Traditionelle Verwendung
Sandelholz ist candana — genauer śvetacandana, das weisse Sandelholz — das getrocknete Kernholz von Santalum album, einem immergrünen, halbparasitischen Baum von 8 bis 18 m Höhe, der seine Wurzeln an die Wurzeln anderer Bäume anschliesst und in Karnataka, Tamil Nadu und auf Timor wächst; das Holz duftet erst nach Jahrzehnten, wenn sich im Kern das ätherische Öl mit α- und β-Santalol eingelagert hat. Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India beschreibt Śvetacandana in Vol. III (Monographie 93): das gelblich-weisse, feinfaserige, schwere Kernholz mit dem charakteristischen Duft, bitter-süss im Geschmack; als Inhaltsstoff nennt sie das flüchtige Öl (α- und β-Santalol). Das Wort «Sandel» stammt vom Sanskrit candana; śrīkhaṇḍa («Glücksstück») und gandhasāra («Duftessenz») sind seine Ehrennamen. Nicht zu verwechseln ist das rote Sandelholz (raktacandana, Pterocarpus santalinus, API Vol. III Nr. 70), ein Farbholz ohne Duft mit ähnlich kühlendem Profil, das in mehreren Vedika-Rezepturen neben dem weissen steht.
Was die Tradition sagt
Sandelholz schmeckt süss und bitter (madhura, tikta), ist leicht und trocken (laghu, rūkṣa), kühlend (śīta) und hat scharfen vipāka — die kühlende Duftdroge, die Pitta und Kapha senkt. Die Pharmakopöe zählt zehn Karma auf: hṛdya (dem Herzen zuträglich), kṛmighna (gegen Würmer), kaphahara, pittahara, vṛṣya (das Fortpflanzungsgewebe stärkend), varṇya (die Hautfarbe verbessernd), viṣaghna (gegen Gift), durgandhahara (üblen Geruch beseitigend), dāhapraśamana (Brennen kühlend) und tṛṣṇāhara (Durst stillend). Die Anwendungsfelder heissen śoṣa (Auszehrung), dāha (Brennen), raktapitta (Blutungsleiden), raktārśa (blutende Hämorrhoiden), hikkā (Schluckauf), vamana (Erbrechen), raktātisāra (blutiger Durchfall), pradara (Ausfluss, starke Blutung), śukrameha, netraroga (Augenleiden), mūtrāghāta (Harnverhalt), bhrama (Schwindel), raktavikāra und kṛmiroga. Dosis 3 bis 6 g Pulver; klassische Zubereitungen sind Candanāsava, Candanādi Cūrṇa, Candanādi Taila, Aśvagandhādyariṣṭa, Sārivādyāsava, Arimedādi Taila und Marma Guṭikā. Was diese Begriffe bedeuten und warum sie sich nicht in moderne Diagnosen übersetzen lassen, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.
Die Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu (Karpūrādi-varga, Verse 11–13) nennt Sandelholz śrīkhaṇḍa, candana, bhadraśrī, tailaparṇika, gandhasāra, malayaja («vom Malaya-Gebirge») und candradyuti («Mondglanz») und beschreibt das beste Holz: bitter im Geschmack, gelb beim Reiben, rot im Schnitt, weiss von aussen, mit Knoten und Höhlungen; es sei kühlend, trocken, bitter, «das Gemüt erfreuend» (āhlādana), leicht, und vertreibe Erschöpfung, Auszehrung, Gift, Kapha, Durst, Pitta, Blutleiden und Brennen. Bei Caraka gehört Candana zu den dāhapraśamana, den Mitteln gegen Brennen, zu den tṛṣṇānigrahaṇa und zu den varṇya, den Mitteln für die Hautfarbe (Sū. 4); Suśruta führt es in fünf Gruppen, darunter im Sārivādi- und im Priyaṅgvādi-gaṇa (Hegde und Harini). Sandelholz ist im Ṣaḍaṅgapānīya das Fieberwasser, in der candanādi lepa die kühlende Paste, und über die Medizin hinaus die Substanz des Rituals: die Paste auf der Stirn, das Räucherholz im Tempel, der Duft, der — so das Lexikon — «das Erwachen von Intelligenz» fördert und als sehr sattvisch gilt. In seiner Liste der vorzüglichsten Drogen (agrya) nennt Caraka das Sandelholz das beste, um üblen Geruch zu nehmen, Brennen zu löschen und als Auflage zu dienen (durgandhahara, dāhanirvāpaṇa, lepana; Ch. Su. 25/40, nach Hegde und Harini, S. 166).
Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen
Sabine Anlikers Lehrbuch für die Höhere Fachprüfung (Kapitel 67) folgt der Pharmakopöe in Steckbrief, Karma und Anwendungsfeldern, gibt als Dosis 3 bis 6 g Pulver zweimal täglich, als Droge das Holz — und als Nebenwirkung: höhere Dosen des Sandelholzöls können zu Nierenreizungen führen. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott führt Santalum album als kühlende Droge, die die Ausstrahlung stärkt (varṇya), eine der zehn Rasayana-Pflanzen bei Caraka, sattvisch — «öffnet das dritte Auge» —, mit 149 klassischen Zubereitungen; das rote Sandelholz (Pterocarpus santalinus) hat einen eigenen Eintrag als kühlende, durststillende Droge bei Hautleiden und Blutungen mit 62 Zubereitungen. Schrott und Ammon stellen in ihrem Lehrbuch die Sichten nebeneinander: ayurvedisch das kühlende, reizlindernde, blutstillende Holz, «bewährt, wenn Hitze, Entzündungen und Blutungen auftreten», mit dem Hausmittel des Sandelholzwassers bei Reizblase (1 TL Pulver auf 1 Glas kaltes Wasser abends) und der Paste an den Schläfen bei Kopfschmerz; westlich die Droge Santali albi lignum und das Santali aetheroleum mit 3 bis 5 % ätherischem Öl, nach Kommission E 10 bis 20 g Holz oder 1 bis 1,5 g Öl täglich zur unterstützenden Behandlung bei Harnwegsinfekten, nicht länger als sechs Wochen, Gegenanzeige Nierenparenchym-Erkrankungen. Zoller und Nordwig geben dasselbe Profil, die Paste mit Rosenwasser bei Juckreiz und Kopfschmerz, das Pulver im Saft der unreifen Kokosnuss gegen Durst, den Hinweis auf verschnittene Öle im Handel (bestes Öl aus Mysore) — und aus der westlichen Praxis: Sandelholzpaste bei Herpes zoster und Sonnenbrand, Sandelholz mit Kurkuma bei schwerer Akne, ein Teelöffel Pulver in 1 l Wasser bei Hitzewallungen und Fieber.
Hans H. Rhyner und Birgit Frohn (Heilpflanzen im Ayurveda, 2006): leicht und trocken, bitter und süss, kühlend, scharfer vipāka, Pitta und Kapha senkend; Gegenanzeige Nierenerkrankungen. Präparate: Candanadi Thaila äusserlich, Candanasava 20 bis 30 ml, Candanadi Vati.
Forschungslage
Sandelholz ist eine der ältesten Duft- und Heildrogen der Welt — und eine mit einer europäischen Monographie.
Kommission E. Die deutsche Kommission E hat Sandelholz (Santali albi lignum) positiv bewertet: zur unterstützenden Behandlung von Infekten der ableitenden Harnwege, 10 bis 20 g Droge oder 1 bis 1,5 g Öl täglich, höchstens sechs Wochen. Die Wirksamkeit gilt als traditionell plausibel, nicht als klinisch belegt; eine EMA-Monographie gibt es nicht.
Öl und Haut. Das ätherische Öl (α- und β-Santalol) ist im Labor antibakteriell, antiviral (Herpes simplex) und entzündungshemmend; Moy und Levenson (2017) fassen die dermatologischen Studien zusammen — kleine, offene Studien zu Akne, Warzen und Ekzemen mit ostindischem Sandelöl. Eine Studie aus Wien (Hongratanaworakit et al., 2004) mass nach Sandelöl-Massage niedrigere Erregung und höhere Aufmerksamkeit — der Grund, warum Sandelöl in der Aromatherapie steht.
Herkunft. Santalum album ist durch Übernutzung bedroht (IUCN «Vulnerable»); Indien kontrolliert die Ernte streng, und viele «Sandelöle» im Handel stammen von australischen Arten oder sind verschnitten. Für Präparate zählt die Deklaration der Art.
Was fehlt. Für die ayurvedischen Kernanwendungen — Brennen, Fieber, Blutungen, Durst — gibt es keine kontrollierten Studien am Menschen.
Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Sandelholz. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.
Sicherheit
Das Holz gilt als sehr milde Droge — die Vorsicht gilt dem Öl und der Dauer.
Nieren. Anliker, Schrott/Ammon und die Kommission E stimmen überein: Höhere Dosen des Sandelöls können die Nieren reizen; Kommission E begrenzt die Anwendung auf sechs Wochen und nennt Erkrankungen des Nierenparenchyms als Gegenanzeige. Das ätherische Öl nur verdünnt und nie ohne fachlichen Rat innerlich.
Haut und Allergie. Sandelöl ist ein bekanntes Kontaktallergen (Bestandteil von Duftstoffreihen); bei äusserlicher Anwendung sind Hautreaktionen möglich, gelegentlich Übelkeit und Juckreiz nach Einnahme.
Schwangerschaft. Keine klassischen Warnungen für das Holz; für das Öl fehlen Daten — in der Schwangerschaft nur nach Rücksprache.
Identität und Qualität. Weisses (Santalum album) und rotes Sandelholz (Pterocarpus santalinus) sind zwei Pflanzen; Öle im Handel sind oft verschnitten oder stammen von anderen Santalum-Arten. Die Vedika-Präparate deklarieren die Art. Unter dem Namen candana führen die Nighaṇṭus auch fremde Hölzer, etwa pītacandana (Coscinium fenestratum) und kucandana (Caesalpinia sappan) (Hegde und Harini, S. 171).
Menge. Die Vedika-Präparate enthalten Sandelholz in Rezepturmengen — bis 78 mg je Tagesdosis — und in den Ölen als Duft- und Kühlkomponente; die Grenzen der Kommission E betreffen das Öl in Arzneidosis.
Qualität. Gutes Sandelholz kommt nach Hegde und Harini als zylindrische oder längs gespaltene Kernholzstücke von etwa 20 cm Länge und 4 bis 8 cm Durchmesser in den Handel, weitgehend vom weissen, geruchlosen Splintholz befreit; das Kernholz ist gleichmässig, hart und schwer, blass rötlich mit dunkleren rotbraunen und hellgelben Zonen und duftet charakteristisch. Nach der Herkunft gilt das Holz aus dem Malaya-Gebirge (malayaja) als das beste (S. 171–172).
Zubereitung und Formen
Die Pharmakopöe nennt 3 bis 6 g Holzpulver, die Kommission E 10 bis 20 g; die Tradition gibt Sandelholz als kalten Aufguss, als Paste mit Wasser oder Rosenwasser äusserlich, im Fieberwasser und in den kühlenden Rezepturen. Im Vedika-Sortiment steht Sandelholz in fünf Präparaten — in drei Rezepturen von Maharishi Ayurveda und in zwei äusserlichen Ölen.
In Rezepturen von Maharishi Ayurveda: Amrit Kalash MA 4 (78 mg weisses Sandelholz je Tagesdosis, mit Musta, Nagkesar und Gotu Kola in der Rezeptur mit über vierzig Pflanzen), Radiant Skin (rotes und weisses Sandelholz — 48 mg Raktacandana — mit Hemidesmus, Guduchi, Musta und aufbereitetem Eisen: die kühlende Hautrezeptur) und Für die aktive Frau (weisses Sandelholz mit Kreuzkümmel, Ingwer, Pippali und Ashwagandha).
Äusserlich: Nasya-Öl (Sandelholz im Sesamöl mit Vetiver, Nussgras, Zimt und Kardamom) und Pirant Balm, Bio (Holzextrakt).
Quellen
- The Ayurvedic Pharmacopoeia of India, Part I, Vol. III, Monographie 93 Śvetacandana (Kernholz), S. 207; Monographie 70 Raktacandana (Pterocarpus santalinus), S. 155. Ministry of AYUSH. pcimh.gov.in
- Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu, Karpūrādi-varga, Verse 11–13 (Candana). Ausgabe Chunekar/Pandey, Chaukhambha Bharati Academy, Varanasi 2002, Buch-S. 189 (Teil 1, PDF-S. 102).
- Caraka Saṃhitā, Sūtrasthāna 4 (dāhapraśamana, tṛṣṇānigrahaṇa, varṇya). Übersetzung Kaviratna/Sharma (1890–1911).
- Anliker, Sabine: Heilpflanzen Ayurveda Medizin. 3. Auflage, Trägerorganisation Ayurveda CH, 2023, ISBN 978-3-033-08908-2, Kapitel 67 Śvetacandana/Candana, S. 153–154 — mit Verweis auf API Vol. III, Zoller/Nordwig und Schrott/Ammon.
- Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Santalum album — Dravyaguna, Karma, 149 Zubereitungen; Pterocarpus santalinus, 62 Zubereitungen.
- Schrott E, Ammon HPT. Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Eine Gegenüberstellung. Springer, Berlin/Heidelberg 2012, Kapitel 9, Santalum album, S. 302–303.
- Zoller A, Nordwig H. Heilpflanzen der Ayurvedischen Medizin. Ein praktisches Handbuch. Haug, Stuttgart 1997 (5. Auflage Narayana 2026) — Santalum album.
- Kommission E: Monographie Santali albi lignum (Sandelholz), Bundesanzeiger Nr. 43, 2.3.1989.
- Moy RL, Levenson C. Sandalwood Album Oil as a Botanical Therapeutic in Dermatology. Journal of Clinical and Aesthetic Dermatology 2017; 10(10):34–39.
- Hongratanaworakit T, Heuberger E, Buchbauer G. Evaluation of the effects of East Indian sandalwood oil and α-santalol on humans after transdermal absorption. Planta Medica 2004; 70(1):3–7.
- IUCN Red List: Santalum album — Vulnerable (Asian Regional Workshop 1998). iucnredlist.org
- Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
- Rhyner HH, Frohn B: Heilpflanzen im Ayurveda. AT Verlag, Baden und München 2006, ISBN 978-3-03800-279-6, Eintrag Candana (Sandelholz), S. 175–176.
- Hegde PL, Harini A. A Text Book of Dravyaguna Vijnana, Vol. II (nach dem NCISM-Lehrplan). Chaukhambha Publications, New Delhi 2023, S. 166–174 (Kap. 2.23 A Shweta Chandana).
Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.