Ayurveda im Herbst und Winter

Wenn im Oktober die Bise über das Mittelland zieht, die Heizung anspringt und die Haut an den Händen zu spannen beginnt, ist nach ayurvedischer Auffassung die Zeit des Vata gekommen: kalt, trocken, leicht, beweglich, windig. Das Ayurveda empfiehlt für diese Monate eine Lebensweise, die all dem etwas entgegensetzt — Wärme, Feuchtigkeit, Schwere im guten Sinn und vor allem Regelmässigkeit. Diese Seite erklärt, woher die Empfehlungen kommen und wie man sie im Schweizer Herbst und Winter umsetzt.

Sechs indische Jahreszeiten, drei europäische

Die klassischen Texte kennen nicht vier, sondern sechs Jahreszeiten (ṛtu) zu je zwei Monaten, zugeschnitten auf das Klima Nordindiens: Spätwinter, Frühling, Sommer, Regenzeit, Herbst und Frühwinter. Die Lehre von der Lebensweise nach den Jahreszeiten heisst ṛtucaryā; die Caraka Saṃhitā widmet ihr das sechste, die Aṣṭāṅga Hṛdaya das dritte Kapitel des Sūtrasthāna. Dort sammelt sich Vata im heissen Sommer an und wird in der Regenzeit erregt.

Für Mitteleuropa hat sich eine einfachere Einteilung durchgesetzt, die die Lehrer des Maharishi Ayurveda und viele andere verwenden: Der Spätherbst und der Frühwinter, wenn es kalt, trocken und windig wird, gelten als Vata-Zeit; der feuchte Spätwinter und der Frühling als Kapha-Zeit; der Sommer als Pitta-Zeit. Das ist eine Übertragung, keine wörtliche Lehre der Klassiker — aber sie folgt deren Logik, nach der jede Jahreszeit die Eigenschaften vermehrt, die sie selbst hat.

Was die Tradition dem Winter zutraut

Eine Besonderheit der klassischen Wintervorschriften überrascht viele: Im kalten Winter (hemanta) gilt das Verdauungsfeuer als am stärksten im ganzen Jahr. Die Kälte draussen, so das Bild, treibt die Wärme nach innen. Wer dann zu leicht und zu wenig isst, dem «verbrennt» nach Caraka das Feuer die eigenen Gewebe. Der Winter ist deshalb die Jahreszeit für nahrhafte, schwerere Speisen: Getreide, Hülsenfrüchte, Milchprodukte, Ghee, Nüsse, für die, die es essen, auch Fleisch. Dazu Ölmassage, warme Kleidung, warme Räume, warmes Wasser, Sonne, Bewegung bis zum Schwitzen. Was die Klassiker meiden: kalte Getränke, leichte und trockene Kost, Fasten, Wind.

Woran man ein unruhiges Vata erkennt

Das Ayurveda beschreibt die Zeichen eines vermehrten Vata über seine Eigenschaften. Trocken: trockene Haut, rissige Lippen, trockene Schleimhäute in Nase und Augen. Kalt: kalte Hände und Füsse, Frösteln. Beweglich und unregelmässig: wechselnder Appetit, eine launische Verdauung mit Blähungen oder Verstopfung, Gedanken, die nicht zur Ruhe kommen, ein leichter, unterbrochener Schlaf. Rau: knackende, steife Gelenke. Das sind Beschreibungen der Tradition, keine Diagnosen; wer solche Beschwerden stark oder anhaltend hat, lässt sie ärztlich abklären. Für die Einordnung der Doshas siehe Vata, Pitta, Kapha — die drei Doshas.

Essen in der Vata-Zeit

  • Warm und gekocht. Suppen, Eintöpfe, Getreidebrei, gedünstetes Gemüse. Rohkost und Salat werden weniger, kalte Getränke verschwinden.
  • Süss, sauer, salzig. Das sind nach der Tradition die drei Geschmacksrichtungen, die Vata beruhigen. Süss heisst hier nicht Zucker, sondern Getreide, Wurzelgemüse, Kürbis, reife Früchte, Milch.
  • Etwas Fett. Ein Löffel Ghee oder gutes Öl in jedem warmen Gericht; Vata ist trocken, Öl ist sein Gegenteil.
  • Das Gemüse der Saison. Kürbis, Rüebli, Randen, Pastinaken, Süsskartoffeln, Lauch, Fenchel. Das meiste davon wächst im Herbst ohnehin hier.
  • Früchte gedünstet. Äpfel und Birnen mit Zimt und Kardamom, Zwetschgen, Feigen, Trauben, Datteln.
  • Wärmende, milde Gewürze. Ingwer, Zimt, Kardamom, Fenchel, Kreuzkümmel, eine Prise Asant in Hülsenfrüchten, Nelke in Süssem.
  • Weniger Kaffee und Alkohol. Beide gelten als trocknend und anregend, also als Vata-vermehrend.

Ein Vata-Frühstück: Hafer- oder Dinkelflocken in Wasser oder Milch weich kochen, eine gewürfelte Birne oder einen Apfel mitkochen, mit Zimt, Kardamom, einer Messerspitze Ingwer und einer gehackten Dattel abschmecken, zum Schluss ein Teelöffel Ghee. Warm essen.

Trinken: Heisses Wasser in kleinen Schlucken über den Tag, im Winter gern mit zwei Scheiben frischem Ingwer gekocht; dazu Kräutertee. Für den Abend nennt die Tradition warme Milch mit einer Prise Muskat, Kardamom oder Safran.

Der Tag in der Vata-Zeit

  • Regelmässigkeit vor allem. Vata ist das Prinzip der Bewegung, und was es am meisten beruhigt, ist ein Tag, der jeden Tag ähnlich aussieht: gleiche Zeit zum Aufstehen, zu den Mahlzeiten, zum Schlafen.
  • Öl. Die tägliche Ölmassage (abhyaṅga) mit warmem Sesamöl ist die klassische Wintermassnahme schlechthin. Wer keine Zeit hat, ölt wenigstens Füsse, Ohren und Kopfhaut. Die Anleitung steht unter Abhyanga — die Ölmassage. Zwei Tropfen warmes Sesamöl oder Nasya-Öl in die Nase helfen gegen die Trockenheit der Heizungsluft.
  • Warm halten. Kopf, Nacken, Nieren und Füsse bedeckt; ein warmes Fussbad am Abend.
  • Bewegung, aber massvoll. Spazieren, Wandern, Yoga, Schwimmen im warmen Hallenbad; die Klassiker sagen «bis zur Hälfte der Kraft». Erschöpfung und Hetze vermehren Vata.
  • Weniger Reize. Lange Reisen, viel Bildschirm, laute Abende und dauernd neue Eindrücke sind nach ayurvedischer Auffassung Wind für das Vata. Ruhepausen über den Tag verteilen, früh ins Bett — vor zehn, siehe Besser schlafen nach Ayurveda.
  • Gesellschaft. Die gemütlichen Abende mit Freunden, das gemeinsame Essen, das Singen — für das Ayurveda gehören sie ausdrücklich zum Winter.

Aus unserem Sortiment

Für die kalte Jahreszeit gibt es in der ayurvedischen Tradition eigene Rezepturen; wir führen Für die kalte Jahreszeit, die Vata Balance, den Vata Tee und den Klassiker Chyavanprash, ein Fruchtmus mit Amalaki, das traditionell im Winter gegessen wird. Das sind Nahrungsergänzungsmittel und Lebensmittel, keine Arzneimittel: Sie behandeln keine Krankheit, und die Lebensweise ersetzen sie nicht.

Was man nicht erwarten sollte

Die Jahreszeitenregeln beschreiben, wie gesunde Menschen nach ayurvedischer Auffassung durch den Winter kommen. Sie schützen nicht vor Erkältungen, Grippe oder Covid, und sie ersetzen keine Impfung und keine Behandlung. Wer an einer Krankheit leidet, schwanger ist oder Medikamente nimmt, bespricht grössere Umstellungen und Präparate vorher mit der Ärztin oder dem Arzt. Was man sich realistisch erhoffen kann: wärmere Füsse, eine Haut, die weniger spannt, und einen Winter, der sich etwas ruhiger anfühlt.

Zum Weiterlesen

Die Jahreszeitenlehre steht ausführlich bei Schrott und Schachinger, «Ayurveda – Grundlagen und Anwendungen», Kapitel Ṛtucaryā, in unserer Bibliothek. Wie man das ganze Jahr nach den Doshas isst, erklärt Essen nach Vata, Pitta und Kapha. Dieser Artikel greift Anregungen aus dem Beitrag «Ayurvedische Empfehlungen für Herbst und Winter» von Amla Natur auf, mit deren freundlicher Genehmigung.