Traditionelle Verwendung
Koralle ist keine Pflanze. Pravāla oder vidruma ist das rote Kalkskelett der Edelkoralle Corallium rubrum, einer Kolonie winziger Polypen, die in 30 bis 300 m Tiefe an den Felswänden des Mittelmeers und des Ostatlantiks wächst — nur wenige Millimeter im Jahr. Was die Polypen zurücklassen, ist ein Gerüst aus Calciumcarbonat (rund 83 %) mit Magnesiumcarbonat, etwas Eisenoxid (daher die rote Farbe) und organischen Resten; kein Wirkstoff im pharmakologischen Sinn, sondern ein Mineral tierischer Herkunft. Die indischen Klassiker kannten die Koralle als Handelsware aus dem Westen: Die Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu zählt vidruma zu den neun Edelsteinen (navaratna) und ordnet sie dem Mars zu; das Rasaśāstra, die Alchemie des Ayurveda, macht daraus seit dem Mittelalter Pravāla Bhasma (die veraschte Koralle) und Pravāla Piṣṭī (die in Rosenwasser verriebene, nicht gebrannte Koralle) — die klassischen Calciumquellen der Tradition. Eine Monographie in der Ayurvedic Pharmacopoeia of India gibt es für die Koralle nicht; ihre Zubereitungen stehen aber im Ayurvedic Formulary of India (Part I): Pravāla Piṣṭī nach dem Āyurvedasāra Saṅgraha und Pravāla Bhasma nach der Rasataraṅgiṇī.
Was die Tradition sagt
Nach dem Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott schmeckt die Koralle herb, süss und sauer (kaṣāya, madhura, amla), ist leicht, ölig und kalt (laghu, snigdha, śīta), kühlend im vīrya — und senkt alle drei Doshas. Das Ayurvedic Formulary nennt für Pravāla Bhasma die Anwendungsfelder śotha (Schwellung), kṣayaja kāsa (Husten bei Auszehrung), prasveda (übermässiges Schwitzen), hṛtkampa (Herzflattern), asthiśoṣa (Schwund der Knochen), mūtrakṛcchra (Harnbeschwerden) und mūtrasāda (spärlicher Harn) — Dosis 250 mg, mit Honig, Reiswasser, Gokṣura- oder Śatāvarī-Abkochung; für Pravāla Piṣṭī kāsa (Husten), pittaroga (Pitta-Leiden), manodaurbalya (Schwäche des Geistes), ojakṣaya (Schwund des Ojas) und hṛdroga (Herzleiden), ebenfalls 250 mg. Was diese Begriffe bedeuten und warum sie sich nicht in moderne Diagnosen übersetzen lassen, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.
Die Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu (Dhātvādi-varga) führt pravāla — «im Maskulinum und Neutrum pravāla, nur im Maskulinum vidruma» — unter den neun Edelsteinen und fasst deren Eigenschaften gemeinsam: Als bhasma eingenommen seien die Edelsteine süss, abführend (sāraka), den Augen zuträglich, kühlend und Gift vertreibend; getragen brächten sie Glück und Schönheit und beseitigten die Fehler der Planeten — die Koralle gehört dem Mars (maṅgala). Srikanta Senas Ayurveda Materia Medica ergänzt nach dem Rasasindhu: gute Koralle ist rund, gross, dick, glänzend und ohne Brüche; sie normalisiere alle drei Doshas, fördere Geschmack, Verdauungskraft und Sehkraft, sei nährend und werde gegen Schwindsucht, Blutarmut, Fieber, Husten, Atemnot, Harnstörungen und Blutungen gegeben; «bei regelmässigem Gebrauch» verlangsame frische Koralle das Altern. In der Praxis ist die Koralle das Calcium des Ayurveda: in den Rasayanas für Frauen und Kinder, in den Rezepturen gegen Hitze, Schwitzen und Blutungen, und als Piṣṭī dort, wo Pitta gekühlt und der Körper genährt werden soll.
Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen
Sabine Anlikers Lehrbuch für die Höhere Fachprüfung führt die Koralle nicht unter den achtzig Pflanzen, wohl aber unter den neunzig Formulierungen: Pravāla Bhasma (Nr. 86, nach AFI S. 612 und Rasataraṅgiṇī 23) mit den Anwendungsfeldern des Formulary, 250 mg ein- bis zweimal täglich vor dem Essen, «in präziser Dosierung und für einen begrenzten Zeitraum» — Nebenwirkung: «Überdosierung kann zu schweren Nebenwirkungen führen», Kontraindikation: Schwangerschaft. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott führt Corallium rubrum als Mineralmittel, lokales Adstringens, Antazidum, Nerventonikum, śukra-stärkend, Laxans und Diuretikum, «verbessert die Ausstrahlung», mit 31 klassischen Zubereitungen. Schrott und Ammon beschreiben in ihrem Lehrbuch die Piṣṭī-Herstellung — Trituration mit Rosenwasser, Trocknung an Sonne oder Mondlicht, sieben Tage lang, «ein Bhasma, das nicht durch Erhitzen hergestellt wurde» — und nennen Pravāla Piṣṭī als nährendes Tonikum bei Mineralmangel, Osteoporose, übermässigem Schwitzen und allgemeiner Schwäche. Das TRIAS-Handbuch von Schrott und Schachinger widmet der Koralle als einzigem Mineral eine eigene Monographie: gereinigt in Triphalā-Abkochung, «vor allem Eisen- und Calciumlieferant», nervenstärkend, leicht abführend, schleimlösend, śukra-stärkend — in den mineralischen Maharishi-Ayurveda-Präparaten und, getragen, der Stein des Mars. Zoller und Nordwig behandeln die Koralle nicht; Kalyani Nagersheth zählt in ihrem Praxisleitfaden Pravāla, Perle, Muschelhorn und Austernschale als Bhasma zu den Mitteln, die das Knochengewebe (asthi-dhātu) nähren — mit Milch als anupāna.
Forschungslage
Zur Koralle als Heilmittel gibt es fast keine Forschung — zur Koralle als Calciumquelle einige.
Calcium. Korallenkalk ist Calciumcarbonat mit Magnesium; eine japanische Studie (Ishitani et al., 1999) fand die Calciumaufnahme aus Korallenpulver bei zwölf Probanden vergleichbar mit der aus gewöhnlichem Calciumcarbonat. Mehr sagt die Literatur nicht: Die «Korallencalcium»-Welle der 2000er-Jahre mit Heilsversprechen gegen Krebs und Alterung endete 2003 vor der amerikanischen Handelsaufsicht (FTC) — die Behauptungen waren unbelegt.
Bhasma. Für Pravāla Bhasma und Piṣṭī gibt es indische Analysen zur Zusammensetzung (Calciumcarbonat in Calcit-Form, Spurenelemente) und einzelne unkontrollierte Beobachtungen bei Übersäuerung, Osteoporose und Schwitzen; keine kontrollierte Studie.
Blei. Naturkalk — Muschel, Koralle, Knochen — enthält mehr Blei als raffiniertes Calciumcarbonat; eine JAMA-Analyse (Ross et al., 2000) fand in einem Teil der Calciumpräparate aus natürlichen Quellen messbare Bleigehalte. Für Präparate zählt die Chargenanalyse.
Was fehlt. Kontrollierte Studien zur ayurvedischen Anwendung; standardisierte Piṣṭī/Bhasma.
Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine gesundheitsbezogene Aussage für die Koralle als solche — nur die zugelassenen Aussagen für Calcium. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.
Sicherheit
Koralle ist Kalk — die Vorsicht gilt der Dosis, der Reinheit und der Herkunft.
Schwangerschaft. Anliker nennt für Pravāla Bhasma die Kontraindikation Schwangerschaft; die Tradition selbst gibt Korallen-Piṣṭī gerade Schwangeren als Calciumquelle — hier gilt für Präparate in Bhasma-Dosis das Lehrbuch. In den Vedika-Präparaten steht die Koralle in Rezepturmengen.
Überdosis. Anliker: «Überdosierung kann zu schweren Nebenwirkungen führen»; Calcium in Mengen über den Bedarf hinaus belastet Niere und Gefässe — die Tageshöchstmenge für Calcium aus allen Nahrungsergänzungen beachten.
Niere, Steine. Bei Nierensteinen, erhöhtem Calciumspiegel und Nierenschwäche calciumhaltige Präparate nur nach Rücksprache.
Wechselwirkungen. Calciumcarbonat mindert die Aufnahme von Eisen, Schilddrüsenhormonen und manchen Antibiotika — zwei Stunden Abstand halten.
Reinheit. Blei und andere Schwermetalle in Naturkalk; nur analysierte Ware.
Artenschutz. Die Edelkoralle ist keine CITES-Art, aber ihre Bestände im Mittelmeer sind bewirtschaftet und geschützt; Vedika-Präparate deklarieren, dass das Calcium «aus natürlich gebrochenen Stücken, nicht aus lebenden Riffen» stammt.
Menge. Die Vedika-Präparate enthalten Koralle als Calciumquelle in kleinen Mengen — 217 bis 435 mg Corallium rubrum je Tagesdosis in Calcio Care (191 bis 382 mg Calcium), 8 bis 72 mg in den übrigen Rezepturen.
Zubereitung und Formen
Die Tradition gibt die Koralle als Pravāla Piṣṭī (in Rosenwasser verrieben) und Pravāla Bhasma (veraschtes Korallenskelett), 250 mg mit Honig oder Milch, in den Rasayanas und in den Rezepturen gegen Hitze. Im Vedika-Sortiment steht die Koralle in fünf Präparaten — als Calciumquelle und als Mineralzutat.
In Kapseln von Classic Ayurveda: Calcio Care (217 bzw. 435 mg Corallium rubrum je Tagesdosis — das Calcium der Rezeptur, neben Amalaki, Guduchi und Bhumyamalaki).
In Rezepturen von Maharishi Ayurveda: Für die aktive Frau (24 bzw. 72 mg), Prana-Rasayana (18 mg), Radiant Skin (9 mg) und AyurSkin Beauty (8 bzw. 17 mg — «eine Prise Korallenpulver» neben Ashwagandha, Gotu Kola, Lajjalu und Safran).
Quellen
- The Ayurvedic Formulary of India, Part I (2. Aufl.): 17:2 Pravāla Piṣṭī (nach Āyurvedasāra Saṅgraha), S. 584; 18:8 Pravāla Bhasma (nach Rasataraṅgiṇī, Taraṅga 23: 129, 132), S. 611–612. Ministry of AYUSH. pcimh.gov.in
- Keine Einzeldrogen-Monographie in der Ayurvedic Pharmacopoeia of India (Part I, Vol. I–VII und X).
- Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu, Dhātvādi-varga, Verse 186–188 (Pravāla/Vidruma; Eigenschaften der Ratnas) und 189–190 (Uparatnas). Ausgabe Chunekar/Pandey, Chaukhambha Bharati Academy, Varanasi 2002, Buch-S. 626 (Teil 3, PDF-S. 40).
- Anliker, Sabine: Heilpflanzen Ayurveda Medizin. 3. Auflage, Trägerorganisation Ayurveda CH, 2023, ISBN 978-3-033-08908-2, Formulierungen: Bhasma Nr. 5 Pravāla Bhasma, S. 331–332 (nach AFI S. 612).
- Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Corallium rubrum — Dravyaguna, Karma, 31 Zubereitungen.
- Schrott E, Ammon HPT. Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Eine Gegenüberstellung. Springer, Berlin/Heidelberg 2012, Kapitel 2 (Mineralpulver/Piṣṭī, Bhasma).
- Schrott E, Schachinger W (Hrsg.). Ayurveda — Grundlagen und Anwendungen. 4. Auflage, TRIAS, Stuttgart 2022, Kapitel 15, Monographie Corallium rubrum — Rote Koralle.
- Sena, Srikanta: Ayurveda Materia Medica. Atmarama, Bebra 2022, Kapitel 4.6 Ratna — Pravāla (Koralle).
- Nagersheth, Kalyani: Ayurveda-Medizin mit einheimischen Pflanzen. Ein Praxisleitfaden. Springer, Berlin 2026, Kapitel 1.3.5 Asthi — Knochengewebe (Rasāyana: Pravāla, Mauktika, Śaṅkha, Śukti).
- Ishitani K, Itakura E, Goto S, Esashi T. Calcium absorption from the ingestion of coral-derived calcium by humans. Journal of Nutritional Science and Vitaminology 1999; 45(5):509–517.
- Ross EA, Szabo NJ, Tebbett IR. Lead content of calcium supplements. JAMA 2000; 284(11):1425–1429.
- Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
Dieses Porträt beschreibt eine Substanz, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.