Weissdorn
keiner gesichert — westliche Pflanze; Nagersheth: bandhūka, bandhujīvaka (in den Nighaṇṭus Namen einer anderen Pflanze) · Crataegus monogyna Jacq., Crataegus laevigata (Poir.) DC. (Syn. C. oxyacantha) · Rosaceae (Rosengewächse)
Hawthorn (Englisch), Crataegi folium cum flore, Crataegi fructus, Weissdorn, Hagedorn, Heckendorn, Mehlbeerbaum, Mehldorn, Zaundorn, Aubépine (Französisch), Biancospino (Italienisch)
Der Weissdorn ist Europas Herzpflanze — süss, bitter und zusammenziehend, kühlend, alle drei Doshas senkend, mit dem Herzen als prabhāva, wie die europäischen Ayurveda-Ärztinnen ihn einordnen; mit Cochrane-Review, zwei grossen Studien und einer EMA-Monographie, die ihn heute als traditionelles Mittel bei nervösen Herzbeschwerden führt. Was Tradition und Forschung sagen, warum Herzbeschwerden Arztsache bleiben, und wie er im HEARTcare neben Arjuna steht.
Zuletzt überprüft: 25. September 2026 · abgeglichen mit Nagersheth, EMA-Monographie, Schrott-Lexikon, Schrott/Ammon, Herbal Reality
Traditionelle Verwendung
Der Weissdorn ist Europas Herzpflanze — und keine Pflanze des klassischen Ayurveda. Crataegus monogyna (Eingriffeliger) und Crataegus laevigata (Zweigriffeliger Weissdorn, früher C. oxyacantha) sind die dornigen Rosengewächse der Hecken und Waldränder, deren weisse Maiblüten und rote Herbstfrüchte (Mehlbeeren, Hagedorn) Dioskurides, Plinius und Galen kannten und die Ibn Sīnā im Canon medicinae mit «kühlender und trocknender» Wurzel und «erwärmender» Frucht beschrieb. Als Herzmittel ist er jung: Erst im 19. Jahrhundert, in Irland und Frankreich, begann die Karriere der Blätter mit Blüten als «Digitalis des Volkes» — ein Mittel für das alternde, schwächer werdende Herz. Die Nighaṇṭus kennen ihn nicht; einen gesicherten Sanskrit-Namen hat er nicht (Nagersheth nennt bandhūka und bandhujīvaka, Namen, die in der Bhāvaprakāśa aber einer anderen Pflanze, dem Bandhūka-Strauch Pentapetes phoenicea, gehören). Was das Ayurveda über den Weissdorn sagt, sagen die Ayurveda-Ärztinnen und -Ärzte Europas, die einheimische Pflanzen nach den Kategorien des dravyaguṇa einordnen. Verwendet werden Blätter mit Blüten (Crataegi folium cum flore) und die Früchte; die Blätter enthalten 0,3 bis 2,5 % Flavonoide (Hyperosid, Vitexin, Rutin), 1 bis 4 % oligomere Procyanidine (OPC), Triterpensäuren (Ursol-, Oleanol-, Crataegussäure) und Amine — das Europäische Arzneibuch verlangt mindestens 1,5 % Flavonoide, berechnet als Hyperosid.
Was die Tradition sagt
Nach Kalyani Nagersheth (Ayurveda-Medizin mit einheimischen Pflanzen, 2026) schmecken Blätter und Blüten süss, bitter und zusammenziehend (madhura, tikta, kaṣāya), sind trocken (rūkṣa), kühlend (śīta) und haben scharfen vipāka — sie senken alle drei Doshas, regen agni an, und ihr prabhāva, ihre besondere Wirkung, gilt dem Herzen. Nagersheth beschreibt den Weissdorn als herzschützend (kardioprotektiv), gefässerweiternd, blutdruckausgleichend, beruhigend und antioxidativ, mit langsam einsetzender Wirkung — «Hauptwirkung erst nach sechs Wochen» — und nennt als Felder Herzerkrankungen, Hyper- und Hypotonie, das Altersherz, funktionelle Herzbeschwerden, Herzrhythmusstörungen und die Vorbeugung bei Herzmuskelschwäche; als Nebenwirkungen Schwindel, Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden und Kopfschmerzen, mit «sehr grosser therapeutischer Breite» und ohne bekannte Wechselwirkungen. Sie warnt zugleich: Eine Monotherapie mit Weissdorn bei Herzinsuffizienz «kommt nicht infrage und wäre eine Fehlbehandlung». Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott ordnet die Frucht anders ein — sauer und süss, erhitzend, sauer im vipāka, Vata und Kapha senkend, Pitta mehrend, «Anregungsmittel, Antispasmodikum, Diuretikum» für die Herzinsuffizienz. Der Unterschied ist kein Widerspruch, sondern zwei Drogen: die kühle, zusammenziehende Blattblüte und die säuerlich-süsse, wärmende Frucht. Schrott und Ammon führen die Weissdornfrucht in ihrer Tabelle der Geschmäcker als Beispiel für sauer; Schrott und Schachinger nennen den Weissdorn neben Arjuna und Rauwolfia als Phytotherapie bei gestörtem vyāna-vāta, dem Vata der Zirkulation, und bei avalambaka-kapha, dem Kapha der Brust. Was diese Begriffe bedeuten, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.
Die westliche Bewertung hat sich gewandelt. Die Kommission E (1994) und die ESCOP gaben den Blättern mit Blüten eine positive Monographie für die nachlassende Leistungsfähigkeit des Herzens im Stadium II nach NYHA — Nagersheth: «Jetzt nicht mehr gültig!» Die EMA hat 2016 den Status well-established use verweigert und den Weissdorn als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft: zur Linderung vorübergehender nervöser Herzbeschwerden wie Herzklopfen, nachdem ernste Erkrankungen ärztlich ausgeschlossen sind, bei leichten Stresssymptomen und als Schlafhilfe — die Indikationen der französischen Tradition. Die Frucht erhielt 1994 keine positive Kommission-E-Monographie, wohl aber eine ESCOP-Monographie Crataegi fructus.
Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen
Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India, die Bhāvaprakāśa und Sabine Anlikers Lehrbuch kennen den Weissdorn nicht; Zoller und Nordwig behandeln ihn nicht. Im indischen Ayurveda hat die Rolle der Herzrinde der Arjuna-Baum, mit dem der Weissdorn im HEARTcare kombiniert ist — beide zusammenziehend, beide «für das Herz», der eine aus den Nighaṇṭus, der andere aus den Hecken Europas.
Hans H. Rhyner und Birgit Frohn (Heilpflanzen im Ayurveda, 2006) ordnen den Weissdorn wie das Lexikon ein — sauer, erhitzend, saurer vipāka, Vata senkend, Pitta und Kapha «wegen uṣṇa-vīrya» in geringerem Mass mehrend — also gegenläufig zu Nagersheths kühlender Blattblüte. Keine Nebenwirkungen bekannt, aber: «Herzbeschwerden sind immer ernst zu nehmen und nicht für die Selbstbehandlung geeignet»; Tee 1,5 g auf 150 ml, Tagesdosis 5 g Droge.
Forschungslage
Der Weissdorn gehört zu den am besten untersuchten Herzpflanzen — mit einer Geschichte, die von grossen Hoffnungen zu einer nüchternen Einschätzung führt.
Herzinsuffizienz, Cochrane 2008. Pittler, Guo und Ernst werteten zehn randomisierte Studien mit 855 Patientinnen und Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz (NYHA I bis III) aus, in denen standardisierter Weissdornextrakt zusätzlich zur üblichen Therapie gegeben wurde: Die maximale Arbeitsbelastung stieg gegenüber Placebo um 5,35 Watt (95-%-KI 0,71–10,00; n = 380), das Druck-Frequenz-Produkt, ein Mass für den Sauerstoffverbrauch des Herzens, sank (−19,22 mmHg/min; n = 264), Kurzatmigkeit und Müdigkeit besserten sich; Nebenwirkungen waren selten und mild (Übelkeit, Schwindel, Magen-Darm-Beschwerden). Daten zu Sterblichkeit und Herzereignissen fehlten — die Autoren sahen einen «signifikanten Nutzen bei der Symptomkontrolle und den physiologischen Ergebnissen» als Zusatztherapie.
SPICE und HERB CHF. Die grosse SPICE-Studie (Holubarsch et al. 2008; 2681 Patienten, Extrakt WS 1442, 24 Monate) fand keinen Unterschied im primären Endpunkt (Herztod, Herzinfarkt, Hospitalisierung); nur in der Untergruppe mit einer Auswurffraktion von 25 bis 35 % war der plötzliche Herztod seltener. Die HERB-CHF-Studie (Zick et al. 2009; 120 Patienten, 6 Monate) fand keine Besserung der Belastbarkeit und Hinweise auf mehr frühe Verschlechterungen unter Weissdorn — die «negativ verlaufene Studie», die Nagersheth als Grund nennt, warum die Zulassung als Arzneimittel zur Steigerung der Leistungsfähigkeit bei Herzinsuffizienz nicht verlängert wurde.
Wirkmechanismus. Flavonoide und Procyanidine wirken im Labor positiv inotrop (Hemmung der Na⁺/K⁺-ATPase, cAMP-Erhöhung), koronarerweiternd (Kaliumkanäle, NO), antiarrhythmisch (Verlängerung der Refraktärzeit) und endothelschützend — Nagersheth fasst die Pharmakologie über zwei Seiten zusammen.
Leber. LiverTox (NIH) stuft Weissdorn als «unwahrscheinliche Ursache» einer Leberschädigung ein (Likelihood E): keine Fälle klinisch manifester Leberschäden beschrieben.
Was fehlt. Belege für einen Nutzen bei Sterblichkeit oder Krankenhausaufenthalten; Studien zu den heute zugelassenen traditionellen Indikationen (nervöse Herzbeschwerden, Schlaf) — hier gibt es nach EMA keine kontrollierten Studien.
Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Weissdorn. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.
Sicherheit
Der Weissdorn gilt als eine der verträglichsten Herzpflanzen — mit einer Grenze, die nicht in der Pflanze liegt, sondern in der Krankheit.
Herzbeschwerden sind Arztsache. Nagersheth: Eine Monotherapie mit Weissdorn bei Herzinsuffizienz wäre eine Fehlbehandlung; die EMA: erst anwenden, wenn ernste Erkrankungen ärztlich ausgeschlossen sind, und bei Symptomen, die länger als zwei Wochen anhalten, Ärztin oder Arzt aufsuchen. Wer Herzmedikamente nimmt, bespricht Weissdornpräparate mit der behandelnden Fachperson — Nagersheth sieht keine Interaktionen, die EMA kennt keine, aber die Datenlage ist dünn. In einer Studie an acht Gesunden veränderte Weissdornextrakt (WS 1442, zweimal 450 mg täglich über drei Wochen) die Blutspiegel von Digoxin nicht (Tankanow und Kollegen 2003). Bei Menschen, die bereits Blutdruckmittel nahmen, lag der diastolische Blutdruck unter 1200 mg Weissdornextrakt täglich nach 16 Wochen etwas tiefer als unter Placebo (Walker und Kollegen 2006). Wer Blutdruckmittel nimmt, sollte also mit einer zusätzlichen Wirkung auf den Blutdruck rechnen.
Schwangerschaft, Stillzeit. EMA: Sicherheit nicht belegt, Anwendung nicht empfohlen. Das HEARTcare ist nicht für Schwangere und Stillende.
Kinder. EMA: nicht unter 18 Jahren für Herzbeschwerden, nicht unter 12 Jahren für Stress und Schlaf.
Nebenwirkungen. Selten: Schwindel, Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen (Nagersheth; Cochrane); die EMA hat bei der Bewertung keine gemeldeten Nebenwirkungen gefunden. Keine bekannte Lebertoxizität.
Wirkung kommt langsam. Nagersheth: Hauptwirkung erst nach sechs Wochen — Weissdorn ist kein Mittel für den Augenblick.
Menge. Die EMA-Tagesdosen liegen bei 1 bis 6 g Droge als Tee oder 240 bis 1750 mg Trockenextrakt; das HEARTcare enthält 130 mg Weissdornextrakt in der Tagesdosis — Rezepturmenge neben 320 mg Arjuna.
Zubereitung und Formen
Die westliche Tradition gibt den Weissdorn als Tee aus Blättern mit Blüten (1 bis 2 g auf 150 ml, bis viermal täglich), als Tinktur, Frischpflanzensaft, Trockenextrakt (Dragees, Filmtabletten) und als Likör aus den Beeren; Nagersheth: Anwendungsdauer mindestens sechs Wochen, vorbeugend über Jahre. Im Vedika-Sortiment steht Weissdorn in einem Produkt.
In Kapseln von Classic Ayurveda: HEARTcare (130 mg Weissdornextrakt in der Tagesdosis von 2 Kapseln, neben 320 mg Arjuna-Rinde, Bockshornklee, Mandukaparni, Guggulu, Triphala und Trikatu, mit Thiamin — die europäische Herzpflanze zur indischen Herzrinde).
Quellen
- Nagersheth, Kalyani: Ayurveda-Medizin mit einheimischen Pflanzen. Ein Praxisleitfaden. Springer, Berlin 2026, ISBN 978-3-662-71451-5, Kapitel 21.65 Crataegus monogyna, laevigata (oxyacantha), Weissdorn, S. 396–400.
- Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Crataegus oxycantha — Dravyaguna, Karma (Frucht). Weissdorn ist nicht in der Ayurvedic Pharmacopoeia of India, nicht in der Bhāvaprakāśa, nicht bei Anliker oder Zoller/Nordwig.
- Schrott E, Ammon HPT: Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Springer, Berlin 2012, Tab. 2.8 (Weissdornfrucht als Beispiel für sauer). Schrott E, Schachinger W: Ayurveda. Grundlagen und Anwendungen. TRIAS, 4. Aufl. 2022 (Phytotherapie bei vyāna-vāta und avalambaka-kapha).
- European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monograph on Crataegus spp., folium cum flore. EMA/HMPC/159075/2014, adopted 5 April 2016; Entwurf Revision 1 EMA/HMPC/234781/2024, Konsultation bis Juli 2025. ema.europa.eu
- Kommission E (BfArM), Monographie Crataegi folium cum flore, Bundesanzeiger 1994; ESCOP Monographs: Crataegi folium cum flore; Crataegi fructus.
- Pittler MH, Guo R, Ernst E. Hawthorn extract for treating chronic heart failure. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008; (1):CD005312. Frühere Metaanalyse: Pittler MH, Schmidt K, Ernst E. American Journal of Medicine 2003; 114(8):665–674.
- Holubarsch CJF, Colucci WS, Meinertz T, Gaus W, Tendera M. The efficacy and safety of Crataegus extract WS 1442 in patients with heart failure: the SPICE trial. European Journal of Heart Failure 2008; 10(12):1255–1263.
- Zick SM, Vautaw BM, Gillespie B, Aaronson KD. Hawthorn Extract Randomized Blinded Chronic Heart Failure (HERB CHF) trial. European Journal of Heart Failure 2009; 11(10):990–999.
- LiverTox: Clinical and Research Information on Drug-Induced Liver Injury. Hawthorn. NIDDK, Bethesda 2023. ncbi.nlm.nih.gov
- Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
- Rhyner HH, Frohn B: Heilpflanzen im Ayurveda. AT Verlag, Baden und München 2006, ISBN 978-3-03800-279-6, Eintrag Weissdorn, S. 150–151.
- Tankanow R, Tamer HR, Streetman DS, Smith SG, Welton JL, Annesley T, Aaronson KD, Bleske BE. Interaction study between digoxin and a preparation of hawthorn (Crataegus oxyacantha). Journal of Clinical Pharmacology 2003; 43(6): 637–642. doi:10.1177/0091270003253417
- Walker AF, Marakis G, Simpson E, Hope JL, Robinson PA, Hassanein M, Simpson HC. Hypotensive effects of hawthorn for patients with diabetes taking prescription drugs: a randomised controlled trial. British Journal of General Practice 2006; 56(527): 437–443. PMID:16762125
Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.
Präparate mit Weissdorn
Ein Verzeichnis, keine Empfehlung. Was ein Präparat enthält, steht auf seiner Seite unter «Inhalt».
HEARTcare