Wenn es eine einzige Gewohnheit gibt, die das Ayurveda jedem Menschen für jeden Tag empfiehlt, dann ist es diese: sich mit warmem Öl einzureiben. Die Selbstmassage heisst abhyaṅga, «das Salben ringsum». Sie dauert fünf bis fünfzehn Minuten, braucht nichts ausser Öl und einem warmen Badezimmer und ist für viele der Teil der Tagesroutine, den sie als Erstes vermissen, wenn er einmal fehlt. Diese Seite erklärt, was die Klassiker dazu sagen und wie man es macht.
Was die Tradition dazu sagt
Die Aṣṭāṅga Hṛdaya fasst die Massage im zweiten Kapitel des Sūtrasthāna in zwei Versen zusammen: Man solle sie täglich üben; sie wehre Alter, Erschöpfung und Vata ab, kläre den Blick, nähre den Körper, gebe ein langes Leben, guten Schlaf, schöne Haut und Festigkeit — und man solle dabei besonders auf Kopf, Ohren und Füsse achten (AH Sū. 2, 8–9). Die Caraka Saṃhitā verwendet dafür ein Bild aus dem Alltag ihrer Zeit: Wie ein Tonkrug, ein Lederstück oder eine Wagenachse durch Ölen fest, geschmeidig und widerstandsfähig werden, so auch der Körper (Ca. Sū. 5).
Die Logik dahinter ist die der Doshas: Vata ist trocken, rau, kalt und beweglich, Öl ist feucht, glatt, warm und schwer. Die tägliche Ölmassage gilt deshalb als die wichtigste Massnahme gegen ein Übermass an Vata — und weil Vata mit dem Alter zunimmt, als eine Art Pflege gegen das Altern. Das ist die Sprache der Tradition; Studien zur ayurvedischen Selbstmassage sind wenige und klein. Was man nach einer Woche selbst beurteilen kann, ist die Haut, die Wärme und die Ruhe danach.
Welches Öl
- Sesamöl ist das klassische Öl und für die meisten Menschen und die kalte Jahreszeit die erste Wahl. Kaltgepresst, aber nicht aus gerösteten Samen — das riecht nach Wok. In der ayurvedischen Praxis wird es vor dem ersten Gebrauch einmal auf etwa 100 Grad erhitzt («gereift»), was es leichter einziehen lässt; man kann es auch gereift kaufen.
- Kokosöl gilt als kühlend und passt für Pitta-Menschen, für empfindliche, gerötete Haut und für den Sommer.
- Mandelöl ist mild und neutral und eignet sich für trockene, empfindliche Haut und das Gesicht.
- Kräuteröle: Die Tradition kocht Kräuter mit Öl und Wasser ein, bis das Wasser verdampft ist (taila pāka). So entstehen Öle mit eigenen Eigenschaften, etwa Bala-, Ashwagandha- oder Ksheerabala-Öl. Für Kapha-Menschen nimmt man leichte, wärmende Öle und wenig davon — oder massiert im Frühling trocken (udvartana).
Wer eine Allergie gegen Sesam oder Nüsse hat, wählt ein anderes Öl. Neue Öle erst an einer kleinen Hautstelle ausprobieren.
So geht es
Vorbereiten. Ein Fläschchen Öl im Wasserbad oder in einer Tasse heissem Wasser handwarm machen — es soll angenehm warm sein, nicht heiss. Ein warmes Badezimmer, ein altes Handtuch, Hausschuhe mit Profil, denn geölte Füsse rutschen. Die beste Zeit ist der Morgen, nach Toilette, Mundpflege und einem Glas warmem Wasser.
Einölen. Zuerst den ganzen Körper rasch mit Öl bedecken, damit es schon einziehen kann, während man massiert.
Kopf. Die Fingerkuppen ins Öl tauchen und es auf der Kopfhaut verteilen, nicht in den Haaren; mit den Fingerkuppen kreisend massieren, als würde man die Haare waschen. Wer die Haare nicht täglich waschen will, ölt nur die Kopfhaut am Scheitel oder lässt den Kopf aus.
Gesicht und Ohren. Von der Mitte der Stirn nach aussen streichen, sanfte Kreise an den Schläfen, von der Nase über die Wangen nach aussen, sanft um die Augen. Die Ohrmuscheln zwischen Daumen und Zeigefinger massieren, ein Tropfen Öl am Eingang des Gehörgangs.
Hals und Nacken. Den Nacken mit mehr Druck, den Kehlkopf nur sehr sanft.
Arme. Auf den langen Knochen lange Striche, auf den Gelenken — Schulter, Ellbogen, Handgelenk — Kreise. Die Hände einzeln, jeden Finger.
Brust und Bauch. Die Brust mit weiten Bewegungen, den Bauch in grossen Kreisen im Uhrzeigersinn, rechts unten beginnend, dem Verlauf des Dickdarms folgend.
Rücken. So weit man kommt, mit langen Strichen; den unteren Rücken und das Gesäss mit Kreisen.
Beine. Wie die Arme: lange Striche auf Ober- und Unterschenkel, Kreise auf Hüfte, Knie und Knöchel.
Füsse. Zum Schluss und mit der meisten Zeit: Fusssohle mit der flachen Hand reiben, die Zehen einzeln, die Zwischenräume. Die Klassiker sagen, die Fussmassage gebe festen Schritt, guten Schlaf und klare Augen (Ca. Sū. 5).
Einwirken und duschen. Fünf bis zwanzig Minuten warten — Zähne putzen, ein paar Yogaübungen —, dann warm duschen, mit wenig Seife an den Stellen, die sie brauchen. Was an Öl auf der Haut bleibt, darf bleiben. Ölige Handtücher regelmässig heiss waschen und nicht im Tumbler trocknen: Ölgetränkte Wäsche kann sich dort selbst entzünden.
Dauer. Zehn bis fünfzehn Minuten sind schön, fünf sind besser als keine. An eiligen Tagen nur Kopf, Ohren und Füsse.
Wann nicht
Die Klassiker nennen selbst die Ausnahmen: nicht bei einem Übermass an Kapha, nicht bei Verdauungsstörungen und unverdautem Essen im Magen, nicht direkt nach einer Ausleitungstherapie (AH Sū. 2, 9). Dazu kommt, was der gesunde Menschenverstand ergänzt: nicht bei Fieber und akuter Erkältung, nicht auf entzündeter, verletzter oder ekzematöser Haut, nicht direkt nach dem Essen. Wer schwanger ist, eine Hauterkrankung, Krampfadern, eine Thrombose oder eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hat, klärt die Massage vorher ärztlich ab. Die Selbstmassage ist keine Behandlung; für gezielte Ayurveda-Massagen und Beschwerden gibt es ausgebildete Therapeutinnen und Therapeuten.
Abends: nur die Füsse
Wer morgens keine Zeit hat oder schlecht schläft, macht die kleine Fassung am Abend: Füsse und Fusssohlen mit etwas warmem Sesam- oder Mandelöl einreiben, zwei, drei Minuten pro Fuss, dann Socken an. In Indien benutzt man dafür auch eine kleine Schale aus Bronze (kāṃsya), mit der man die eingeölten Sohlen reibt. Mehr zum Abend steht unter Besser schlafen nach Ayurveda.
Was man nicht erwarten sollte
Abhyaṅga ist Körperpflege und eine Viertelstunde Ruhe am Morgen. Sie heilt keine Gelenkerkrankung, senkt keinen Blutdruck und ersetzt keine Behandlung. Was die Tradition ihr zuschreibt — längeres Leben, festerer Körper —, ist Überlieferung. Was man selbst feststellt, ist meistens dies: Die Haut wird im Winter weniger trocken, die Füsse sind wärmer, und der Tag beginnt langsamer.
Zum Weiterlesen
Die Massage gehört zur ayurvedischen Tagesroutine; welches Öl zu welcher Jahreszeit passt, steht in den Artikeln zu Herbst und Winter und Sommer. Dieser Artikel greift Anregungen aus dem Beitrag «Abhyanga – die tägliche Massage für Ihr Wohlbefinden» von Amla Natur auf, mit deren freundlicher Genehmigung.