Traditionelle Verwendung
Shankhapushpi heisst «Muschelblume» — śaṅkha ist die Schneckenmuschel, puṣpa die Blüte —, und der Name beschreibt die kleinen weissen, muschelförmig eingerollten Blüten der Indischen Ackerwinde Convolvulus pluricaulis (Syn. Convolvulus prostratus), eines niedrigen, behaarten, am Boden kriechenden Krauts aus der Familie der Windengewächse mit holzigem Wurzelstock, das in ganz Indien auf sandigen und steinigen Böden wächst. Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India beschreibt in Vol. II (Monographie 66) die ganze Pflanze als Droge, nennt die Sanskrit-Synonyme śaṅkhapuṣpā und śaṅkhāhvā — und fügt eine Bemerkung an, die für diese Pflanze wichtig ist: In manchen Gegenden Indiens werden auch Clitoria ternatea (die blaue Schmetterlingserbse, aparājitā) und Evolvulus alsinoides (viṣṇukrāntā) als Shankhapushpi verwendet. Vier Pflanzen tragen denselben Namen; die Pharmakopöe und die Präparate im Vedika-Sortiment meinen Convolvulus pluricaulis.
Was die Tradition sagt
Shankhapushpi schmeckt scharf, bitter und herb (kaṭu, tikta, kaṣāya), ist sara (fliessend, beweglich wie eine Flüssigkeit), kühlend (śīta) und hat scharfen vipāka. Das Karma der Pharmakopöe ist das eines Rasayana für den Geist: balya (kräftigend), āyuṣya (lebensverlängernd), kaphahara, medhya (dem Geist und Verstand zuträglich), pittahara, rasāyana und mohanāśaka (Verwirrung beseitigend). Die Anwendungsfelder heissen mānasaroga — die Erkrankungen des Geistes — und apasmāra («Vergessen», die Anfallsleiden der Klassiker). Die Dosis ist mit 3 bis 8 g ungewöhnlich hoch; die Zubereitungen der Pharmakopöe sind Brāhmī Ghṛta, Agastyaharītakī Rasāyana, Brāhma Rasāyana, Mānasamitra Vaṭaka, Gorocanādi Vaṭī und Brāhmī Vaṭī. Was diese Begriffe bedeuten und warum sie sich nicht in moderne Diagnosen übersetzen lassen, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.
Die berühmteste Stelle steht bei Caraka im Rasāyana-Kapitel (Cikitsāsthāna 1.3): Vier Pflanzen nennt er medhya rasāyana, Verjüngungsmittel für den Geist — den Saft der Maṇḍūkaparṇī, das Pulver des Yaṣṭīmadhu in Milch, den Saft der Guḍūcī und die Paste der Śaṅkhapuṣpī —, und schliesst: Sie alle sind lebensverlängernd, krankheitsvertreibend, kräftigend, verdauungsfördernd und der Stimme und der Ausstrahlung zuträglich, «Śaṅkhapuṣpī aber ist im Besonderen medhya». Daraus ist die Stellung der Pflanze in der Tradition entstanden: Wo Brahmi den Geist klärt und Ashwagandha ihn kräftigt, soll Shankhapushpi ihn beruhigen und ordnen — in den grossen Rezepturen für Gedächtnis, Schlaf und seelisches Gleichgewicht steht sie fast immer neben Brahmi, Gotu Kola und Jatamansi. Als weitere klassische Zubereitungen nennen Hegde und Harini Śaṅkhapuṣpī Ghṛta (Aṣṭāṅgahṛdaya, Uttarasthāna 39/47), Śaṅkhapuṣpī Taila und Aindrī Rasāyana.
Die Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu (Guḍūcyādi-varga, Verse 269–270) nennt die Pflanze śaṅkhapuṣpī, śaṅkhāhvā und maṅgalyakusumā («Glücksblume») und fasst zusammen: herb, erhitzend, sarā (fliessend), medhyā, vṛṣyā, ein Rasāyana, Geisteskrankheiten vertreibend; sie mehre Gedächtnis (smṛti), Ausstrahlung, Kraft und Verdauungsfeuer und vertreibe Doshas, apasmāra, Besessenheit (bhūta), kuṣṭha, Würmer und Gift. Der Kommentar der Ausgabe Chunekar notiert die Identitätsfrage — andere Nighaṇṭus führen Viṣṇukrāntā als Spielart der Śaṅkhapuṣpī, Bhāvamiśra als Synonym der Aparājitā — und hält Convolvulus pluricaulis mit weissen Blüten für die eigentliche Śaṅkhapuṣpī.
Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen
Sabine Anlikers Lehrbuch für die Höhere Fachprüfung (Kapitel 59) folgt der Pharmakopöe in Steckbrief, Karma und Anwendungsfeldern (alle drei Doshas senkend), nennt als Dosis 3 bis 8 g Pulver ein- bis zweimal täglich, als Droge das ganze Kraut, und keine Nebenwirkungen oder Kontraindikationen; als Belege verweist sie auf eine randomisierte Studie zu Mānasamitra Vaṭaka bei generalisierter Angststörung. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott führt Convolvulus pluricaulis als Hirntonikum und medhya rasāyana, Sedativum, Digestivum und Kardiotonikum, wiederholt den Hinweis auf die Verwechslung mit Clitoria und Evolvulus und zählt 42 klassische Zubereitungen; Schrott und Ammon ordnen die Pflanze in ihrem Lehrbuch unter die wichtigsten Medhya-Rasayana-Pflanzen ein — als Medhya-Rasayana, Sedativum, Antihypertonikum und Sexualtonikum. Zoller und Nordwig, Anlikers zweite Referenz, beschreiben sie abweichend als bitter, ölig und schleimig mit süssem vipāka — alle drei Doshas senkend: Vata durch das Ölige und Süsse, Pitta durch die Kühle, Kapha durch die Bitterkeit —, geben 10 bis 20 g Paste oder das zuckerhaltige Getränk śaṅkhapuṣpī pānaka und nennen die äusserliche Anwendung als Öl gegen Haarausfall; Nebenwirkungen: keine bekannt.
Forschungslage
Shankhapushpi ist eine der meistgenannten und am wenigsten geprüften Pflanzen des Ayurveda. Ein Umbrella-Review in Neuroscience & Biobehavioral Reviews (Sharma et al., 2022) hat die gesamte Literatur von der Ethnobotanik bis zur Klinik gesichtet und kommt zu einem klaren Bild: Im Tierversuch wirkt Convolvulus pluricaulis angstlösend, beruhigend, gedächtnisfördernd und krampfhemmend, und die Inhaltsstoffe (Convolamin, Shankhapushpin, Scopoletin, Kämpferol) greifen in Botenstoffsysteme des Gehirns ein — beim Menschen aber gibt es fast nur kleine, offene, indische Studien.
Klinische Studien. Untersucht wurden Shankhapushpi-Sirup und -Pulver bei Schulkindern mit Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten, eine Medhya-Rasayana-Tablette gegen Prüfungsstress und Rezepturen wie Mānasamitra Vaṭaka bei Angststörungen (Tubaki, 2012, randomisiert, n=72, mit Śirodhārā). Die Ergebnisse sind durchweg positiv berichtet — und durchweg ohne Placebo-Kontrolle, ohne Verblindung oder mit Rezepturen, in denen Shankhapushpi eine von vielen Pflanzen ist. Eine placebokontrollierte Studie zur Pflanze allein gibt es nicht.
Das Identitätsproblem. Ein Teil der Widersprüche in der Literatur erklärt sich daraus, dass unter «Shankhapushpi» vier verschiedene Pflanzen untersucht wurden: Convolvulus pluricaulis, Evolvulus alsinoides, Clitoria ternatea und Canscora decussata. Vergleichsstudien zeigen ähnliche, aber nicht gleiche Profile; Studien mit ungeprüftem Ausgangsmaterial lassen sich nicht auf die Pharmakopöe-Pflanze übertragen.
Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Shankhapushpi, und die Europäische Arzneimittelagentur hat keine Monographie zu Convolvulus pluricaulis erstellt. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.
Sicherheit
Shankhapushpi gilt in Tradition und Lehrbuch als gut verträglich — Anliker nennt weder Nebenwirkungen noch Kontraindikationen —, und die Toxizitätsstudien im Tier fanden auch in hohen Dosen keine Schäden. Drei Punkte sind dennoch zu wissen.
Beruhigung und Medikamente. Die Tradition beschreibt Shankhapushpi als beruhigend, die Pharmakologie als sedierend und krampfhemmend. Wer Beruhigungs-, Schlaf- oder Antiepilepsie-Mittel nimmt, sollte Shankhapushpi-Präparate mit Ärztin oder Apotheker absprechen — die Wirkungen könnten sich addieren. Dasselbe gilt für Blutdrucksenker: Die Tradition kennt die Pflanze als Antihypertonikum.
Schwangerschaft und Stillzeit. Die Tradition schätzt Shankhapushpi in der Schwangerschaft (Anliker führt Kinderwunsch und Schwangerschaft unter den relativen Indikationen), Studien am Menschen fehlen. Ohne fachliche Begleitung: keine Kapselpräparate in der Schwangerschaft.
Identität und Qualität. Weil vier Pflanzen als Shankhapushpi gehandelt werden, entscheidet die Identitätsprüfung des Rohstoffs über das, was im Präparat ist. Hegde und Harini zählen sogar fünf Pflanzen mit muschelförmigen Blüten, die regional als Shankhapushpi dienen: neben Convolvulus pluricaulis, Evolvulus alsinoides und Clitoria ternatea auch Canscora diffusa (Enziangewächse) und Lavandula bipinnata (Lippenblütler); als Ersatzdrogen führen sie Evolvulus alsinoides und Canscora decussata. Echte Ware ist das getrocknete ganze Kraut mit kleiner, holziger, stark verzweigter Wurzel, dünnen, spärlich behaarten Stängeln, schmalen, behaarten Blättern von bis 3,5 cm Länge und 2 bis 4 mm Breite und kleinen weissen, trichterförmigen Blüten einzeln oder paarweise in den Blattachseln; sie ist trocken staubig gelbgrün, riecht schwach phenolisch, schmeckt leicht bitter und schleimig (grāhya lakṣaṇa nach Hegde und Harini). Die Rezepturen im Vedika-Sortiment deklarieren Convolvulus pluricaulis; das ist die Pflanze der Pharmakopöe.
Kinder. In Indien ein klassisches Kindermittel (als Sirup); für Kapselpräparate in Europa gilt: nicht für Kinder ohne Rücksprache.
Zubereitung und Formen
Die Pharmakopöe nennt 3 bis 8 g Pulver; die Tradition gibt Shankhapushpi als Paste (kalka) mit Milch, als Sirup und in Rezepturen — fast immer zusammen mit Brahmi, Gotu Kola und anderen Medhya-Pflanzen. Im Vedika-Sortiment steht die Pflanze in fünf Präparaten, nie allein.
Als Hauptbestandteil: Senioren-Rasayana von Maharishi Ayurveda — 482 mg Convolvulus pluricaulis je Tagesdosis, gleichauf mit Gotu Kola, Süssholz und Guduchi: die Vierer-Rezeptur, die dem Caraka-Vers der medhya rasāyana am nächsten kommt.
In Medhya-Rezepturen: Gedächtnis Plus von somamed (Brahmi, Gotu Kola, Shankhapushpi und Rosmarin — 2000 mg Kräuter je Tagesdosis), Studenten-Rasayana (79 mg, neben Brahmi, Gotu Kola, Shatavari und Ashwagandha), Vata Balance (123 mg wässriger Auszug, neben Jatamansi und Ashwagandha) und Amrit Kalash MA 4 (78 mg).
Bilder
Quellen
- The Ayurvedic Pharmacopoeia of India, Part I, Vol. II, Monographie 66 Śaṅkhapuṣpī (ganze Pflanze), S. 147 — mit dem Hinweis auf Clitoria ternatea und Evolvulus alsinoides. Ministry of AYUSH. pcimh.gov.in
- Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu, Guḍūcyādi-varga, Verse 269–270 (Śaṅkhapuṣpī). Ausgabe Chunekar/Pandey, Chaukhambha Bharati Academy, Varanasi 2002, Buch-S. 449–450 (Teil 2, PDF-S. 94).
- Caraka Saṃhitā, Cikitsāsthāna 1.3.30–31 (Medhya rasāyana: Maṇḍūkaparṇī, Yaṣṭīmadhu, Guḍūcī, Śaṅkhapuṣpī). Übersetzung Kaviratna/Sharma (1890–1911).
- Anliker, Sabine: Heilpflanzen Ayurveda Medizin. 3. Auflage, Trägerorganisation Ayurveda CH, 2023, ISBN 978-3-033-08908-2, Kapitel 59 Śaṅkhapuṣpī, S. 136–137 — mit Verweis auf API Vol. II, Zoller/Nordwig und Schrott/Ammon.
- Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Convolvulus pluricaulis — Dravyaguna, Karma, 42 Zubereitungen.
- Schrott E, Ammon HPT. Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Eine Gegenüberstellung. Springer, Berlin/Heidelberg 2012 — Tab. 2.9 (Medhya-Rasayana-Pflanzen).
- Zoller A, Nordwig H. Heilpflanzen der Ayurvedischen Medizin. Ein praktisches Handbuch. Haug, Stuttgart — Convolvulus pluricaulis Choisy (Hirntonikum).
- Sharma R, Singla RK, Banerjee S, Sinha B, Shen B, Sharma R. Role of Shankhpushpi (Convolvulus pluricaulis) in neurological disorders: An umbrella review covering evidence from ethnopharmacology to clinical studies. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 2022; 140:104795. DOI 10.1016/j.neubiorev.2022.104795.
- Tubaki BR, Chandrashekar CR, Sudhakar D, Prabha TN, Lavekar GS, Kutty BM. Clinical efficacy of Manasamitra Vataka (an Ayurveda medication) on generalized anxiety disorder with comorbid generalized social phobia: a randomized controlled study. Journal of Alternative and Complementary Medicine 2012; 18(6):612–621.
- Sethiya NK, Nahata A, Mishra SH, Dixit VK. An update on Shankhpushpi, a cognition-boosting Ayurvedic medicine. Journal of Chinese Integrative Medicine (Zhong Xi Yi Jie He Xue Bao) 2009; 7(11):1001–1022.
- Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
- Hegde PL, Harini A. A Text Book of Dravyaguna Vijnana, Vol. II (nach dem NCISM-Lehrplan). Chaukhambha Publications, New Delhi 2023, S. 607–613 (Kap. 2.82 Shankhapushpi).
Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.