Traditionelle Verwendung
Rosmarin ist keine Pflanze des klassischen Ayurveda. Rosmarinus officinalis — seit 2017 botanisch Salvia rosmarinus, ein Salbei — ist der immergrüne, nadelblättrige Halbstrauch der Mittelmeerküsten, «Tau des Meeres» (ros marinus), den die Antike den Musen weihte und die Klöster des Mittelalters als Kreislauf- und Gedächtniskraut pflanzten. In den Nighaṇṭus fehlt er; einen Sanskrit-Namen hat er nicht, im Hindi heisst er schlicht rusmari. Was das Ayurveda über ihn sagt, sagen die Ayurveda-Ärztinnen und -Ärzte Europas, die einheimische Pflanzen nach den Kategorien des dravyaguṇa einordnen — allen voran Kalyani Nagersheth, deren Praxisleitfaden Ayurveda-Medizin mit einheimischen Pflanzen (2026) den Rosmarin als eine von über zweihundert westlichen und indischen Pflanzen beschreibt. Die Blätter enthalten 1 bis 2,5 % ätherisches Öl (1,8-Cineol, Campher, Borneol, α-Pinen), dazu Rosmarinsäure, bittere Diterpenphenole wie Carnosol und Carnosinsäure, Triterpensäuren und Gerbstoffe.
Was die Tradition sagt
Nach Nagersheth schmeckt Rosmarin scharf und bitter (kaṭu, tikta; zusammenziehend und süss als Nebengeschmack), ist ölig (snigdha), erhitzend (uṣṇa) und hat scharfen vipāka — Kapha und Vata senkend, Pitta mehrend. Sie beschreibt ihn als krampflösend an Gallenwegen und Dünndarm, kreislaufanregend, belebend, leberschützend, durchblutungsfördernd und schwach antimikrobiell und nennt als Felder Hypotonie, Blähungen und Verdauungsstörungen, nervöse Herzbeschwerden, Kopfschmerzen, Schwäche und Erschöpfung, Rheuma (äusserlich) und Kreislaufbeschwerden — mit den Rezepten der westlichen Tradition: 30 Tropfen Tinktur beim Kreislaufkollaps, das Rosmarinbad am Mittag, das Öl äusserlich bei rheumatischen Beschwerden, 5 bis 10 g Droge als Tee. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott ordnet den Rosmarin gleich ein: scharf und bitter, erhitzend, scharf im vipāka, Vata und Kapha senkend, Pitta stark mehrend — Diaphoretikum, Karminativum, Anregungsmittel, Emmenagogum, Antidepressivum und Nervinum «für nervöse Beschwerden, Rekonvaleszenz nach Stressphasen, Kreislaufschwäche». Was diese Begriffe bedeuten, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.
Die westliche Tradition ist älter als jede ayurvedische Einordnung: Rosmarin gehört zu den bestbelegten Heilpflanzen Europas. Die Kommission E hat die Blätter positiv bewertet — innerlich bei dyspeptischen Beschwerden, äusserlich unterstützend bei rheumatischen Erkrankungen und Kreislaufbeschwerden —, und die EMA führt seit 2010 eine Monographie Rosmarini folium (Revision 1, 2024): traditionell angewendet bei Verdauungsbeschwerden und leichten Krämpfen des Magen-Darm-Trakts, äusserlich bei leichten Muskel- und Gelenkschmerzen und leichten peripheren Durchblutungsstörungen; daneben eine Monographie für das ätherische Öl. Das Bild, das Nagersheth und das Lexikon zeichnen — heiss, scharf, anregend, Kapha und Vata senkend —, deckt sich mit dem, was Europa seit Jahrhunderten beschreibt: Rosmarin belebt.
Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen
Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India, die Bhāvaprakāśa und Sabine Anlikers Lehrbuch kennen den Rosmarin nicht; Schrott und Ammon sowie Zoller und Nordwig behandeln ihn nicht. Nagersheth nennt als Kontraindikationen Schwangerschaft, Bronchialasthma, geschädigte Haut und Kinder unter zwölf Jahren, «wegen fehlendem Erkenntnismaterial», und warnt: Als Badezusatz wirke Rosmarin anregend, darum nicht vor dem Schlafen. Die EMA sieht es ebenso: nicht für Kinder unter zwölf, nicht in Schwangerschaft und Stillzeit, nicht bei Gallenwegsverschluss, Gallenblasenentzündung, Gallensteinen und Lebererkrankungen, nicht auf verletzter Haut.
Hans H. Rhyner und Birgit Frohn (Heilpflanzen im Ayurveda, 2006) kommen zur selben Einordnung wie Nagersheth und das Lexikon: ölig, scharf und bitter, erhitzend, scharfer vipāka, Kapha und Vata senkend, Pitta mehrend — ohne bekannte Neben- oder Gegenanzeigen; als Tee 1 Teelöffel (2 g) auf 150 ml, drei- bis viermal täglich zwischen den Mahlzeiten.
Forschungslage
Rosmarin ist im Labor gut untersucht und am Menschen vor allem für eines: das Gedächtnis.
Gedächtnis. Der Ruf des Rosmarins als Gedächtniskraut ist alt («Rosmarin, das ist zur Erinnerung», Ophelia bei Shakespeare) und hat kleine Studien: Moss et al. (2003) fanden bei 144 gesunden Erwachsenen unter Rosmarinduft eine bessere Gedächtnisleistung und höhere Wachheit als unter Placebo; Nematolahi et al. (2018) gaben 68 Studierenden einen Monat lang 500 mg Rosmarinpulver täglich und fanden bessere Werte für Gedächtnis, Angst, Stimmung und Schlaf als unter Placebo — kleine, kurze Studien, die den Gedanken stützen und nicht beweisen.
Rosmarinsäure und Carnosol. Im Labor entzündungshemmend, antioxidativ, antimikrobiell und neuroprotektiv; Carnosinsäure schützt im Tierversuch Nervenzellen. Das ätherische Öl (1,8-Cineol, Campher) wirkt durchblutungsfördernd und schwach antimikrobiell — die Grundlage der Anwendung in Bädern, Einreibungen und Mundpflege.
Kommission E, EMA, ESCOP. Die Bewertung als traditionelles Arzneimittel (Verdauung, Muskel- und Gelenkschmerz, Durchblutung) beruht auf langer Anwendung, nicht auf kontrollierten Studien.
Was fehlt. Grössere Studien zur Kognition; Daten zur Dauereinnahme; Standardisierung (Blatt, Extrakt, Öl sind verschiedene Drogen).
Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Rosmarin. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.
Sicherheit
Rosmarin ist ein Küchengewürz — und in Drogendosis eine heisse, anregende Pflanze mit klaren Grenzen.
Schwangerschaft, Stillzeit. Nagersheth: Kontraindikation Schwangerschaft; die EMA: nicht in Schwangerschaft und Stillzeit (Rosmarin gilt als menstruationsfördernd). Als Gewürz unbedenklich; Präparate in Drogendosis meiden.
Kinder. Nagersheth und EMA: nicht unter zwölf Jahren; das ätherische Öl (Campher, Cineol) kann bei Kleinkindern Atemnot und Krämpfe auslösen — nie im Gesicht von Säuglingen.
Galle, Leber. EMA: nicht bei Gallenwegsverschluss, Gallenblasenentzündung, Gallensteinen und Lebererkrankungen — Rosmarin treibt die Galle.
Pitta. Erhitzend und Pitta mehrend (Lexikon: stark) — bei Hitzezuständen, Übersäuerung, Hautentzündungen und Bluthochdruck sparsam; Nagersheth: als Bad anregend, nicht vor dem Schlafen; Bronchialasthma als Kontraindikation.
Haut. Das Öl nicht auf verletzter oder gereizter Haut; Kontaktallergien sind beschrieben.
Menge. Die Vedika-Präparate enthalten Rosmarin als Bio-Blattpulver in Rezepturmenge (Gedächtnis Plus, neben Brahmi, Gotu Kola und Shankhapushpi) und als ätherisches Öl in Mundpflegeprodukten, die nicht geschluckt werden.
Zubereitung und Formen
Die westliche Tradition gibt Rosmarin als Tee (5 bis 10 g Blätter), Tinktur, Bad, Öl und Wein; Nagersheth ordnet ihn als Kapha- und Vata-Pflanze ein, die belebt und wärmt. Im Vedika-Sortiment steht Rosmarin in drei Produkten.
In Kapseln von Maharishi Ayurveda: Gedächtnis Plus (Bio-Rosmarinblatt neben Brahmi, Gotu Kola und Shankhapushpi — die europäische Gedächtnispflanze zu den drei indischen Medhya-Rasayanas, mit Vitamin B5).
Mundpflege: Mundspülung Kräuteraroma (Kavala) und Mundziehöl Kräuteraroma (Gandusha) (ätherisches Rosmarinöl mit Thymian, Oregano und Lavendel in Rosenhydrolat bzw. Sesamöl — für das ayurvedische Mundspülen und Ölziehen).
Quellen
- Nagersheth, Kalyani: Ayurveda-Medizin mit einheimischen Pflanzen. Ein Praxisleitfaden. Springer, Berlin 2026, ISBN 978-3-662-71451-5, Kapitel 21.158 Rosmarinus officinalis, Rosmarin, S. 518–519.
- Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Rosmarinus officinalis — Dravyaguna, Karma. Rosmarin ist nicht in der Ayurvedic Pharmacopoeia of India, nicht in der Bhāvaprakāśa, nicht bei Anliker, Schrott/Ammon oder Zoller/Nordwig.
- European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monograph on Rosmarinus officinalis L., folium. EMA/HMPC/513940/2021, Revision 1, 2024 (Erstfassung 2010); European Union herbal monograph on Rosmarinus officinalis L., aetheroleum (2010). ema.europa.eu
- Kommission E (BGA/BfArM), Monographie Rosmarini folium (Rosmarinblätter), Bundesanzeiger 1985.
- Moss M, Cook J, Wesnes K, Duckett P. Aromas of rosemary and lavender essential oils differentially affect cognition and mood in healthy adults. International Journal of Neuroscience 2003; 113(1):15–38.
- Nematolahi P, Mehrabani M, Karami-Mohajeri S, Dabaghzadeh F. Effects of Rosmarinus officinalis L. on memory performance, anxiety, depression, and sleep quality in university students: A randomized clinical trial. Complementary Therapies in Clinical Practice 2018; 30:24–28.
- Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
- Rhyner HH, Frohn B: Heilpflanzen im Ayurveda. AT Verlag, Baden und München 2006, ISBN 978-3-03800-279-6, Eintrag Rosmarin, S. 128–129.
Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.