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Pflanze · Kṛmighna · Dīpana · Verdauung

Vidanga

viḍaṅga; auch kṛmighna, jantughna («Würmer tötend»), vella, citratāṇḍula · Embelia ribes Burm. f. · Myrsinaceae / Primulaceae (Myrsinengewächse)
Vayavidanga, Baberang (Hindi), Embelia, Falsche Schwarze Pfefferbeere, Vavding (Gujarati/Marathi), Vayuvilanga (Kannada/Tamil), Babrang (Urdu)

Vidanga heisst «Würmer tötend» — die kleine schwarze Beere ist bei Caraka das beste der wurmtreibenden Mittel: scharf, heiss, durchdringend, Vata und Kapha senkend, das Verdauungsfeuer anregend. Was die Tradition sagt, warum die Forschung fast nur aus dem Labor stammt, und warum Schwangere und Paare mit Kinderwunsch darauf verzichten.

Zuletzt überprüft: 5. Oktober 2026 · abgeglichen mit API, Anliker, Schrott-Lexikon, Zoller/Nordwig, Schrott/Ammon, Hegde/Harini

Vidanga
Tafel 577 «Embelia ribes, Burm.» aus Kanhoba Ranchoddas Kirtikar und Baman Das Basu, Indian Medicinal Plants, Plates Band III, Allahabad 1918. Gemeinfrei, über Wikimedia Commons; für Vedika monochrom in Waldgrün auf Cream dargestellt.

Traditionelle Verwendung

Vidanga sind die getrockneten, pfefferkorngrossen Beeren von Embelia ribes, einer grossen Kletterpflanze mit langen, biegsamen Zweigen aus der Familie der Myrsinengewächse, die im indischen Hügelland bis 1600 m Höhe wächst. Die Früchte sind braunschwarz, warzig, 2 bis 4 mm gross, oft noch mit dem Stielchen und dem Kelch, und umschliessen einen einzigen rötlichen Samen mit gelblichen Flecken — die Pharmakopöe nennt ihn citratāṇḍula, «gesprenkeltes Reiskorn». Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India beschreibt Viḍaṅga in Vol. I (Monographie 77) und verlangt mindestens 2 % Embelin, den charakteristischen Inhaltsstoff; die Sanskrit-Synonyme sind jantughna, kṛmighna, kṛmihara, kṛmiripu (alle: «Würmer tötend», «Feind der Würmer») und vella.

Was die Tradition sagt

Vidanga schmeckt scharf und bitter (kaṭu, tikta), ist trocken, leicht und durchdringend (rūkṣa, laghu, tīkṣṇa), erhitzend (uṣṇa) und hat scharfen vipāka. Sein Karma nach der Pharmakopöe: kṛmināśana (Würmer und Parasiten vernichtend), dīpana (das Verdauungsfeuer anregend), anulomana (den Fluss des Vata nach unten regulierend, ausleitend) und vātakaphāpaha (Vata und Kapha ausgleichend). Die Anwendungsfelder heissen kṛmiroga (Wurmerkrankungen), ādhmāna («Aufblähung»), śūla («stechender Schmerz», die abdominellen Schmerzsyndrome) und udararoga («Bauch», der Sammelbegriff für abdominelle Schwellungen). Dosis 5 bis 10 g Pulver; klassische Zubereitungen sind Viḍaṅgāriṣṭa, Viḍaṅga Lauha und Viḍaṅgādi Lauha. Was diese Begriffe bedeuten und warum sie sich nicht in moderne Diagnosen übersetzen lassen, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.

Caraka nennt in seiner Liste der «besten Mittel» (Sūtrasthāna 25) Vidanga als das erste unter den kṛmighna, den wurmtötenden Drogen — und die Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu (Harītakyādi-varga 111–112) fasst es so: Vidanga ist scharf, durchdringend und heiss, trocken, das Verdauungsfeuer stärkend, leicht in der Verdauung, und vertreibt śūla, ādhmāna, udara, Kapha, Würmer, Vata und Verstopfung. Die Tradition hat die Beeren aber nie nur als Wurmmittel gesehen: In Milch mit Knoblauch gekocht galten sie als Nerventonikum, das Pulver der Wurzelrinde als Mittel gegen Zahnschmerzen, die Abkochung als Gurgelwasser; und in den Rasayana-Rezepturen der Klassiker steht Vidanga als Reinigungsdroge, die den Darm für die Kräftigungsmittel vorbereitet — so auch im Amrit Kalash MA 4.

Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen

Sabine Anlikers Lehrbuch für die Höhere Fachprüfung (Kapitel 71) folgt der Pharmakopöe in Steckbrief, Karma und Anwendungsfeldern (Vata und Kapha senkend), gibt als Dosis 1 bis 3 g Pulver zwei- bis dreimal täglich — deutlich weniger als die 5 bis 10 g der Pharmakopöe — und nennt als einzige Kontraindikation die Schwangerschaft. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott führt Embelia ribes als Anthelmintikum, Rasayana und Emetikum, zählt neben den Beeren auch Blätter und Wurzelrinde zu den Drogen, verzeichnet 145 klassische Zubereitungen und warnt: Hohe Dosen verringern die Spermienzahl und mindern die weibliche Fruchtbarkeit. Schrott und Ammon beschreiben die Beere in ihrem Lehrbuch als «mild erhitzend» und weisen darauf hin, dass die Pflanze neuerdings wegen ihres kontrazeptiven Potenzials beachtet wird; sie geben 6 bis 12 g Pulver (Kinder 2 bis 3 g) oder 14 bis 28 ml Abkochung. Zoller und Nordwig, Anlikers zweite Referenz, nennen als Rasa scharf und herb, als Prabhāva «anthelminthisch», beschreiben die Beeren der weiblichen Pflanze als Droge und geben die traditionelle Wurmkur wieder: drei Teelöffel Beerenpulver mit Honig auf leeren Magen, gefolgt von einem Abführmittel — und dazu die alte Rezeptur zur Empfängnisverhütung mit Pippali und Borax. Nebenwirkungen: keine bekannt.

Forschungslage

Vidanga ist eine Pflanze mit langer Tradition und dünner klinischer Forschung. Ein Review in Antioxidants (Sharma et al., 2022) hat die Literatur von 1965 bis 2021 zusammengetragen: über 50 isolierte Inhaltsstoffe — allen voran Embelin, ein Benzochinon, das 2 bis 4 % der Beere ausmacht, dazu Vilangin, Christembin und Flavonoide — und eine lange Reihe von Tier- und Laborstudien zu antimikrobiellen, entzündungshemmenden, antioxidativen, blutzucker- und blutfettsenkenden Wirkungen. Kontrollierte Studien am Menschen: keine.

Embelin. Der Inhaltsstoff hat in der Krebsforschung Aufmerksamkeit bekommen, weil er im Labor ein Eiweiss (XIAP) hemmt, das Tumorzellen vor dem programmierten Zelltod schützt; daraus ist eine breite präklinische Literatur bis hin zu Nanoformulierungen entstanden (Review in Heliyon, 2024). Beim Menschen ist davon nichts geprüft.

Wurmmittel. Die anthelmintische Wirkung, die der Tradition den Namen der Pflanze gegeben hat, ist im Labor und im Tierversuch belegt; die einzige klinische Untersuchung, die die Lehrbücher zitieren, ist eine ältere indische Studie an Kindern mit Spulwurmbefall, in der ein alkoholischer Beerenextrakt in vier von fünf Fällen die Würmer beseitigte. Moderne Wurmmittel sind besser geprüft; Vidanga ist heute in Indien vor allem Bestandteil von Rezepturen.

Empfängnisverhütung. Embelin hat im Tierversuch die Fruchtbarkeit von Männchen und Weibchen gesenkt; in Indien wurden in den 1970er- und 1980er-Jahren Versuche unternommen, daraus ein Verhütungsmittel zu entwickeln. Sie sind nicht zu einem geprüften Präparat geführt worden — aber sie sind der Grund für die Vorsicht, die Lexikon und Lehrbuch aussprechen.

Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Vidanga, und die Europäische Arzneimittelagentur hat keine Monographie zu Embelia ribes erstellt. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.

Sicherheit

Vidanga ist eine scharfe, heisse, «durchdringende» Droge — kein Rasayana im Sinn von Amalaki oder Ashwagandha, sondern ein Reinigungsmittel, das die Tradition in klarer Dosis und begrenzter Dauer gibt. Vier Punkte sind zu wissen.

Schwangerschaft und Kinderwunsch. Anliker nennt die Schwangerschaft als Kontraindikation; das Lexikon warnt, dass hohe Dosen die Spermienzahl und die weibliche Fruchtbarkeit mindern, und die Tradition selbst hat die Beeren zur Empfängnisverhütung verwendet. Auch Hegde und Harini führen garbhanirodhaka, empfängnisverhütend, ausdrücklich unter seinem Karma. Wer schwanger ist, stillt oder ein Kind plant, verzichtet auf Vidanga-Präparate — die kleinen Mengen in den Vedika-Rezepturen (6 bis 79 mg) liegen weit unter den Dosen der Tradition, aber die Zurückhaltung gilt trotzdem.

Pitta und Hitze. Als heisse, scharfe Droge kann Vidanga in grösseren Mengen Sodbrennen, Magenbrennen und Pitta-Beschwerden verstärken; in der Tradition wird es deshalb mit Honig, Buttermilch oder Milch gegeben und bei Pitta-Konstitution sparsam dosiert.

Kinder. In Indien ein klassisches Kinder-Wurmmittel — in kleiner Dosis und unter Anleitung. Für Kapsel- und Tablettenpräparate in Europa gilt: nicht für Kinder ohne Rücksprache.

Herkunft und Qualität. Embelia ribes gilt in Indien als gefährdet (Übernutzung der Wildbestände); Handelsware wird oft mit den Früchten verwandter Arten (Embelia tsjeriam-cottam, Myrsine africana) gestreckt oder verwechselt. Hegde und Harini nennen als zweite Art Embelia robusta und führen Myrsine africana als Ersatzdroge. Die Pharmakopöe verlangt deshalb den Embelin-Gehalt als Identitätsmerkmal.

Zubereitung und Formen

Die Pharmakopöe nennt 5 bis 10 g Pulver, Anliker 1 bis 3 g; die Tradition gibt Vidanga als Pulver mit Honig, in Buttermilch oder Milch, als Abkochung, in Ölen (Viḍaṅga Taila) und in Eisenpräparaten (Viḍaṅga Lauha). Im Vedika-Sortiment steht die Pflanze in fünf Rezepturen, immer als kleiner Bestandteil und nie allein.

In Rasayana-Rezepturen: Amrit Kalash MA 4 (78 mg Embelia ribes je Tagesdosis, neben Gotu Kola, Shankhapushpi, Süssholz und Sandelholz) und Studenten-Rasayana (79 mg, neben Brahmi, Shankhapushpi, Gotu Kola und Ashwagandha).

In Verdauungs- und Bewegungsrezepturen: AyurAci-Balance (6 mg) und AyurFlex (in der Gewürzgruppe neben Pfeffer, Pippali und Ajowan).

Äusserlich: Nasya-Öl (Beerenextrakt im Kräuteröl für die Nase — die Tradition kennt Viḍaṅga Taila als Öl gegen Kopfschmerzen, das auch in die Nase geträufelt wird).

Quellen

  • The Ayurvedic Pharmacopoeia of India, Part I, Vol. I, Monographie 77 Viḍaṅga (Frucht), S. 123 — Assay: nicht weniger als 2 % Embelin. Ministry of AYUSH. pcimh.gov.in
  • Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu, Harītakyādi-varga 111–112 (Viḍaṅga). Ausgabe Chunekar/Pandey, Chaukhambha Bharati Academy, Varanasi 2002, Nr. 35 Vāyaviḍaṅga, Buch-S. 55–56 (Teil 1, PDF-S. 35–36).
  • Caraka Saṃhitā, Sūtrasthāna 25 (Viḍaṅga als bestes der kṛmighna). Übersetzung Kaviratna/Sharma (1890–1911).
  • Anliker, Sabine: Heilpflanzen Ayurveda Medizin. 3. Auflage, Trägerorganisation Ayurveda CH, 2023, ISBN 978-3-033-08908-2, Kapitel 71 Viḍaṅga, S. 176–177 — mit Verweis auf API Vol. I, Zoller/Nordwig und Schrott/Ammon.
  • Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Embelia ribes — Dravyaguna, Karma, Warnhinweis Fruchtbarkeit, 145 Zubereitungen.
  • Schrott E, Ammon HPT. Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Eine Gegenüberstellung. Springer, Berlin/Heidelberg 2012, Kapitel 10, Embelia ribes, S. 383–384.
  • Zoller A, Nordwig H. Heilpflanzen der Ayurvedischen Medizin. Ein praktisches Handbuch. Haug, Stuttgart 1997 (5. Auflage Narayana 2026) — Embelia ribes (Anthelminthikum).
  • Sharma A, et al. Reviewing the Traditional/Modern Uses, Phytochemistry, Essential Oils/Extracts and Pharmacology of Embelia ribes Burm. Antioxidants 2022; 11(7):1359. DOI 10.3390/antiox11071359.
  • Medicinal potential of embelin and its nanoformulations: An update on the molecular mechanism and various applications. Heliyon 2024 (PMC11366951).
  • Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
  • Hegde PL, Harini A. A Text Book of Dravyaguna Vijnana, Vol. II (nach dem NCISM-Lehrplan). Chaukhambha Publications, New Delhi 2023, S. 709–715 (Kap. 2.96 Vidanga).

Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.

Präparate mit Vidanga

Ein Verzeichnis, keine Empfehlung. Was ein Präparat enthält, steht auf seiner Seite unter «Inhalt».