Traditionelle Verwendung
Guggulu ist kein Kraut, sondern ein Harz: das Gummiharz des Guggulbaums Commiphora wightii (Syn. Commiphora mukul), eines kleinen, dornigen Strauchs oder Baums von ein bis zwei Metern Höhe mit aschgrauer, papierartig abblätternder Rinde, der in den trockenen, felsigen Gebieten von Rajasthan und Gujarat wächst — ein naher Verwandter der Myrrhe, daher der deutsche Name «Indische Myrrhe». Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India beschreibt in Vol. I das Exsudat: Im Winter wird die Rinde eingeschnitten, im Sommer tropft das Harz von selbst; die Droge sind wurmförmige oder tropfsteinartige Stücke von blassgelber bis brauner Farbe, aromatisch riechend, bitter und herb im Geschmack, in heissem Wasser milchig aufgehend. Die Sanskrit-Synonyme der Pharmakopöe sind purā, mahiṣākṣa («Büffelauge», nach der dunklen Sorte), kauśika und palaṅkaṣā.
Was die Tradition sagt
Guggulu schmeckt bitter, scharf und herb (tikta, kaṭu, kaṣāya), ist leicht, fliessend und klar (laghu, sara, viśada), erhitzend (uṣṇa) und hat scharfen vipāka. Die Pharmakopöe fasst das Karma so: vātabalāsajit (Vata und Kapha bezwingend), rasāyana (verjüngend), varṇya (die Ausstrahlung verbessernd), balya (kräftigend), bhagnasandhānakṛt (Gebrochenes zusammenfügend — das klassische Mittel bei Knochenbrüchen) und medohara (Fett beseitigend). Guggulu ist damit die seltene Substanz, die zugleich reduziert und aufbaut: sie «schabt» (lekhana) Ablagerungen aus den Kanälen und gilt doch als Rasayana.
Die Anwendungsfelder der Pharmakopöe heissen vātavyādhi (Vata-Erkrankungen des Bewegungsapparats und der Nerven), āmavāta («Ama-Vata», die Gelenkerkrankung durch Unverdautes), granthi (Knoten), śopha (Schwellung), gaṇḍamālā (Drüsenschwellungen am Hals), medoroga (Fettleibigkeit), prameha («Harnfluss») und kuṣṭha (die Hautleiden der Klassiker). Was diese Begriffe bedeuten und warum sie sich nicht in moderne Diagnosen übersetzen lassen, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.
Der Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu (16. Jh.) widmet Guggulu im Karpūrādi-varga vierzehn Verse (32–45). Er nennt es devadhūpa («Räucherwerk der Götter» — Guggulu ist bis heute Räucherharz in Tempel und Haus), jaṭāyu, kauśika, pura, kumbholūkhalaka, mahiṣākṣa und palaṅkaṣā, unterscheidet fünf Sorten nach Farbe — mahiṣākṣa (schwarz wie das Büffelauge), mahānīla, kumuda, padma und hiraṇya (goldfarben) —, von denen die beiden ersten für Elefanten, die beiden mittleren für Pferde und die goldene für Menschen die beste sei, und beschreibt es als viśada, bitter, herb, scharf, heiss, picchila (schleimig), sara, trocken und leicht, Brüche fügend, vṛṣya, sūkṣma (feinstofflich, in die kleinsten Kanäle dringend), svarya, rasāyana, dīpana, balya, gegen Kapha, Vata, Wunden, Drüsenschwellungen, Fett, meha, Steine, Würmer, Hautleiden, Schwellung und Hämorrhoiden — «Vernichter aller Doshas» durch das Zusammenspiel seiner drei Geschmäcker. Zwei Regeln des Bhāvaprakāśa sind bis heute Praxis: Frisches Guggulu nährt und stärkt (bṛṃhaṇa, vṛṣya), altes Guggulu reduziert (lekhana); und wer Guggulu nimmt, meide Saures, Scharfes, Schwerverdauliches, Anstrengung, Sonne, Alkohol und Zorn. In der agrya-Liste des Aṣṭāṅgahṛdaya (Uttarasthāna 40) heisst es knapp medonile guggulu: Für Meda und Vata ist Guggulu das Vorzüglichste (Hegde und Harini). Die Pharmakopöe nennt 2 bis 4 g als Dosis und als Zubereitungen die grosse Familie der Guggulu-Präparate: Yogarāja Guggulu, Mahāyogarāja Guggulu, Vātāri Guggulu, Siṃhanāda Guggulu, Kaiśora Guggulu und Candraprabhā Vaṭī — Guggulu ist der klassische Träger, mit dem Kräuter zu Pillen geformt werden.
Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen
Sabine Anlikers Lehrbuch für die Höhere Fachprüfung (Kapitel 23) folgt der Pharmakopöe in Steckbrief, Karma und Anwendungsfeldern, nennt als Dosis 2 bis 4 g ein- bis dreimal täglich, nach dem Essen zerkleinert mit warmem Wasser, als Droge das Harz, mahnt zur Vorsicht bei Allergikern, Gastritis und Magenschmerzen und nennt als einzige Kontraindikation die Schwangerschaft. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott führt Guggulu unter Commiphora mukul als «Indische Myrrhe», deutet devadhūpa als das Harz, das bei der Verehrung ins Opferfeuer gegeben wird, nennt es lekhana (Körperfett reduzierend), śothaghna (Schwellungen beseitigend) und gaṇḍamālānāśaka, und zählt 60 klassische Zubereitungen.
Hans H. Rhyner und Birgit Frohn (Heilpflanzen im Ayurveda, 2006) unterscheiden frisches Harz — leicht, spitz, ölig, schleimig, beweglich, antiseptisch — und altes Harz, leicht, trocken, spitz und rau; bitter, scharf, süss und herb, scharfer vipāka, erhitzend, alle drei Doshas ausgleichend. Nicht bei akuten Nierenreizungen und in akuten Phasen von Hautausschlägen; das Ayurvedic Formulary of India widmet den Guggulu-Präparaten ein eigenes Kapitel.
Forschungslage
Guggulu ist die ayurvedische Substanz mit der lehrreichsten Forschungsgeschichte. In den 1960er-Jahren griffen indische Forscher den Vers des Suśruta über Guggulu bei medoroga auf, isolierten aus dem Harz die Guggulsterone und entwickelten daraus «Guggulipid», das in Indien seit 1986 als Mittel gegen erhöhte Blutfette zugelassen ist. Frühe indische Studien berichteten deutliche Senkungen von Cholesterin und Triglyceriden.
Die grosse Prüfung. Szapary und Kollegen (JAMA, 2003) wiederholten das in Philadelphia mit 103 Erwachsenen: acht Wochen lang 1000 oder 2000 mg Guggulipid dreimal täglich gegen Placebo. Das LDL-Cholesterin sank nicht — es stieg unter Guggulipid um 4 bis 5 Prozent, während es unter Placebo leicht fiel; ein Sechstel der Behandelten entwickelte einen Hautausschlag. Eine norwegische Studie (Nohr, 2009) fand ebenfalls keinen Effekt auf das Cholesterin. Seither gilt: Die indischen Befunde liessen sich in westlicher Bevölkerung mit westlicher Ernährung nicht bestätigen, und Guggulu ist in Europa kein Lipidsenker.
Gelenke und Stoffwechsel. Kleine Studien zu Guggulu-Extrakt bei Kniebeschwerden (Singh, 2003, n=30, offen) und zu Guggulu-Kombinationen bei Übergewicht berichten Verbesserungen, sind aber unkontrolliert oder klein. Im Labor hemmen Guggulsterone Entzündungsbotenstoffe und binden an den Gallensäure-Rezeptor FXR — Mechanismen, die die Tradition plausibel machen, aber keinen Nutzen am Menschen belegen. Die zahlreichen indischen Studien zu klassischen Guggulu-Präparaten (Yogarāja, Kaiśora, Triphalā Guggulu) untersuchen Rezepturen, nicht das Harz allein.
Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Guggulu, und die Europäische Arzneimittelagentur hat keine Monographie zu Commiphora wightii erstellt. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.
Sicherheit
Guggulu ist eine scharfe, heisse, «schabende» Substanz — die Tradition setzt es kurweise ein und umgibt es mit Regeln. Anliker nennt die Vorbehalte, die Forschung hat sie bestätigt und ergänzt.
Schwangerschaft. Die einzige Kontraindikation bei Anliker, und sie gilt ohne Einschränkung: Guggulu regt nach der Tradition die Gebärmutter an und wird in der Schwangerschaft nicht gegeben — auch der Hersteller schreibt «nicht für Schwangere geeignet» auf die Packung. In der Stillzeit und für Kinder gilt der Herstellerhinweis: nur nach Rücksprache.
Haut und Allergie. Hautausschlag war die häufigste Nebenwirkung in den Studien; Anliker rät Allergikern zur Vorsicht. Wer auf Myrrhe oder andere Harze reagiert, sollte Guggulu meiden.
Magen. Scharf und heiss: Bei Gastritis, Magenschmerzen und empfindlicher Verdauung ist Zurückhaltung geboten (Anliker); die Tradition gibt Guggulu nach dem Essen mit warmem Wasser.
Schilddrüse und Medikamente. Guggulsterone können die Schilddrüse anregen; wer Schilddrüsenmedikamente nimmt, verwendet Guggulu nur in Absprache. Guggulipid verringerte in Studien die Aufnahme von Blutdruckmitteln (Propranolol, Diltiazem) und beeinflusst Leberenzyme, die viele Medikamente abbauen — bei Dauermedikation gehört Guggulu in die Absprache mit Ärztin oder Apotheker. Zurückhaltung auch bei Blutverdünnern und hormonabhängigen Erkrankungen.
Pitta. Bei Hitze, Entzündungsneigung und Pitta-Konstitution kann Guggulu verstärken, was es beheben soll; die Tradition kombiniert es dann mit kühlenden Kräutern wie im Kaiśora Guggulu.
Herkunft und Artenschutz. Der Guggulbaum steht auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion als «vom Aussterben bedroht» — die Bestände in Rajasthan und Gujarat sind durch das Anzapfen der Bäume um mehr als drei Viertel zurückgegangen. Der Anbau ist schwierig, und ein Teil der Handelsware stammt aus Pakistan oder wird mit anderen Commiphora-Harzen gestreckt. Für die Präparate im Vedika-Sortiment gilt: Bio-zertifiziert, gereinigt (śodhita) nach klassischer Vorschrift, mit Identitätsprüfung.
Qualität und Verfälschung. Gutes Guggulu wird nach Hegde und Harini in der Sonne weich, brennt gut im Feuer, ist ölig, weich und schleimig (picchila), wohlriechend, gelblich und frei von Erde und Sand; die Handelsware sind durchscheinende, wurm- oder tropfsteinförmige Stücke, die bei langer Lagerung nachdunkeln. Als alt (purāṇa) gilt Guggulu ab fünf Jahren. Als Verfälschungen im Handel nennen sie die Gummen von Acacia senegal, Acacia arabica, Albizia lebbeck, Moringa oleifera und Weihrauch (Boswellia serrata).
Übermass. In zu hoher Menge und ohne die Begleitregeln genommen, kann Guggulu nach Hegde und Harini Mundtrockenheit, Schwindel, Durchfall, Abmagerung, Sehschwäche (timira) und Impotenz (klaibya) hervorrufen. Bei Brennen im Magen, Juckreiz oder Nesselausschlag raten sie, die Einnahme zwei Tage auszusetzen; als Gegenmittel nennen sie Safran.
Zubereitung und Formen
Die Pharmakopöe nennt 2 bis 4 g Harz täglich, Anliker ein- bis dreimal täglich nach dem Essen mit warmem Wasser. Rohes Guggulu wird im Ayurveda nie gegeben: Es wird in Abkochungen (Triphala, Guduchi) gereinigt (nach Hegde und Harini im Tuchbeutel auch in Kuhurin, Milch oder im Blattsaft von Vasa und Nirgundi), getrocknet und dann zu Pillen geformt — śodhita guggulu.
Reines Harz: Guggul, Bio von Maharishi Ayurveda (980 mg gereinigtes Bio-Guggulu je zwei Tabletten) — die Form der Pharmakopöe, als Tablette dosiert.
Klassische Guggulu-Rezepturen: Triphala Guggulu (1618 bis 3236 mg Guggulu je Tagesdosis, mit den drei Früchten und Pippali — die klassische Zubereitung des Śārṅgadhara) und AyurFlex (578 mg Guggulu mit Knoblauch, Shilajit und Ashwagandha, angelehnt an die Yogarāja-Tradition), beide von Maharishi Ayurveda.
In Rasayanas: Männer-Rasayana (106 mg) und Frauen-Rasayana (114 mg), jeweils neben Shilajit.
Extrakt in Kombination: in kleineren Anteilen in VATAcare, SENIORcare, HEARTcare und PRANAcare.
Quellen
- The Ayurvedic Pharmacopoeia of India, Part I, Vol. I, Monographie 28 Guggulu (Exsudat), S. 43. Ministry of AYUSH. pcimh.gov.in
- Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu des Bhāvamiśra (16. Jh.), Karpūrādi-varga 32–45, Nr. 15 Guggulu; Ausgabe K. C. Chunekar / G. S. Pandey, Chaukhambha Bharati Academy, Varanasi 2002, S. 204–206.
- Anliker, Sabine: Heilpflanzen Ayurveda Medizin. 3. Auflage, Trägerorganisation Ayurveda CH, 2023, ISBN 978-3-033-08908-2, Kapitel 23 Guggulu, S. 56–57 — mit Verweis auf API Vol. I, Zoller/Nordwig und Schrott/Ammon.
- Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Commiphora mukul — Dravyaguna, Karma, Dosis, 60 Zubereitungen.
- Szapary PO, Wolfe ML, Bloedon LT, et al. Guggulipid for the treatment of hypercholesterolemia: a randomized controlled trial. JAMA 2003; 290(6):765–772. DOI 10.1001/jama.290.6.765.
- Nohr LA, Rasmussen LB, Straand J. Resin from the mukul myrrh tree, guggul, can it be used for treating hypercholesterolemia? A randomized, controlled study. Complementary Therapies in Medicine 2009; 17(1):16–22.
- Ulbricht C, Basch E, Szapary P, et al. Guggul for hyperlipidemia: a review by the Natural Standard Research Collaboration. Complementary Therapies in Medicine 2005; 13(4):279–290.
- Deng R. Therapeutic effects of guggul and its constituent guggulsterone: cardiovascular benefits. Cardiovascular Drug Reviews 2007; 25(4):375–390 — Übersicht zu Chemie und Mechanismen.
- IUCN Red List of Threatened Species: Commiphora wightii, eingestuft als «Critically Endangered» (2015). iucnredlist.org
- Swissmedic: Asiatische Arzneimittel — Meldeverfahren; Anhang 9 (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS) KPAV, Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
- Rhyner HH, Frohn B: Heilpflanzen im Ayurveda. AT Verlag, Baden und München 2006, ISBN 978-3-03800-279-6, Eintrag Guggulu, S. 181–184.
- Hegde PL, Harini A. A Text Book of Dravyaguna Vijnana, Vol. II (nach dem NCISM-Lehrplan). Chaukhambha Publications, New Delhi 2023, S. 256–267 (Kap. 2.34 Guggulu).
Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.