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Mariendistel

keiner — westliche Pflanze; lateinisch Carduus marianus, «Mariendistel» · Silybum marianum (L.) Gaertn. (Syn. Carduus marianus L.) · Asteraceae (Korbblütler)
Milk thistle (Englisch), Silybi mariani fructus, Cardui mariae fructus, Mariendistel, Frauendistel, Milchdistel, Christi Krone, Chardon-Marie (Französisch), Cardo mariano (Italienisch)

Die Mariendistel ist Europas Leberpflanze — bitter, trocken, kühlend, Pitta und Kapha senkend, mit «leberstärkend» als prabhāva, wie die europäischen Ayurveda-Ärztinnen sie einordnen; mit Silymarin, einem überzeugenden Wirkmechanismus, einer Cochrane-Review ohne klaren Beleg und einer EMA-Monographie als traditionelles Mittel. Was Tradition und Forschung sagen, warum die Leber Arztsache bleibt, und wie sie im LIVERcare neben Guduchi steht.

Zuletzt überprüft: 25. September 2026 · abgeglichen mit Nagersheth, EMA-Monographie, Schrott-Lexikon, Schrott/Ammon, Herbal Reality

Mariendistel
Tafel 596 «Silybum marianum» aus Otto Wilhelm Thomé, Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz, Band 4, erweiterte Ausgabe 1905, Zeichnung Friedrich von Zezschwitz. Gemeinfrei, über Wikimedia Commons; für Vedika monochrom in Waldgrün auf Cream dargestellt.

Traditionelle Verwendung

Die Mariendistel ist Europas Leberpflanze — und keine Pflanze des klassischen Ayurveda. Silybum marianum, die bis zwei Meter hohe Distel mit den weiss marmorierten Blättern (die Legende: Milchtropfen der Maria) und den purpurnen Blütenköpfen, stammt aus dem Mittelmeerraum und wird heute in Österreich, Ungarn, Deutschland, Argentinien und China auf grossen Feldern angebaut. Verwendet werden die reifen, vom Pappus befreiten Früchte (Achänen, oft «Samen» genannt): Sie enthalten mindestens 1,5 % Silymarin, ein Gemisch aus Flavonolignanen (Silibinin, Silichristin, Silidianin), dazu Flavonoide, fettes Öl, β-Sitosterol und Bitterstoffe. Dioskurides benutzte die Wurzel mit Honigmet als Brechmittel; die Leber ist erst seit dem 16. Jahrhundert ihr Thema, und Silymarin erst seit 1968 bekannt. Die Nighaṇṭus kennen sie nicht; einen Sanskrit-Namen hat sie nicht. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott nennt sie ein «Lebertonikum, das in neueren ayurvedischen Präparaten enthalten ist» — was das Ayurveda über die Mariendistel sagt, sagen die Ayurveda-Ärztinnen und -Ärzte Europas, die einheimische Pflanzen nach den Kategorien des dravyaguṇa einordnen.

Was die Tradition sagt

Nach Kalyani Nagersheth (Ayurveda-Medizin mit einheimischen Pflanzen, 2026) schmecken die Früchte bitter (tikta), sind grob und trocken (sthūla, rūkṣa), kühlend (śīta) und haben scharfen vipāka — sie senken Pitta und Kapha und mehren Vata; ihr prabhāva, ihre besondere Wirkung, ist «leberstärkend». Nagersheth begründet die Einordnung: Bitterstoffe geben den bitteren Geschmack, die entzündungshemmende Wirkung deutet auf Pitta-Reduktion und kühlendes vīrya. Sie nennt als Felder die unterstützende Behandlung chronisch-entzündlicher Lebererkrankungen, der Leberzirrhose und toxischer Leberschäden, die Hepatitis C und die Nachbehandlung nach Brust- und Darmkrebsoperationen, und aus der Volksmedizin Lungenleiden, Milzleiden, Malaria, Migräne, Reisekrankheit, Krampfadern, Gallen- und Magen-Darm-Beschwerden — das Lexikon führt ebenso Leberkrankheiten, Gallenbeschwerden, Pfortaderstauung, Migräne, Reisekrankheit und Varikosis. Was diese Begriffe bedeuten, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.

Das ayurvedische Gegenstück ist die bittere, kühlende Leberpflanze schlechthin: Im indischen Ayurveda übernehmen Bhumyamalaki, Guduchi, Kalmegh und Kurkuma, was in Europa die Mariendistel tut — im LIVERcare stehen Mariendistel, Guduchi und Bhumyamalaki nebeneinander.

Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen

Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India, die Bhāvaprakāśa und Sabine Anlikers Lehrbuch kennen die Mariendistel nicht; Zoller und Nordwig behandeln sie nicht; Schrott und Ammon nennen die Silymarin-Flavonolignane als Beispiel und die Mariendistelfrüchte in einer Teemischung bei Appetitlosigkeit. Die westliche Bewertung ist gestuft: Die Kommission E gab den Früchten eine positive Monographie für dyspeptische Beschwerden und für die unterstützende Behandlung chronisch-entzündlicher Lebererkrankungen und der Leberzirrhose (200 bis 400 mg Silymarin täglich); die ESCOP empfiehlt standardisierte Extrakte bei toxischen Leberschäden; die EMA hat 2018 den Status well-established use verweigert — «Datenlage nicht ausreichend und heterogen» — und die Mariendistel als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft: zur Linderung von Verdauungsbeschwerden, Völlegefühl und zur Unterstützung der Leberfunktion, nachdem schwere Erkrankungen ärztlich ausgeschlossen sind.

Forschungslage

Die Mariendistel ist die am besten untersuchte Leberpflanze — und ein Lehrstück dafür, wie wenig ein überzeugender Wirkmechanismus über den Nutzen am Menschen sagt.

Wirkmechanismus. Silibinin stabilisiert im Labor die Leberzellmembran, fängt freie Radikale, hemmt die Lipidperoxidation, die TNF-α-vermittelte NF-κB-Aktivierung und die Kollagenbildung (antifibrotisch) und blockiert den Eintritt des Hepatitis-C-Virus in die Zelle — Nagersheth fasst die Pharmakologie über eine Seite zusammen. Die Resorption liegt bei 20 bis 50 % und hängt stark von der Galenik ab.

Cochrane 2007. Rambaldi, Jacobs und Gluud werteten 13 randomisierte Studien mit 915 Patientinnen und Patienten mit alkoholischer oder viraler Lebererkrankung (Hepatitis B, C) aus: Die Gesamtsterblichkeit war unter Mariendistel nicht verändert (RR 0,78; 95-%-KI 0,53–1,15); die leberbedingte Sterblichkeit sank in allen Studien zusammen (RR 0,50), nicht aber in den methodisch guten (RR 0,57; 95-%-KI 0,28–1,19); Leberkomplikationen und Histologie blieben unbeeinflusst, Nebenwirkungen waren nicht häufiger als unter Placebo. Fazit der Autoren: keine hochwertige Evidenz für oder gegen die Mariendistel.

Hepatitis C. Die vom US-amerikanischen NCCIH finanzierte SyNCH-Studie (Fried et al. 2012; 154 Patienten mit chronischer Hepatitis C, die auf Interferon nicht angesprochen hatten, 420 oder 700 mg Silymarin dreimal täglich über 24 Wochen) fand keinen Unterschied zu Placebo bei den Leberwerten und der Viruslast.

Knollenblätterpilz. Intravenöses Silibinin (Legalon SIL) ist in Europa das etablierte Gegenmittel bei Vergiftungen mit Amanita phalloides — die eine Anwendung, für die die Mariendistel in der Notfallmedizin steht.

Sicherheit. In Studien mit bis zu 2,1 g Silymarin täglich traten nur leichte, vorübergehende Magen-Darm-Beschwerden auf; Nagersheth: Nebenwirkungen bei 1 bis 2 % der Fälle.

Was fehlt. Hochwertige Studien mit klinischen Endpunkten (Zirrhose, Überleben) statt Leberwerten; Standardisierung der Extrakte; Daten zu Wechselwirkungen bei Dauereinnahme.

Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Mariendistel. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.

Sicherheit

Die Mariendistel gilt als sehr gut verträglich — ihre Grenze liegt in der Krankheit, nicht in der Pflanze.

Lebererkrankungen sind Arztsache. Die EMA: erst anwenden, wenn schwere Erkrankungen ärztlich ausgeschlossen sind; bei Symptomen, die länger als zwei Wochen anhalten, Ärztin oder Arzt aufsuchen. Wer eine Lebererkrankung hat oder Medikamente nimmt, die über die Leber abgebaut werden, bespricht Mariendistelpräparate mit der behandelnden Fachperson.

Korbblütler-Allergie. EMA: kontraindiziert bei Überempfindlichkeit gegen Mariendistel oder andere Korbblütler (Asteraceae — Kamille, Arnika, Beifuss); beschrieben sind Hautentzündung, Juckreiz, Ausschlag, Asthma.

Nebenwirkungen. Selten und mild: Mundtrockenheit, Übelkeit, Magenbeschwerden, Durchfall, Kopfschmerzen (EMA; Nagersheth: 1 bis 2 % der Fälle).

Schwangerschaft, Stillzeit, Kinder. EMA: nur für Erwachsene; Daten zu Schwangerschaft und Stillzeit fehlen. Das LIVERcare ist nicht für Kinder, Schwangere und Stillende.

Vata. Nach Nagersheth bitter, trocken und Vata mehrend — bei Trockenheit, Verstopfung und Untergewicht sparsam, in der Rezeptur ausgeglichen.

Menge. Die Kommission E nennt 200 bis 400 mg Silymarin täglich; das LIVERcare enthält 100 mg Mariendistelextrakt in der Tagesdosis — Rezepturmenge neben 140 mg Guduchi-Extrakt.

Wechselwirkungen. In zwei kleinen Studien an gesunden Freiwilligen veränderte Silymarin den Abbau von Arzneimitteln: 140 mg dreimal täglich über 14 Tage hemmten die Umwandlung des Blutdruckmittels Losartan in seinen wirksamen Metaboliten (Han und Kollegen 2009), 140 mg täglich über neun Tage erhöhten die Ausscheidung des Antibiotikums Metronidazol um rund 30 % und senkten seinen Blutspiegel (Rajnarayana und Kollegen 2004). Wer diese oder andere Dauermedikamente nimmt, bespricht die Einnahme vorher mit Ärztin, Arzt oder Apotheke.

Qualität. Eine tschechische Untersuchung von 26 Mariendistel-Nahrungsergänzungsmitteln aus den USA und Tschechien fand stark schwankende Silymarin-Gehalte, oft abweichend von der Deklaration und auch von Charge zu Charge; in allen Präparaten wurden zudem Schimmelpilzgifte (Mykotoxine), Pestizidrückstände und mikrobielle Verunreinigungen nachgewiesen (Fenclova und Kollegen 2019). Entscheidend ist deshalb eine Analyse jeder Charge durch den Hersteller.

Zubereitung und Formen

Die westliche Tradition gibt die Mariendistel als Tee aus den zerstossenen Früchten (Silymarin ist darin kaum löslich), als standardisierten Trockenextrakt in Kapseln und Filmtabletten (Legalon, Hepar-Pasc, hepa-loges) und als Infusionslösung in der Klinik. Im Vedika-Sortiment steht Mariendistel in einem Produkt.

In Kapseln von Classic Ayurveda: LIVERcare (100 mg Mariendistelextrakt in der Tagesdosis von 2 Kapseln, neben 140 mg Guduchi-Extrakt, Bhumyamalaki, Amla, Tulsi, Arjuna, Triphala, Trikatu und Kurkuma, mit Cholin — die europäische Leberpflanze zu den indischen).

Quellen

  • Nagersheth, Kalyani: Ayurveda-Medizin mit einheimischen Pflanzen. Ein Praxisleitfaden. Springer, Berlin 2026, ISBN 978-3-662-71451-5, Kapitel 21.171 Silybum marianum L., Carduus marianus, Mariendistel, S. 532–534.
  • Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Silybum marianum — Karma, Anwendung. Mariendistel ist nicht in der Ayurvedic Pharmacopoeia of India, nicht in der Bhāvaprakāśa, nicht bei Anliker oder Zoller/Nordwig.
  • Schrott E, Ammon HPT: Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Springer, Berlin 2012 (Flavonolignane; Teemischung bei Appetitlosigkeit).
  • European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monograph on Silybum marianum (L.) Gaertn., fructus. EMA/HMPC/294187/2013, adopted 19 September 2018. ema.europa.eu
  • Kommission E (BGA/BfArM), Monographie Cardui mariae fructus (Mariendistelfrüchte), Bundesanzeiger 1986; ESCOP Monographs: Silybi mariani fructus.
  • Rambaldi A, Jacobs BP, Gluud C. Milk thistle for alcoholic and/or hepatitis B or C virus liver diseases. Cochrane Database of Systematic Reviews 2007; (4):CD003620.
  • Fried MW, Navarro VJ, Afdhal N et al. Effect of silymarin (milk thistle) on liver disease in patients with chronic hepatitis C unsuccessfully treated with interferon therapy: a randomized controlled trial. JAMA 2012; 308(3):274–282.
  • Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
  • Han Y, Guo D, Chen Y, Chen Y, Tan ZR, Zhou HH. Effect of silymarin on the pharmacokinetics of losartan and its active metabolite E-3174 in healthy Chinese volunteers. European Journal of Clinical Pharmacology 2009; 65(6): 585–591. doi:10.1007/s00228-009-0624-9
  • Rajnarayana K, Reddy MS, Vidyasagar J, Krishna DR. Study on the influence of silymarin pretreatment on metabolism and disposition of metronidazole. Arzneimittelforschung 2004; 54(2): 109–113. doi:10.1055/s-0031-1296944
  • Fenclova M, Novakova A, Viktorova J, et al. Poor chemical and microbiological quality of the commercial milk thistle-based dietary supplements may account for their reported unsatisfactory and non-reproducible clinical outcomes. Scientific Reports 2019; 9(1): 11118. doi:10.1038/s41598-019-47250-0
  • Herbal Reality: Monographie Mariendistel (Silybum marianum), zuletzt überprüft 23.08.2025. herbalreality.com

Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.

Präparate mit Mariendistel

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