Traditionelle Verwendung
Pushkaramula ist puṣkaramūla, die «Lotoswurzel» — die kampferartig duftende, bitter schmeckende Wurzel von Inula racemosa, einem kräftigen, bis anderthalb Meter hohen Korbblütler mit grossen gelben Strahlenblüten aus den Hochlagen des Westhimalaya (Kaschmir, bis 2600 m), dem indischen Bruder des europäischen Alants Inula helenium. Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India beschreibt Puṣkara in Vol. IV (Monographie 47) als die getrocknete Wurzel mit ätherischem Öl — Sesquiterpenlactone vom Eudesmanolid-Typ, allen voran Alantolacton und Isoalantolacton, dazu Inulin, das Speicherkohlenhydrat der Korbblütler. Der Name puṣkara (Lotos, Teich) meint die lotosähnliche Blüte; kāśmīra die Herkunft; und schon die Nighaṇṭus streiten, welche Pflanze gemeint ist: Die Bhāvaprakāśa führt puṣkaramūla als Unterart des kuṣṭha (Costus), der Kommentar erwägt Iris germanica — die Pharmakopöe nennt als englischen Namen noch «Orris Root» — und Inula racemosa, auf die sich die Pharmakopöe und die heutige Praxis geeinigt haben. In Europa ist der Alant die Wurzel der Klostergärten («Alant enthält Lebensgeister», sagt ein mittelalterlicher Spruch) und der Alantwein des Mittelalters.
Was die Tradition sagt
Pushkaramula schmeckt bitter und scharf (tikta, kaṭu), ist leicht (laghu), erhitzend (uṣṇa) und hat scharfen vipāka — Kapha und Vata senkend (kaphavātajit). Die Anwendungsfelder nach der Pharmakopöe heissen hikkā (Schluckauf), kāsa (Husten), śvāsa (Atemnot), pārśvaśūla (Seitenstechen, Schmerz in der Flanke), śotha (Schwellung), ardita (Gesichtslähmung), pāṇḍu (Blässe), aruci (Appetitlosigkeit), jvara (Fieber) und ādhmāna (Blähung). Dosis 1 bis 3 g Pulver; klassische Zubereitungen sind Mahānārāyaṇa Taila, Kāṅkāyana Guṭikā, Mānasamitra Vaṭaka, Daśamūlāriṣṭa, Kumāryāsava, Lodhrāsava und Rāsnādi Kvātha Cūrṇa. Bei Caraka steht puṣkaramūla an erster Stelle: Im Katalog der «besten Mittel» (Sūtrasthāna 25) ist es das beste gegen Schluckauf, Atemnot, Husten und Seitenstechen — die Atemwegs- und Brustwurzel des Ayurveda. Was diese Begriffe bedeuten und warum sie sich nicht in moderne Diagnosen übersetzen lassen, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.
Die Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu (Harītakyādi-varga, Verse 174–175) nennt die Wurzel puṣkaramūla, pauṣkara, puṣkara, padmapatra («Lotosblatt»), kāśmīra und kuṣṭhabheda («Art des Costus») und fasst zusammen: scharf und bitter, vertreibe sie Vata, Kapha, Fieber, Schwellung, Appetitlosigkeit und Atemnot — «und besonders den Schmerz in der Seite». Der Kommentar Chunekars notiert die Identitätsfrage: Manche empfahlen, bei Fehlen von Puṣkaramūla Kuṣṭha zu nehmen; die Süssvariante des Costus sei nicht gemeint; die meisten modernen Gelehrten erkennen Inula racemosa. In der Praxis ist Pushkaramula die Wurzel der Husten- und Atemwegsrezepturen, der Rheuma-Öle (Mahānārāyaṇa Taila) und — in der jüngeren indischen Tradition — der Herzrezepturen gegen den Brustschmerz.
Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen
Sabine Anlikers Lehrbuch für die Höhere Fachprüfung führt Pushkaramula nicht unter den achtzig Pflanzen. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott führt Inula racemosa als Atemwegstonikum, Mukolytikum, Diuretikum, Immunstimulans und āmapācana, Vata und Kapha stark senkend, Pitta leicht mehrend, mit 46 klassischen Zubereitungen — bei chronischem Husten, Bronchitis, Asthma, Schluckauf, Angina pectoris, Rheuma und Āma-Zuständen. Zoller und Nordwig beschreiben Inula helenium als «Bronchialsedativum» mit demselben Steckbrief (bitter, scharf, leicht, spitz; Vata und Kapha senkend), Tee bei Husten und Asthma, die gekaute Wurzel bei Appetitlosigkeit — und der Warnung: Überdosis führt zu Erbrechen und Magenschmerzen; «die Kommission E rät wegen der Gefahr der Sensibilisierung vom therapeutischen Gebrauch ab». Kalyani Nagersheth beschreibt in ihrem Praxisleitfaden Inula racemosa und helenium gemeinsam: bitter und scharf, leicht und durchdringend (tīkṣṇa), erhitzend, Kapha und Vata senkend, hustenreizlindernd, schleimreduzierend, bronchienerweiternd, dīpana, pācana, vātānulomana und aphrodisierend — bei Brustschmerzen (Pleuritis, Angina pectoris), Schluckauf, Husten, Asthma, 1 bis 2 g zwei- bis dreimal täglich — und mit der Nebenwirkung: Alantolacton ist ein Kontaktallergen; grössere Gaben führen zu Erbrechen, Durchfall, Krämpfen und Lähmungserscheinungen, «bei der Teezubereitung wohl am geringsten». Schrott und Ammon behandeln den Alant nicht.
Hans H. Rhyner und Birgit Frohn (Heilpflanzen im Ayurveda, 2006) führen den Alant unter den «ayurvedischen Heilpflanzen der westlichen Welt» und zählen ihn zur Gruppe der Asthma-Pflanzen und zur bhṛṅgarāja-kula, der Pflanzengruppe der Eclipta: leicht und spitz (laghu, tīkṣṇa), scharf und bitter, erhitzend, scharfer vipāka, Kapha und Vata senkend, Pitta mehrend — «eine der besten hustenreizlindernden, schleimreduzierenden und auswurffördernden Heilpflanzen», daneben nervenstärkend, fettstoffwechselanregend und schweisstreibend. Die Wurzel enthält etwa 40 % Inulin; Rhyner und Frohn warnen, dass die Sesquiterpenlactone bei Korbblütler-Allergie Reaktionen auslösen und grössere Mengen Erbrechen, Durchfall, Krämpfe und Lähmungserscheinungen verursachen können; Dosis 1 bis 3 g Pulver oder 1 g als Teeaufguss.
Forschungslage
Pushkaramula ist die eine ayurvedische Pflanze, deren indische Forschung dem Herzen gilt.
Angina. Eine Pilotstudie aus Varanasi (Tripathi et al., 1984) gab Patientinnen und Patienten mit Angina pectoris Wurzelpulver und berichtete weniger Anfälle und bessere EKG-Befunde; dieselbe Gruppe fand im Tierversuch eine betablockerähnliche Wirkung (Tripathi et al., 1988). Beides ist vierzig Jahre alt, klein und unverblindet — der Grund, warum Pushkaramula in Indien in Herzrezepturen steht, kein Beleg.
Labor. Alantolacton und Isoalantolacton sind gut untersucht: entzündungshemmend, antimikrobiell, gegen Würmer, im Zellversuch gegen Tumorzellen; Extrakte wirken im Tierversuch bronchienerweiternd, blutzucker- und fettsenkend und schützen den Herzmuskel im Ischämiemodell. Übersichten fassen mehrere Dutzend präklinische Arbeiten zusammen.
Alantwurzel westlich. Für Inula helenium hat die Kommission E eine Negativmonographie erstellt — Wirksamkeit nicht belegt, Sensibilisierungsrisiko durch Alantolacton; EMA und ESCOP haben keine Monographie. In Frankreich ist die Alantwurzel für die traditionelle Anwendung zugelassen.
Was fehlt. Kontrollierte Studien am Menschen; Daten zur Dauereinnahme und zur Allergenität bei innerer Anwendung.
Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Pushkaramula. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.
Sicherheit
Pushkaramula ist eine scharfe, heisse Bitterwurzel mit einem bekannten Allergen — die Grenzen sind klar.
Allergie. Alantolacton ist ein Kontaktallergen (Kreuzreaktionen innerhalb der Korbblütler: Arnika, Kamille, Chrysanthemen); Kommission E: Negativmonographie für die europäische Alantwurzel. Wer auf Korbblütler reagiert, meidet Pushkaramula — auch äusserlich.
Überdosis. Zoller/Nordwig, Nagersheth: Erbrechen, Magenschmerzen, Durchfall, Krämpfe, Lähmungserscheinungen — bei 1 bis 3 g bleiben.
Pitta. Erhitzend, scharf, durchdringend — bei Hitzezuständen, Übersäuerung und Hautentzündungen sparsam (Lexikon: Pitta leicht mehrend).
Schwangerschaft. Keine klassische Warnung, keine modernen Daten; der Alant gilt als menstruationsfördernd (Nagersheth: «emmenagog» nach Fuchs) — Präparate in Drogendosis in der Schwangerschaft meiden.
Herz, Blutzucker. Wer Herz- oder Diabetesmedikamente nimmt, nimmt Pushkaramula in Drogendosis nur nach Rücksprache — die Tierdaten legen Wechselwirkungen nahe.
Identität. «Pushkarmool» im Handel ist nicht immer Inula racemosa; Verwechslungen mit Costus und anderen Wurzeln sind alt. Die Vedika-Präparate deklarieren die Art.
Menge. Die Vedika-Präparate enthalten Pushkaramula in Rezepturmengen — 197 mg je Tagesdosis (Für die kalte Jahreszeit), 63 mg (Prana-Rasayana) — unter der Drogendosis; im Pirant Balm äusserlich.
Zubereitung und Formen
Die Pharmakopöe nennt 1 bis 3 g Pulver; die Tradition gibt Pushkaramula in den Husten- und Atemwegsrezepturen, in Daśamūlāriṣṭa, in den Rheuma-Ölen und als Tee. Im Vedika-Sortiment steht Pushkaramula in drei Präparaten — zwei für die Atemwege, eines äusserlich.
In Rezepturen von Maharishi Ayurveda: Für die kalte Jahreszeit (197 mg Inula racemosa je Tagesdosis, neben Tulsi, Ysop, Süssholz, Clerodendrum und Trikatu) und Prana-Rasayana (63 mg, neben Süssholz, Pippali, Kardamom, Zimt, Eibisch und Koralle — die Rezeptur für den Atem).
Äusserlich: Pirant Balm, Bio (Wurzelextrakt im Balsam für Muskeln und Gelenke, neben Rasna, Ashwagandha und Vasa).
Quellen
- The Ayurvedic Pharmacopoeia of India, Part I, Vol. IV, Monographie 47 Puṣkara (Wurzel), S. 102–104. Ministry of AYUSH. pcimh.gov.in
- Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu, Harītakyādi-varga, Verse 174–175 (Puṣkaramūla als Kuṣṭhabheda; Kommentar zur Identität). Ausgabe Chunekar/Pandey, Chaukhambha Bharati Academy, Varanasi 2002, Buch-S. 93–94 (Teil 1, PDF-S. 56).
- Caraka Saṃhitā, Sūtrasthāna 25 (Agryasaṅgraha: puṣkaramūla als bestes Mittel bei hikkā, śvāsa, kāsa, pārśvaśūla). Übersetzung Kaviratna/Sharma (1890–1911).
- Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Inula racemosa — Dravyaguna, Karma, 46 Zubereitungen; Pushkaramula ist nicht unter Anlikers 80 Pflanzen und nicht bei Schrott/Ammon.
- Zoller A, Nordwig H. Heilpflanzen der Ayurvedischen Medizin. Ein praktisches Handbuch. Haug, Stuttgart 1997 (5. Auflage Narayana 2026) — Inula helenium (Puṣkaramūla).
- Nagersheth, Kalyani: Ayurveda-Medizin mit einheimischen Pflanzen. Ein Praxisleitfaden. Springer, Berlin 2026, ISBN 978-3-662-71451-5, Kapitel 21.107 Inula racemosa (helenium), Alant, Puṣkaramūla, S. 454–455.
- Kommission E (BGA), Negativmonographie Helenii radix (Alantwurzel), Bundesanzeiger.
- Tripathi SN, Upadhyaya BN, Gupta VK. Beneficial effect of Inula racemosa (pushkarmoola) in angina pectoris: a preliminary report. Indian Journal of Physiology and Pharmacology 1984; 28(1):73–75.
- Tripathi YB, Tripathi P, Upadhyay BN. Assessment of the adrenergic beta-blocking activity of Inula racemosa. Journal of Ethnopharmacology 1988; 23(1):3–9.
- Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
- Rhyner HH, Frohn B: Heilpflanzen im Ayurveda. AT Verlag, Baden und München 2006, ISBN 978-3-03800-279-6, Eintrag Alant (Pushkaramula), S. 40–41.
Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.