei Psoriasis, mit Süssholz und Molke zum Abschwellen von Brüchen — und als Nebenwirkung, was jeder Anwender bemerkt: Nach dem Aufguss färben sich Urin, Blut und «sogar die Knochen» rot.
Forschungslage
Manjistha ist in Indien und China ein altes Arzneimittel und in der klinischen Forschung fast unbekannt. Ein umfassender Review in Frontiers in Pharmacology (Wang et al., 2022) zählt über hundert isolierte Verbindungen: 28 Anthrachinone (Purpurin, Munjistin, Alizarin, Rubiadin — die Farbstoffe), 16 Naphthochinone (Mollugin, Furomollugin), 19 bizyklische Hexapeptide (die «RA»-Reihe, die in der Krebsforschung als Tubulin-Hemmer untersucht wird), dazu Terpene, Polysaccharide und Flavonoide. Im Tierversuch wirken die Extrakte entzündungshemmend, antioxidativ, leber- und nierenschützend, harnsteinhemmend und blutstillend — der chinesische Gebrauch (Qiancao) gilt vor allem Blutungen: Gebärmutterblutungen, Purpura, Nierenblutungen.
Klinische Studien. Aus Indien gibt es kleine, meist offene Studien zu Rezepturen mit Manjistha bei Hautleiden (Akne, Ekzem, kuṣṭha), aus China Fallserien zu Blutungsstörungen — keine placebokontrollierte Studie zur Pflanze allein. Die Autoren des Reviews halten fest: Die meisten Arbeiten sind präklinisch, Pharmakokinetik und Toxikologie kaum untersucht, klinische Sicherheitsdaten fehlen.
Die Anthrachinon-Frage. Die europäische Färberwurzel Rubia tinctorum enthält Lucidin, ein Anthrachinon, das im Labor erbgutschädigend ist; deshalb ist Krappwurzel in Deutschland seit 1993 als Arzneimittel nicht mehr zugelassen, und die IARC hat Madder root 2016 geprüft (Gruppe 3: nicht klassifizierbar, aber Leber- und Nierentumoren bei Ratten). Rubia cordifolia ist eine andere Art mit anderem Profil; 1-Hydroxyanthrachinon (IARC-Gruppe 2B) ist aus ihrer Wurzel isoliert worden, und wie viel Lucidin sie enthält, ist nicht gut untersucht. Das ist der Grund, weshalb dieses Porträt beim Dauergebrauch zur Zurückhaltung rät.
Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Manjistha, und die Europäische Arzneimittelagentur hat keine Monographie zu Rubia cordifolia erstellt. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.
Sicherheit
Manjistha gilt in Tradition und Lehrbuch als gut verträglich — Anliker nennt weder Nebenwirkungen noch Kontraindikationen. Vier Punkte sind zu wissen.
Rote Farbe. Urin, manchmal auch Stuhl und Muttermilch färben sich rot bis orange — ein harmloser, aber erschreckender Effekt der Farbstoffe, den man kennen sollte, bevor man Blut vermutet.
Anthrachinone und Dauergebrauch. Wegen der Verwandtschaft mit der europäischen Krappwurzel und der ungeklärten Frage nach erbgutschädigenden Anthrachinonen gilt: Manjistha kurweise, nicht über Monate; nicht in der Schwangerschaft und Stillzeit; nicht für Kinder. Die kleinen Mengen in den Vedika-Rezepturen (200 mg Pulver in SKINcare) liegen weit unter den 2 bis 10 g der Tradition — die Zurückhaltung beim Dauergebrauch gilt trotzdem.
Menstruation und Blutung. Die Tradition beschreibt Manjistha als ārtavajanana, menstruationsfördernd, und zugleich als blutstillend — ein scheinbarer Widerspruch, den die Tradition mit der Klärung des Blutes erklärt. Wer Gerinnungshemmer nimmt oder eine Blutungsneigung hat, spricht die Einnahme ab.
Pitta und Hitze. Manjistha ist heiss (uṣṇa) und senkt Pitta doch — über den bitteren und herben Geschmack. In grösseren Mengen kann es Verstopfung (stambhana) und bei empfindlichen Personen Magenreizung machen.
Nieren. Die Tradition schätzt die Pflanze bei Harnsteinen; wer eine Nierenerkrankung hat, verzichtet ohne fachliche Begleitung auf Kapselpräparate.
Qualität. Hegde und Harini beschreiben als Droge die Wurzel, nicht den Stängel der Pharmakopöe: Gute Ware ist hart, holzig und zylindrisch, bis 1 cm dick, aussen glatt, fein längsgestreift und rostbraun, im Querschnitt rotbraun und fein porig mit hohlem Zentrum; sie zerbricht in kurze Stücke und schmeckt bitter. Im Handel unterscheiden sie Sorten nach Herkunft, etwa nepalesische, afghanische und indische Ware.
Zubereitung und Formen
Die Pharmakopöe nennt 2 bis 4 g, Anliker zusätzlich das Dekokt; die Tradition gibt Manjistha als Pulver mit Honig oder Ghee, als Abkochung (Mañjiṣṭhādi Kvātha), in vergorenen Getränken (Aśvagandhāriṣṭa, Candanāsava) und äusserlich in Ölen und Pasten. Im Vedika-Sortiment steht die Pflanze in vier Präparaten.
Als Hauptbestandteil: SKINcare von Classic Ayurveda — 200 mg Manjistha-Pulver je Tagesdosis (20 % der Kapsel, mit 4,6 mg Flavonoiden), neben 160 mg Guduchi-Extrakt, Amalaki, Kurkuma und Süssholz, dazu Zink und Eisen: die klassische Kombination der varṇya- und kuṣṭhaghna-Pflanzen.
Im Vital Tonikum: Ashwagandha Arishta von Maharishi Ayurveda enthält Manjistha als eine der klassischen Beigaben des Aśvagandhāriṣṭa — so, wie die Pharmakopöe die Rezeptur unter den wichtigen Zubereitungen der Pflanze führt.
Äusserlich: Pirant Balm (Wurzelextrakt im Massagebalsam, in der Tradition des Piṇḍa Taila) und Nasya-Öl (Wurzelextrakt im Kräuteröl für die Nase).
Quellen
- The Ayurvedic Pharmacopoeia of India, Part I, Vol. III, Monographie 52 Mañjiṣṭhā (Stängel), S. 112. Ministry of AYUSH. pcimh.gov.in
- Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu, Harītakyādi-varga 188–191 (Mañjiṣṭhā). Ausgabe Chunekar/Pandey, Chaukhambha Bharati Academy, Varanasi 2002, Nr. 64, Buch-S. 113 (Teil 1, PDF-S. 64).
- Caraka Saṃhitā, Sūtrasthāna 4 (Mahākaṣāya: varṇya, viṣaghna). Übersetzung Kaviratna/Sharma (1890–1911).
- Anliker, Sabine: Heilpflanzen Ayurveda Medizin. 3. Auflage, Trägerorganisation Ayurveda CH, 2023, ISBN 978-3-033-08908-2, Kapitel 46 Mañjiṣṭhā, S. 105–106 — mit Verweis auf API Vol. III, Zoller/Nordwig und Schrott/Ammon.
- Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Rubia cordifolia — Dravyaguna, Karma, Dhātu-Bezug, 100 Zubereitungen.
- Schrott E, Ammon HPT. Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Eine Gegenüberstellung. Springer, Berlin/Heidelberg 2012 — Kapitel 9 (Arctium lappa, Vergleich mit Rubia cordifolia, S. 155), Tab. 2 Massageöle (Mañjiṣṭhādi Taila, Piṇḍa Taila).
- Zoller A, Nordwig H. Heilpflanzen der Ayurvedischen Medizin. Ein praktisches Handbuch. Haug, Stuttgart 1997 (5. Auflage Narayana 2026) — Rubia cordifolia (Blutreiniger).
- Wang Z, et al. A comprehensive review of Rubia cordifolia L.: Traditional uses, phytochemistry, pharmacological activities, and clinical applications. Frontiers in Pharmacology 2022; 13:965390. DOI 10.3389/fphar.2022.965390.
- IARC Monographs Vol. 108 (2016): Some Traditional Herbal Medicines, Some Mycotoxins, Naphthalene and Styrene — Rubia tinctorum, Morinda officinalis and Anthraquinones. ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK326613
- Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
- Gowthami R, Sharma N, Pandey R, Agrawal A. Status and consolidated list of threatened medicinal plants of India. Genetic Resources and Crop Evolution 2021; 68(6): 2235–2263. doi:10.1007/s10722-021-01199-0
- Hegde PL, Harini A. A Text Book of Dravyaguna Vijnana, Vol. II (nach dem NCISM-Lehrplan). Chaukhambha Publications, New Delhi 2023, S. 464–470 (Kap. 2.62 Manjishta).
Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.
Präparate mit Manjistha
Ein Verzeichnis, keine Empfehlung. Was ein Präparat enthält, steht auf seiner Seite unter «Inhalt».
SKINcare
Vital Tonikum — Ashwagandha Arishta
Pirant Balm, Bio
Nasya-Öl