Traditionelle Verwendung
Tinospora cordifolia ist eine ausdauernde, holzige Kletterpflanze aus der Familie der Mondsamengewächse (Menispermaceae), die in ganz Indien bis in den Himalaya hinauf über Bäume und Hecken klettert — mit herzförmigen Blättern, die ihr den botanischen Namen gaben (cordifolia, herzblättrig), langen, fadenförmigen Luftwurzeln, die von den Zweigen hängen, und einer Rinde, die an älteren Trieben warzig aufbricht. Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India beschreibt in Vol. I die getrockneten, reifen Stängelstücke, gesammelt im Sommer, vorzugsweise im Mai, und hält fest, dass die Pflanze auch frisch verwendet wird; der Stängel schmeckt bitter. Die Sanskrit-Namen sagen, was die Tradition von ihr hält: guḍūcī, «die Schützende», amṛtā und amṛtavallī, «die Unsterbliche», «die Ranke der Unsterblichkeit», madhuparṇī, «Süssblatt», und chinnodbhavā oder chinnaruhā — «die aus dem Abgeschnittenen wächst», weil ein abgeschnittenes Stück Stängel wieder austreibt. Auf Hindi heisst sie Giloy, und unter diesem Namen ist sie in Indien seit der Corona-Zeit ein Massenartikel.
Was die Tradition sagt
Guduchi schmeckt bitter und herb (tikta, kaṣāya), ist leicht (laghu), erhitzend (uṣṇa) und hat süssen vipāka — die seltene Kombination einer bitteren Pflanze, die nach der Verdauung süss und aufbauend wirkt. Die Pharmakopöe fasst das Karma so: tridoṣaśāmaka (alle drei Doshas besänftigend), rasāyana (verjüngend, aufbauend), balya (kräftigend), dīpana (das Verdauungsfeuer anregend), saṅgrāhī (zusammenziehend, stopfend), raktaśodhaka (das Blut reinigend) und jvaraghna (fiebervertreibend). Dass eine bittere, erhitzende Pflanze zugleich Pitta senken soll, erklärt die Tradition mit dem süssen Vipāka und der bitteren Qualität — Bitterstoffe gelten im Ayurveda als kühlend für Pitta, auch wenn die Pflanze selbst als warm eingestuft wird; darum steht Guduchi in fast jeder klassischen Rezeptur gegen Fieber. In der Liste der besten Mittel (Ch. Su. 25/40) steht amṛtā an erster Stelle unter den Mitteln, die zusammenziehen (sāṃgrāhika), Vata senken und das Verdauungsfeuer anregen (nach Hegde und Harini).
Guduchi ist eines der wenigen Kräuter, die die Charaka-Saṃhitā unter die vier medhya rasāyana zählt, die «geistesstärkenden» Verjüngungsmittel — als Frischsaft, neben Mandukaparni, Süssholz und Shankhapushpi. Zugleich ist sie das klassische Mittel bei jvara (Fieber) und steht im Zentrum der Rezepturen, die das Ayurveda bei langwierigen und wiederkehrenden Fiebern gibt. Die weiteren Anwendungsfelder der Pharmakopöe heissen kuṣṭha (die Hautleiden der Klassiker), pāṇḍu («Blässe»), prameha («Harnfluss»), vātarakta (wörtlich «Wind-Blut», eine Störung von Vata und Blut in den Gelenken) und kāmalā («Gelbsucht»). Was diese Begriffe bedeuten und warum sie sich nicht in moderne Diagnosen übersetzen lassen, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.
Die Pharmakopöe nennt 3 bis 6 g Pulver oder 20 bis 30 g Droge für eine Abkochung. Klassische Zubereitungen sind Amṛtāriṣṭa (ein vergorenes Tonikum), Amṛtottara Kvātha und Chinnodbhavādi Kvātha (Abkochungen), Guḍūcyādi Cūrṇa, Guḍūcī Taila (ein Öl) und Guḍūcī Sattva — die Stärke, die man gewinnt, indem man den zerstossenen frischen Stängel in Wasser auswäscht und den Bodensatz trocknet; sie gilt als die sanfteste Form der Pflanze und steckt als «Tinosporastärke» im Eisen-Rasayana des Maharishi Ayurveda. Im Maharishi Ayurveda ist Guduchi einer der vier Bestandteile des Senioren-Rasayana und steht in Vata Balance, AyurDefence, Calcio Care und Amrit Kalash MA 5; die europäischen Care-Präparate führen den Extrakt in LIVERcare und SKINcare vorne.
Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen
Sabine Anlikers Lehrbuch für die Höhere Fachprüfung (Kapitel 22) übernimmt Steckbrief, Karma, Anwendungsfelder und Zubereitungen der Pharmakopöe und beschreibt die Abkochung genauer: 20 bis 30 g Droge mit 1,6 dl Wasser aufkochen, auf 40 ml einkochen, davon 10 bis 20 ml zweimal täglich; als Droge nennt sie den Stängel, in Klammern die Wurzel. Als einzigen Vorsichtshinweis führt sie an, dass Guduchi den Blutzucker senken kann. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott zählt Guduchi zu den medhya rasāyana, nennt sie sandhānīya (nach Caraka «verbindend», bei Brüchen und Wunden), Bittertonikum, Lebertonikum und Augentonikum (cakṣuṣya), und hält die klassische Regel zum Begleitmittel fest: bei Vata-Störungen mit Ghee, bei Pitta mit Zucker, bei Kapha mit Honig. Guduchi ist zudem Bestandteil des vallī pañcamūla, der «fünf Rankenwurzeln». Mit 246 klassischen Zubereitungen, die das Lexikon für Tinospora cordifolia führt, gehört sie zu den meistverwendeten Pflanzen der ayurvedischen Rezeptliteratur.
Hans H. Rhyner und Birgit Frohn (Heilpflanzen im Ayurveda, 2006): leicht und ölig, bitter und herb, süsser vipāka, erhitzend, prabhāva entgiftend (viṣaghna), alle drei Doshas im Gleichgewicht haltend; Präparate Guducyadi Churna, Guducyadi Kwatha, Guduci Ghrita, Balaguducyadi Thaila.
Forschungslage
Guduchi ist in Indien eine der meistuntersuchten Pflanzen überhaupt — im Labor und im Tierversuch. Die Chemie ist beschrieben: Diterpen-Laktone (Tinosporid, Columbin), Alkaloide (Berberin in Spuren, Magnoflorin, Tinosporin), Glykoside (Cordifoliosid) und ein Polysaccharid, dem im Labor die immunmodulierende Wirkung zugeschrieben wird. Die Studien am Menschen sind demgegenüber wenige, klein und fast alle aus Indien.
Immunantwort. Die am häufigsten zitierte Studie stammt von Badar und Kollegen (Journal of Ethnopharmacology, 2005): 75 Personen mit allergischem Schnupfen erhielten acht Wochen lang Tinospora-Extrakt oder Placebo; die Extraktgruppe berichtete deutlich weniger Niesen, Nasenfluss und verstopfte Nase, und im Nasenabstrich fanden sich weniger Entzündungszellen. Eine einzelne Studie, seither nicht in gleicher Grösse wiederholt. Eine Reihe kleiner Studien untersuchte Immunmarker bei Gesunden und bei Menschen unter Chemotherapie; die Ergebnisse sind uneinheitlich und die Studien zu klein, um mehr als Hinweise zu geben.
Blutzucker. Im Tierversuch senkt Guduchi zuverlässig den Blutzucker, und die Tradition führt sie bei prameha. Beim Menschen gibt es dazu nur kleine, methodisch schwache Untersuchungen — meist mit Kombinationspräparaten, in denen Guduchi ein Bestandteil unter mehreren ist.
Corona. Während der Pandemie empfahl das indische Gesundheitsministerium Giloy-Abkochungen als Teil seiner Ayush-Leitlinien, und die Pflanze wurde millionenfach eingenommen. Klinische Studien dazu wurden begonnen, viele nie ordentlich veröffentlicht; belastbare Ergebnisse gibt es nicht. Was die Zeit hinterlassen hat, ist die Sicherheitsdebatte, die im nächsten Abschnitt steht.
Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Guduchi, und die Europäische Arzneimittelagentur hat keine Monographie zu Tinospora cordifolia erstellt. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.
Sicherheit
Die Pharmakopöe führt zu Guduchi weder Neben- noch Wechselwirkungen auf, und die Pflanze wird in Indien seit Jahrhunderten als Alltagskraut genommen. Seit 2021 gibt es dennoch einen Punkt, den man kennen muss.
Leber. Im Jahr 2021 beschrieben Ärzte aus Mumbai sechs Patientinnen und Patienten, die nach wochenlanger Einnahme von Giloy-Zubereitungen eine Leberentzündung entwickelt hatten, die einer Autoimmunhepatitis glich (Nagral und Kollegen, Journal of Clinical and Experimental Hepatology). Eine Nachfolgeuntersuchung an dreizehn indischen Zentren sammelte 43 solche Fälle (Kulkarni und Kollegen, Hepatology Communications, 2022); die meisten erholten sich nach dem Absetzen, einige nicht. Das indische AYUSH-Ministerium widersprach und verwies auf mögliche Verwechslung mit Tinospora crispa, einer südostasiatischen Verwandten, für die Leberschäden schon länger bekannt sind, und auf ungeklärte Herkunft und Dosis der Produkte. Der Streit ist nicht entschieden. Für die Praxis folgt daraus zweierlei: Wer eine Lebererkrankung hat oder hatte, verzichtet auf Guduchi-Präparate — die Care-Präparate tragen diesen Hinweis ohnehin —, und wer sie über Monate nimmt, lässt bei Müdigkeit, Übelkeit oder Gelbfärbung die Leberwerte prüfen. Die im Vedika-Sortiment geführten Präparate enthalten Guduchi in Mengen von wenigen Dutzend bis einigen Hundert Milligramm neben anderen Pflanzen, nicht die Gramm-Dosen der indischen Abkochungen.
Blutzucker. Guduchi senkt im Tierversuch den Blutzucker. Wer blutzuckersenkende Medikamente nimmt, sollte Guduchi-Präparate nur in Absprache einnehmen und die Werte im Blick behalten.
Immunsystem. Die Tradition und die Laborforschung schreiben Guduchi eine anregende Wirkung auf die Immunantwort zu. Wer Medikamente nimmt, die das Immunsystem dämpfen sollen — nach einer Transplantation, bei einer Autoimmunerkrankung —, spricht vorher mit der Ärztin oder dem Arzt.
Schwangerschaft, Stillzeit, Kinder. Für Nahrungsergänzungsmittel gilt der Herstellerhinweis: nicht für Kinder, in Schwangerschaft und Stillzeit nur nach Rücksprache.
Verwechslung. Tinospora crispa und Tinospora sinensis sehen der echten Guduchi ähnlich und werden in Asien unter denselben Namen gehandelt. Schon der Dhanvantari Nighaṇṭu kennt nach Hegde und Harini neben der gewöhnlichen Guduchi eine padmaguḍūcī und eine kandaguḍūcī, die sie Tinospora sinensis zuordnen. Die Pharmakopöe beschreibt die Merkmale der echten Art; für Präparate aus europäischer Herstellung bürgt die Identitätsprüfung nach EU-Lebensmittelrecht.
Qualität. Handelsware besteht nach Hegde und Harini aus quer geschnittenen Stücken des getrockneten, weichholzigen Stängels von 5 mm bis 2,5 cm Durchmesser; aussen graubraun bis fast schwarz, längsrunzelig und warzig, die Rinde löst sich in dünnen, papierartigen Schuppen. Die Schnittfläche ist blassgelb bis schmutzig weiss mit deutlichem, strahlig keilförmigem Muster, der Bruch faserig; die Droge ist geruchlos und sehr bitter (grāhya lakṣaṇa).
Zubereitung und Formen
Die Pharmakopöe nennt 3 bis 6 g Pulver täglich oder 20 bis 30 g Stängel für eine Abkochung — die Form, in der Guduchi in Indien am häufigsten genommen wird.
Extrakt in Kombination: LIVERcare (140 mg Guduchi-Extrakt je Tagesdosis, mit Mariendistel und Cholin) und SKINcare (160 mg Guduchi-Extrakt mit 4 mg Bitterstoffen, mit Manjistha) — die beiden Care-Präparate, in denen Guduchi Hauptbestandteil ist. In kleineren Anteilen in VATAcare, MENcare, SENIORcare, SUGARcare, ACIDcare und HAIR & NAILcare.
Ganze Pflanze in Rezepturen: Senioren-Rasayana von Maharishi Ayurveda (482 mg Guduchi je Tagesdosis, ein Viertel der Rezeptur — mit Shankhapushpi, Gotu Kola und Süssholz), Pitta Formula Plus von somamed (340 mg Bio-Guduchi je Tagesdosis, mit Kurkuma und Amalaki), Calcio Care (217 bis 435 mg), Vata Balance (131 mg), Radiant Skin (105 mg), Amrit Kalash MA 5 (20 mg), AyurDefence, Männer-Rasayana, Studenten-Rasayana und Rasayana für Haare und Nägel als wässriger Auszug.
Stärke (Guduchi Sattva): die milde klassische Form, im Eisen-Rasayana als «Tinosporastärke» enthalten. Hegde und Harini nennen dafür 0,5 bis 2 g.
Pulver (Churna) und Abkochung: die Formen der Pharmakopöe; ein reines Guduchi-Präparat führen wir zurzeit nicht — wenn die Nachfrage es trägt, nehmen wir das Churna der AyurVeda AG auf.
Quellen
- The Ayurvedic Pharmacopoeia of India, Part I, Vol. I, Monographie 27 Guḍūcī (Stängel), S. 53–55. Ministry of AYUSH. pcimh.gov.in
- Caraka Saṃhitā, Cikitsāsthāna 1.3 (Rasāyana-Kapitel): die vier medhya rasāyana — Maṇḍūkaparṇī-Saft, Yaṣṭīmadhu-Pulver mit Milch, Guḍūcī-Saft, Śaṅkhapuṣpī-Paste.
- Anliker, Sabine: Heilpflanzen Ayurveda Medizin. 3. Auflage, Trägerorganisation Ayurveda CH, 2023, ISBN 978-3-033-08908-2, Kapitel 22 Guḍūcī, S. 54–55 — mit Verweis auf API Vol. I S. 53, Zoller/Nordwig und Schrott/Ammon.
- Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Tinospora cordifolia — Dravyaguna, Karma, Dosis, 246 Zubereitungen.
- Badar VA, Thawani VR, Wakode PT, Shrivastava MP, Gharpure KJ, Hingorani LL, Khiyani RM. Efficacy of Tinospora cordifolia in allergic rhinitis. Journal of Ethnopharmacology 2005; 96(3):445–449. DOI 10.1016/j.jep.2004.09.034.
- Nagral A, Adhyaru K, Rudra OS, Gharat A, Bhandare S. Herbal immune booster-induced liver injury in the COVID-19 pandemic — a case series. Journal of Clinical and Experimental Hepatology 2021; 11(6):732–738. DOI 10.1016/j.jceh.2021.06.021.
- Kulkarni AV, Hanchanale P, Prakash V, et al. Tinospora cordifolia (Giloy)-induced liver injury during the COVID-19 pandemic — multicenter nationwide study from India. Hepatology Communications 2022; 6(6):1289–1300. DOI 10.1002/hep4.1904. Open Access.
- Saha S, Ghosh S. Tinospora cordifolia: one plant, many roles. Ancient Science of Life 2012; 31(4):151–159. DOI 10.4103/0257-7941.107344 — Übersicht zu Inhaltsstoffen und Labor-/Tierforschung.
- Swissmedic: Asiatische Arzneimittel — Meldeverfahren; Anhang 9 (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS) KPAV, Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
- Rhyner HH, Frohn B: Heilpflanzen im Ayurveda. AT Verlag, Baden und München 2006, ISBN 978-3-03800-279-6, Eintrag Guduci, S. 179–181.
- Hegde PL, Harini A. A Text Book of Dravyaguna Vijnana, Vol. II (nach dem NCISM-Lehrplan). Chaukhambha Publications, New Delhi 2023, S. 247–255 (Kap. 2.33 Guduchi).
Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.