Traditionelle Verwendung
Pippali ist der Lange Pfeffer, Piper longum, eine schlanke, aromatische Kletterpflanze aus der Familie der Pfeffergewächse, die in den heissen Teilen Indiens vom Himalaya bis Assam und in den immergrünen Wäldern der Westghats wild wächst und im Nordosten und Süden angebaut wird. Anders als beim schwarzen Pfeffer werden nicht die reifen Beeren geerntet, sondern die unreifen, kätzchenartigen Fruchtstände, die getrocknet wie kleine graue Zapfen aussehen. Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India beschreibt zwei Drogen: die Frucht Pippalī (Vol. IV, Monographie 42) und den Stängel beziehungsweise die Wurzel Pippalīmūla (Vol. II, Monographie 60). Die Sanskrit-Synonyme der Pharmakopöe sind kaṇā, māgadhī (nach Magadha, dem alten Bihar, wo die beste Sorte wuchs), kṛṣṇā («die Schwarze») und śauṇḍī. Der Lange Pfeffer war in der Antike der Pfeffer schlechthin — das griechische péperi und unser Wort «Pfeffer» stammen von seinem Sanskrit-Namen pippalī.
Was die Tradition sagt
Pippali ist die ungewöhnlichste Schärfe des Ayurveda: Sie schmeckt süss, scharf und bitter zugleich (madhura, kaṭu, tikta), ist leicht und ölig (laghu, snigdha), und ihre Wirkkraft ist anuṣṇa — «nicht heiss», also weder erhitzend noch kühlend — bei süssem vipāka. Das unterscheidet sie von Ingwer und schwarzem Pfeffer, den beiden anderen Gliedern des Trikaṭu: Pippali facht das Verdauungsfeuer an, ohne Pitta zu erhitzen. Das Karma der Pharmakopöe: dīpana, hṛdya (dem Herzen zuträglich), kaphahara, rucya (Appetit weckend), tridoṣahara (alle drei Doshas ausgleichend), vātahara, vṛṣya, rasāyana und recana (abführend). Die Anwendungsfelder sind zahlreich: śūla (Kolikschmerz), arśa (Hämorrhoiden), gulma (Bauchgeschwulst), hikkā (Schluckauf), kāsa (Husten), kṛmi (Würmer), kṣaya (Auszehrung), kuṣṭha (Hautleiden), plīharoga (Milzleiden), prameha («Harnfluss»), śvāsa (Atemnot), tṛṣṇā (Durst), udararoga (Bauchleiden), āmavāta, āmadoṣa und jvara (Fieber). Die Dosis: 1 bis 3 g. Die Wurzel Pippalīmūla ist dagegen scharf, leicht, trocken und heiss (kaṭu, laghu, rūkṣa, uṣṇa) mit scharfem vipāka — dīpana, pācana, vātānulomana, śūlapraśamana —, mit 0,5 bis 1 g dosiert und Teil des Pañcakola und der Daśamūla-Rezepturen. Was diese Begriffe bedeuten und warum sie sich nicht in moderne Diagnosen übersetzen lassen, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.
Pippali ist in der Rezepturkunst allgegenwärtig: als Glied des Trikaṭu mit Ingwer und schwarzem Pfeffer, des Pañcakola (Pippali, Pippalīmūla, Cavya, Citraka, Śuṇṭhī) und in den grossen Rasayanas — Cyavanaprāśa, Amṛtāriṣṭa, Aśvagandhāriṣṭa, Kumāryāsava, Kaiśora Guggulu nennt die Pharmakopöe. Caraka beschreibt im Rasāyana-Kapitel das Vardhamāna Pippalī Rasāyana, die «anwachsende» Pippali-Kur, bei der die Zahl der Früchte täglich steigt und dann wieder sinkt — und warnt an anderer Stelle (Vimānasthāna 1.15) ausdrücklich davor, Pippali über lange Zeit als Einzeldroge zu nehmen: Was in Massen Rasayana ist, reizt im Übermass Pitta und Agni. Der Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu (16. Jh.) führt Pippalī im Harītakyādi-varga (Verse 53–58) mit den Namen māgadhī, kṛṣṇā, vaidehī, capalā, kaṇā, upakulyā, ūṣaṇā, śauṇḍī, kolā und tīkṣṇataṇḍulā, beschreibt sie als dīpanī, vṛṣyā, süss im vipāka, rasāyanī, anuṣṇā, scharf, ölig, Vata und Kapha vertreibend, leicht und recanī, gegen Atemnot, Husten, Bauchleiden, Fieber, Hautleiden, prameha, gulma, Hämorrhoiden, Milz, Kolik und āmavāta — und macht drei feine Unterscheidungen: Die frische Frucht ist Kapha mehrend, kühl, süss, schwer und Pitta beruhigend, die getrocknete reizt Pitta; mit Honig genommen vernichtet Pippali Fett und Kapha und ist medhyā (dem Geist zuträglich) und agnivardhinī; mit der doppelten Menge Jaggery (Guḍapippalī) empfiehlt er sie bei chronischem Fieber und schwachem Agni. Der Rāja Nighaṇṭu unterscheidet nach Hegde und Harini vier Sorten, pippalī, gajapippalī, siṃhalī pippalī und vanādi pippalī; die Wurzel nennt Caraka das vorzüglichste Mittel unter denen, die das Verdauungsfeuer anfachen, verdauen und Auftreibung lösen (Ca. Sū. 25/40).
Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen
Sabine Anlikers Lehrbuch für die Höhere Fachprüfung (Kapitel 54) führt beide Drogen mit den Steckbriefen der Pharmakopöe, nennt für die Frucht 1 bis 3 g zwei- bis dreimal täglich («Pulver sollte grün sein»), als Nebenwirkung gegebenenfalls Juckreiz und Brennen, und zitiert als Kontraindikation die Caraka-Stelle gegen den Dauergebrauch als Einzeldroge; für die Wurzel 0,5 bis 1 g mit dem Hinweis, dass sie Gastritis und Brennen in Magen, Hals und Händen verschlimmern kann. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott führt Piper longum als erstes Glied des Pañcakaṭu und Bestandteil von Trikaṭu und Pañcakola, nennt als Hauptwirkungen Rasāyana, Srotas reinigend, Digestivum, kaṇṭhya (gut für Stimme und Rachen) und āmapācana, ordnet die Frucht als sattvisch und Ojas mehrend ein und zählt 502 klassische Zubereitungen — mehr als für jede andere Pflanze im Lexikon.
Hans H. Rhyner und Birgit Frohn (Heilpflanzen im Ayurveda, 2006): leicht, ölig und spitz, scharf, süsser vipāka, mild erhitzend, Kapha und Vata senkend, Pitta mehrend — die frischen grünen Früchte dagegen süss und kühlend, Pitta senkend und Kapha mehrend; «von allen Mitteln wird Pippali in der klassischen Literatur am häufigsten genannt». Präparate: Trikatu 1 bis 3 g, Pippalyasava, Pippalyadi Ghrita.
Forschungslage
Die Forschung zu Pippali ist fast vollständig Forschung zu einem einzigen Molekül: dem Alkaloid Piperin, das Pippali mit dem schwarzen Pfeffer teilt und das die Schärfe beider trägt. Was die Tradition mit yogavāhī meint — Pippali «trägt» die Wirkung anderer Substanzen —, hat die Pharmakologie in Zahlen gefasst.
Der Bioverfügbarkeits-Effekt. Shoba und Kollegen (Planta Medica, 1998) gaben gesunden Freiwilligen 2 g Curcumin allein oder mit 20 mg Piperin: Die Aufnahme des Curcumins stieg um das Zwanzigfache. Piperin hemmt im Darm und in der Leber Enzyme (Glucuronidierung, CYP3A4) und den Transporter P-Glykoprotein, die viele Stoffe abbauen oder zurück in den Darm pumpen (Bhardwaj, 2002). Das ist der Grund, warum Pippali und Pfeffer in Kurkuma-Präparaten stehen — und der Grund für die Vorsicht bei Medikamenten (siehe Sicherheit). Ein Scoping-Review (Haq et al., 2023) fand rund zwei Dutzend klinische Studien zu Piperin — meist als Zusatz zu anderen Wirkstoffen, selten zu Piperin allein.
Pippali selbst. Klinische Studien zur ganzen Frucht sind rar und stammen fast alle aus Indien: kleine Studien zu Pippali-Rezepturen bei Husten und Atemwegsbeschwerden von Kindern, zu Vardhamāna Pippalī bei chronischen Atemwegserkrankungen und zur Pippalī Rasāyana — unkontrolliert oder klein, nicht belastbar. Im Labor hemmen Piperin und das Pippali-eigene Piperlongumin Entzündungsbotenstoffe und das Wachstum von Tumorzellen; Piperlongumin wird als Krebswirkstoff-Kandidat untersucht. Das ist Grundlagenforschung, kein Nutzen am Menschen.
Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Pippali, und die Europäische Arzneimittelagentur hat keine Monographie zu Piper longum erstellt. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.
Sicherheit
Pippali ist ein Gewürz, und in den Mengen der Küche und der klassischen Rezepturen (bis 3 g täglich) gut verträglich. Zwei Dinge sind zu wissen: die Warnung der Klassiker vor dem Dauergebrauch — und die Wechselwirkungen des Piperins.
Nicht auf Dauer allein. Caraka zählt Pippali zu den Substanzen, die man nicht ununterbrochen nehmen soll (Vimānasthāna 1.15) — eine Warnung, die Anliker als Kontraindikation übernimmt. Die Tradition gibt Pippali kurweise (wie im Vardhamāna-Schema) oder in Rezepturen, in denen andere Kräuter die Schärfe abpuffern.
Magen und Pitta. Juckreiz, Brennen in Magen, Hals und Händen (Anliker), Sodbrennen — bei Gastritis, Magengeschwüren, Pitta-Konstitution und Hitzeneigung ist Zurückhaltung geboten. Der Bhāvaprakāśa sagt es so: Die getrocknete Frucht reizt Pitta.
Medikamente. Piperin erhöht die Blutspiegel vieler Arzneistoffe, indem es deren Abbau hemmt — nachgewiesen für Phenytoin, Propranolol, Theophyllin, Carbamazepin und andere. Wer Medikamente mit enger therapeutischer Breite nimmt (Antiepileptika, Herz- und Blutdruckmittel, Blutverdünner, Immunsuppressiva), sollte Pippali- und Pfefferpräparate in Kapselform mit Ärztin oder Apotheker absprechen. Für Küchenmengen gilt das nicht.
Schwangerschaft und Stillzeit. Hersteller-Hinweise auf Präparaten mit hohem Pippali-Anteil (Triphala Guggulu, Kurkuma Kapseln) raten Schwangeren und Stillenden ab; in der Tradition gilt die scharfe, das Verdauungsfeuer anfachende Droge in der Schwangerschaft als nur in kleinen Mengen angebracht. In Tierversuchen zeigte Piperin in hohen Dosen fruchtbarkeitshemmende Wirkungen. Ohne fachliche Begleitung keine Pippali-Kapseln in der Schwangerschaft.
Kinder. In der indischen Tradition ein Kindermittel bei Husten (mit Honig) — in Europa gilt für Kapselpräparate: nicht für Kinder ohne Rücksprache.
Qualität und Verwechslung. Als Verfälschung nennen Hegde und Harini den Fruchtstand von Piper peepuloides. Bei der grossen Sorte ist der echte Fruchtstand gerade, stumpf und graubraun, 3 bis 4 cm lang und bis 8 mm dick, aus winzigen, dicht um eine Achse gepackten Beeren; er bricht leicht, riecht kräftig würzig und schmeckt scharf. Die kleine Sorte ist unter 2 cm lang und bis 5 mm dick, mit rauer, perliger, dunkelbrauner bis grünschwarzer Oberfläche. Die Wurzelstücke sind 0,5 bis 1 cm dick, oft zickzackförmig verzweigt, zerfallen beim Brechen kurz oder pulvrig und riechen sehr stark.
Zubereitung und Formen
Die Pharmakopöe nennt 1 bis 3 g Frucht und 0,5 bis 1 g Wurzel; die Tradition gibt Pippali mit Honig (gegen Kapha), mit Jaggery (Guḍapippalī), in Milch abgekocht (Pippalī Kṣīra) und in unzähligen Rezepturen. Im Vedika-Sortiment steht Pippali in fast dreissig Präparaten, einmal auch als Einzelpräparat.
Einzelpräparat: Pippali von Maharishi Ayurveda — 833 mg Langer Pfeffer je Kapsel, eine Kapsel zweimal täglich mit warmem Wasser.
Als Träger in Kurkuma-Präparaten: Kurkuma Kapseln, Bio von Classic Ayurveda (Kurkumapulver mit Langem Pfeffer — die klassische Kombination), Pitta Formula Plus (80 mg), Kapha Formula Plus (25 mg mit 25 mg schwarzem Pfeffer).
In klassischen Rezepturen: Triphala Guggulu (323 bis 647 mg Pippali je Tagesdosis — die Śārṅgadhara-Rezeptur), Chyavanprash (152 mg — Pippali ist eine der Hauptzutaten des Cyavanaprāśa), Prana-Rasayana (126 mg), Amrit Kalash MA 4 (78 mg), Männer-Rasayana (46 mg), Für die kalte Jahreszeit (29 mg), Digest (27 mg), Eisen-Rasayana und das Vital Tonikum (Ashwagandha Arishta).
Als Trikaṭu und Gewürzpulver in Kapseln: AMAcare, LIVERcare, BONEcare, HEARTcare, PRANAcare, VATAcare, SENIORcare, MEMORYcare und MENTALcare von Classic Ayurveda; dazu Kapha Balance, AyurFlex, AyurAci-Balance, AyurDefence und Für die aktive Frau.
Mundpflege: Fruchtextrakt in den beiden Ayurdent-Zahnpasten.
Quellen
- The Ayurvedic Pharmacopoeia of India, Part I, Vol. IV, Monographie 42 Pippalī (Frucht), S. 91; Vol. II, Monographie 60 Pippalīmūla (Stängel), S. 133. Ministry of AYUSH. pcimh.gov.in
- Caraka Saṃhitā, Vimānasthāna 1.15–16 (Substanzen, die nicht dauernd zu nehmen sind) und Cikitsāsthāna 1.3 (Vardhamāna Pippalī Rasāyana). Übersetzung Kaviratna/Sharma (1890–1911).
- Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu des Bhāvamiśra (16. Jh.), Harītakyādi-varga 53–58, Nr. 6 Pippalī; Ausgabe K. C. Chunekar / G. S. Pandey, Chaukhambha Bharati Academy, Varanasi 2002, S. 15–16.
- Anliker, Sabine: Heilpflanzen Ayurveda Medizin. 3. Auflage, Trägerorganisation Ayurveda CH, 2023, ISBN 978-3-033-08908-2, Kapitel 54 Pippalī, Pippalīmūla, S. 125–127 — mit Verweis auf API Vol. IV/II, Zoller/Nordwig und Schrott/Ammon.
- Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Piper longum — Dravyaguna nach Drogen, Karma, Gruppen (Pañcakaṭu, Trikaṭu, Pañcakola), 502 Zubereitungen.
- Shoba G, Joy D, Joseph T, Majeed M, Rajendran R, Srinivas PS. Influence of piperine on the pharmacokinetics of curcumin in animals and human volunteers. Planta Medica 1998; 64(4):353–356.
- Bhardwaj RK, Glaeser H, Becquemont L, Klotz U, Gupta SK, Fromm MF. Piperine, a major constituent of black pepper, inhibits human P-glycoprotein and CYP3A4. Journal of Pharmacology and Experimental Therapeutics 2002; 302(2):645–650.
- Haq IU, Imran M, Nadeem M, Tufail T, Gondal TA, Mubarak MS. Therapeutic spectrum of piperine for clinical practice: a scoping review. Critical Reviews in Food Science and Nutrition 2023; 63(22):5813–5831. DOI 10.1080/10408398.2021.2024792.
- Kumar S, Kamboj J, Suman, Sharma S. Overview for various aspects of the health benefits of Piper longum Linn. fruit. Journal of Acupuncture and Meridian Studies 2011; 4(2):134–140.
- Swissmedic: Anhang 10 KPAV, Liste TAS (Piperis longi fructus, bi bo), Stand 1.7.2023; Anhang 9 (Standardwerke). swissmedic.ch
- Rhyner HH, Frohn B: Heilpflanzen im Ayurveda. AT Verlag, Baden und München 2006, ISBN 978-3-03800-279-6, Eintrag Pippali, S. 191–192.
- Hegde PL, Harini A. A Text Book of Dravyaguna Vijnana, Vol. II (nach dem NCISM-Lehrplan). Chaukhambha Publications, New Delhi 2023, S. 538–546 (Kap. 2.73 Pippali & Pippali Mula).
Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.