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Baldrian

keiner eigener — westliche Art; Lexikon: bala hrivera, Hindi tagar (wie Tagara, Valeriana jatamansi) · Valeriana officinalis L. · Caprifoliaceae, früher Valerianaceae (Baldriangewächse)
Valerian, Common valerian (Englisch), Valerianae radix, Baldrian, Katzenkraut, Katzenwurzel, Augenwurz, Theriakwurzel, Phu, Stinkwurz, Mondwurzel, Valériane (Französisch), Valeriana (Italienisch); Indischer Baldrian = Tagara

Der Baldrian ist Europas Schlafpflanze und der kleine Bruder von Tagara — scharf, bitter, zusammenziehend, erhitzend, alle drei Doshas senkend nach Nagersheth, schwer, erdend und tamasisch nach dem Lexikon; mit Kommission-E-Monographie, EMA-Status «anerkannte Wirksamkeit» für den Extrakt und Metaanalysen, die bessere Schlafqualität zeigen, aber keine klaren objektiven Masse. Was die westliche und die ayurvedische Lesart sagen, was untersucht wurde, und warum man danach nicht ans Steuer soll.

Zuletzt überprüft: 25. September 2026 · abgeglichen mit Nagersheth, EMA-Monographie, Schrott-Lexikon, Schrott/Ammon, Herbal Reality

Baldrian
Tafel «Valeriana officinalis» aus Hermann Adolph Köhler, Köhlers Medizinal-Pflanzen, Gera-Untermhaus 1887. Gemeinfrei, über Wikimedia Commons; für Vedika monochrom in Waldgrün auf Cream dargestellt.

Traditionelle Verwendung

Der Baldrian ist Europas Schlafpflanze — und im Ayurveda der kleine Bruder von Tagara. Valeriana officinalis, der Arznei-Baldrian mit den weissrosa Doldenblüten und den gefiederten Blättern, wächst an Weg- und Waldrändern von ganz Europa bis Sibirien und Nordkaschmir; verwendet werden das Rhizom mit den Wurzeln (Valerianae radix), deren Geruch nach Isovaleriansäure Katzen anzieht und Menschen abschreckt, und das ätherische Öl. Plinius, Dioskurides und Galen kannten ihn als Phu — harntreibend und menstruationsfördernd; im Mittelalter war er Brust-, Verdauungs- und Augenmittel und Pestprophylaxe, und erst seit Hufeland, Ende des 18. Jahrhunderts, gilt er als das, was er heute ist: das Mittel bei Unruhe und Schlafstörung — das «Lorscher Arzneibuch» des 8. Jahrhunderts ahnte es schon: «allzuviel Schlaf gleicht es mit Wachen aus, bei übermässiger Schlaflosigkeit sorgt es für den entsprechenden Schlaf». Die Wurzel enthält mindestens 0,5 % ätherisches Öl (Bornylacetat, Valerenal), Sesquiterpensäuren (Valerensäure, mindestens 0,17 %, Acetoxyvalerensäure), Valepotriate (bis 2 %, Valtrat, Isovaltrat — flüchtig, je nach Aufarbeitung), Lignane, Flavonoide, Alkaloide (Actinidin) und freie Aminosäuren, darunter GABA — «die Inhaltsstoffe wirken nur in Kombination, nicht allein» (Nagersheth).

Im Ayurveda ist die Wurzel des Himalaya-Baldrians Valeriana jatamansi (syn. V. wallichii) die klassische Droge — Tagara, mit Monographie in der Ayurvedic Pharmacopoeia of India und Versen in der Bhāvaprakāśa. Valeriana officinalis hat keinen eigenen Sanskrit-Namen; das Lexikon und Schrott/Ammon geben bala hrivera, Hindi tagar — dieselben Namen wie für Tagara. Was das Ayurveda über den europäischen Baldrian sagt, sagen die Ayurveda-Ärztinnen und -Ärzte Europas, die ihn nach den Kategorien des dravyaguṇa einordnen.

Was die Tradition sagt

Nach Kalyani Nagersheth (Ayurveda-Medizin mit einheimischen Pflanzen, 2026) schmeckt der Baldrian scharf, bitter und zusammenziehend (kaṭu, tikta, kaṣāya), ist leicht und ölig (laghu, snigdha), erhitzend (uṣṇa) und scharf im vipāka — er senkt alle drei Doshas, und sein prabhāva ist «analgetisch, antikonvulsiv, sedativ» — dieselbe Einordnung, die sie dem Tagara gibt («Inhaltsstoffe: dieselben wie bei Valeriana officinalis»). Sie beschreibt ihn als schmerzstillend, krampflösend, muskelentspannend, beruhigend, angstlösend, schlaffördernd und konzentrationsfördernd, mit Wirkung «häufig erst nach ein- bis zweiwöchiger Einnahme», und nennt als Felder Unruhezustände, nervös bedingte Einschlafstörung, Konzentrationsstörungen, Reizbarkeit, Angstzustände, klimakterische Beschwerden, nervöse Magen-Darm-Beschwerden, nervöses Herzklopfen, Reizblase und Bettnässen, innere Anspannung und psychische Leiden — «vor allem als Tagessedativum bei Unruhezuständen aufgrund starker seelischer Belastung». Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott und Schrott/Ammon ordnen ihn anders ein: bitter, scharf, süss und herb, schwer (guru), erhitzend, scharf im vipāka, Vata stark und Kapha senkend, Pitta bei übermässigem Gebrauch mehrend, tamasisch — «Baldrian wirkt erdend, beruhigt Vata bedingte Nervenstörungen», mit hohem Anteil des Erdelements, «kann bei übermässigem Gebrauch abstumpfend auf geistige Eigenschaften wirken»; Hypnotikum, Sedativum, Nervinum, Spasmolytikum, Karminativum, «besonders beruhigend auf das weibliche Genitalsystem» — für Schlafstörungen, Neuralgien, Migräne, nervöses Zittern, Blähungen, Kolik, Reizdarm, nervösen Husten, Herzklopfen, Muskelverspannungen, Dysmenorrhoe. Schrott und Ammon: Gegenüber dem Indischen Baldrian spielt V. officinalis im Ayurveda eine geringere Rolle, ist aber in der Volksmedizin Nordkaschmirs bekannt und wirkt ähnlich. Was diese Begriffe bedeuten, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.

Die westliche Bewertung ist die stärkste unter den Beruhigungspflanzen: Die Kommission E gab der Baldrianwurzel eine positive Monographie für Unruhezustände und nervös bedingte Einschlafstörungen, und die EMA hat 2016 dem ethanolischen Trockenextrakt den Status well-established use zuerkannt — «zur Linderung leichter nervöser Anspannung und von Schlafstörungen» —, während Tee, Tinktur, Presssaft und wässrige Extrakte als traditionelle Arzneimittel bei leichten Stresssymptomen und als Schlafhilfe gelten.

Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen

Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India, die Bhāvaprakāśa und Sabine Anlikers Lehrbuch führen nur Tagara (V. jatamansi); Zoller und Nordwig ebenso. Das Lexikon und Schrott/Ammon warnen nach Vasant Lad: Grosse Dosen können Lähmungen verursachen, Pitta wird bei übermässigem Gebrauch angeregt, ältere Patienten mit Schlafstörungen reagieren gelegentlich paradox — «sie werden durch Baldrian erregt». Nagersheth: Bei Unterdosierung paradoxe Reaktionen, «Baldrian benötigt einen Spiegel und muss daher regelmässig genommen werden»; Reaktionsfähigkeit beeinträchtigt, durch Alkohol verstärkt; zu Schwangerschaft und Stillzeit keine ausreichenden Studien; Interaktionspotenzial «sehr gering», auch bei Krebspatienten unbedenklich.

Hans H. Rhyner und Birgit Frohn (Heilpflanzen im Ayurveda, 2006) ordnen den Baldrian als leicht, ölig und beweglich (laghu, snigdha, sara) ein, scharf und bitter, erhitzend, scharfer vipāka — ausgleichend auf alle drei Doshas, bei übermässigem Gebrauch Pitta mehrend — wörtlich dieselbe Einordnung wie für Tagara, den Indischen Baldrian. Sie raten, ihn nicht länger als zwei bis drei Wochen am Stück zu nehmen, nicht mit Schlafmitteln zu kombinieren, und geben das ayurvedische Hausmittel gegen Überdosierung weiter: schwarze Weintrauben gegen Schwindel, Schluckauf und Erbrechen.

Forschungslage

Der Baldrian ist die am häufigsten geprüfte pflanzliche Schlafhilfe — mit einem Ergebnis, das je nach Frage anders ausfällt.

Schlaf, Metaanalysen. Bent et al. (2006) werteten 16 randomisierte Studien mit 1093 Personen aus: Unter Baldrian war die Wahrscheinlichkeit, den Schlaf als besser zu erleben, um 80 % höher als unter Placebo (RR 1,8; 95-%-KI 1,2–2,9), doch die Studien waren methodisch schwach und heterogen, und objektive Messwerte (Einschlafzeit, Schlafdauer) besserten sich nicht klar. Fernández-San-Martín et al. (2010) fanden in 18 Studien eine Verbesserung der subjektiven Schlafqualität (RR 1,37), aber keinen Effekt auf quantitative Masse. Nagersheth fasst die Studienlage so: Abnahme der zentralen Hyperreaktivität, Verkürzung der Einschlafzeit, Verbesserung der Schlafqualität und des nächtlichen Aufwachens nach zwei- bis vierwöchiger Einnahme — die EMA sah die Datenlage für den ethanolischen Extrakt als ausreichend an, um ihn als Arzneimittel mit anerkannter Wirksamkeit einzustufen.

Wirkmechanismus. Valerensäure bindet an die β-Untereinheit des GABA-A-Rezeptors und verstärkt die GABA-Wirkung — «in vergleichbarem Mass wie Benzodiazepine» (Nagersheth), aber an anderer Stelle; wässrige Auszüge steigern die GABA-Ausschüttung und hemmen die Wiederaufnahme; Lignane binden an Adenosin- und 5-HT1A-Rezeptoren. Die Wirksamkeit beruht auf dem Zusammenspiel aller Inhaltsstoffe, nicht auf einer Einzelsubstanz (Schrott/Ammon).

Angst, Wechseljahre. Kleine Studien mit gemischten Ergebnissen; für Angststörungen fand eine Cochrane-Review (Miyasaka 2006) nur eine auswertbare Studie ohne Unterschied zu Placebo und Diazepam.

Sicherheit. In den Studien waren Nebenwirkungen nicht häufiger als unter Placebo; kein Hangover am Morgen, keine Abhängigkeit — der Vorteil gegenüber Benzodiazepinen. Leberschäden sind in Einzelfällen bei Kombinationspräparaten beschrieben, nicht sicher dem Baldrian zuzuordnen.

Was fehlt. Grössere Studien mit objektiven Schlafmessungen und standardisierten Extrakten; Daten zu Kindern, Schwangeren und zur Dauereinnahme; Klärung, welcher Inhaltsstoff was tut.

Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Baldrian. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.

Sicherheit

Der Baldrian ist eine milde, gut verträgliche Pflanze — mit den Vorbehalten jeder Beruhigungspflanze.

Reaktionsfähigkeit. Nagersheth und EMA: kann die Fahrtüchtigkeit und das Bedienen von Maschinen beeinträchtigen; Alkohol verstärkt die Wirkung. Nach der Einnahme nicht ans Steuer.

Schwangerschaft, Stillzeit. EMA: keine Daten, Anwendung nicht empfohlen; Nagersheth: keine ausreichenden Studien. Wer schwanger ist oder stillt, bespricht Präparate mit der Fachperson.

Kinder. EMA: nicht unter zwölf Jahren.

Paradoxe Reaktionen. Lexikon, Schrott/Ammon: Ältere reagieren gelegentlich mit Erregung statt Beruhigung; Nagersheth: bei Unterdosierung paradox. Lad: Grosse Dosen können Lähmungen verursachen — eine Warnung aus der Tradition, die die Forschung nicht bestätigt, aber zu massvoller Dosierung mahnt.

Nebenwirkungen. EMA: Übelkeit und Bauchkrämpfe (Häufigkeit unbekannt); Nagersheth: Kopfschmerzen, Schwindel selten. Keine bekannten Wechselwirkungen (EMA); Vorsicht mit anderen Beruhigungsmitteln und Schlafmitteln.

Tamas. Nach dem Lexikon tamasisch — bei übermässigem Gebrauch abstumpfend; Pitta mehrend bei Überdosierung.

Menge. Die EMA nennt 0,3 bis 1 g gepulverte Wurzel als Einzeldosis, bis viermal täglich, 1 bis 3 g als Tee; das Vata Formula Plus enthält 326 mg Baldrian in der Tagesdosis von 4 Kapseln — Rezepturmenge, die Art ist auf der Packung nicht deklariert.

Operation. Baldrian kann die dämpfende Wirkung von Narkose- und Beruhigungsmitteln verstärken. Wer ihn über lange Zeit regelmässig genommen hat, sollte ihn vor einer geplanten Operation nicht abrupt absetzen, sondern in ärztlicher Absprache über einige Wochen ausschleichen, weil ein Fallbericht Entzugssymptome ähnlich wie bei Benzodiazepinen beschreibt; in jedem Fall gehört die Einnahme ins Gespräch mit dem Narkoseteam (Ang-Lee und Kollegen 2001).

Zubereitung und Formen

Die westliche Tradition gibt den Baldrian als Tee (ein Teelöffel auf eine Tasse, kurz aufkochen oder über Nacht kalt ansetzen), Tinktur (ein Teelöffel am Abend), Trockenextrakt in Dragees und Filmtabletten (Tages- und Nacht-Sedativa), Bad und in Kombinationen mit Melisse, Hopfen und Passionsblume; das Ayurveda nimmt 1 bis 2 Teelöffel Wurzelpulver in warmem Wasser (Schrott/Ammon). Im Vedika-Sortiment steht Baldrian in einem Produkt — und der Indische Baldrian in vier weiteren, die das Tagara-Porträt nennt.

In Kapseln von SomaMed: Vata Formula Plus (326 mg Bio-Baldrian in der Tagesdosis von 4 Kapseln, neben Ashwagandha, Shatavari, Melisse, Brahmi, Ingwer, Bockshornklee und Fenchel, mit Vitamin B1 — acht Kräuter aus Ayurveda und europäischer Pflanzenkunde nach der klassischen Vata-Rezeptur; die Baldrian-Art ist nicht deklariert).

Quellen

  • Nagersheth, Kalyani: Ayurveda-Medizin mit einheimischen Pflanzen. Ein Praxisleitfaden. Springer, Berlin 2026, ISBN 978-3-662-71451-5, Kapitel 21.196 Valeriana officinalis, Baldrian, S. 568–569; Kapitel 21.197 Valeriana wallichii, Tagara, S. 569.
  • Schrott E, Ammon HPT: Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Springer, Berlin 2012, Kapitel 9, Valeriana officinalis, S. 322–323.
  • Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Valeriana officinalis — Dravyaguna, Karma, Warnung nach Lad; Valeriana wallichii (Tagara). V. officinalis ist nicht in der Ayurvedic Pharmacopoeia of India (dort Tagara, Vol. I), nicht in der Bhāvaprakāśa, nicht bei Anliker oder Zoller/Nordwig.
  • European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monograph on Valeriana officinalis L., radix. EMA/HMPC/150848/2015, Revision 1, adopted 2 February 2016 (well-established use für den ethanolischen Trockenextrakt; traditionelle Anwendung für die übrigen Zubereitungen). ema.europa.eu
  • Kommission E (BGA/BfArM), Monographie Valerianae radix (Baldrianwurzel), Bundesanzeiger 1985/1990; ESCOP Monographs: Valerianae radix.
  • Bent S, Padula A, Moore D, Patterson M, Mehling W. Valerian for sleep: a systematic review and meta-analysis. American Journal of Medicine 2006; 119(12):1005–1012.
  • Fernández-San-Martín MI, Masa-Font R, Palacios-Soler L, Sancho-Gómez P, Calbó-Caldentey C, Flores-Mateo G. Effectiveness of valerian on insomnia: a meta-analysis of randomized placebo-controlled trials. Sleep Medicine 2010; 11(6):505–511.
  • Miyasaka LS, Atallah AN, Soares BG. Valerian for anxiety disorders. Cochrane Database of Systematic Reviews 2006; (4):CD004515.
  • Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
  • Rhyner HH, Frohn B: Heilpflanzen im Ayurveda. AT Verlag, Baden und München 2006, ISBN 978-3-03800-279-6, Eintrag Baldrian, S. 45–46.
  • Ang-Lee MK, Moss J, Yuan CS. Herbal medicines and perioperative care. JAMA 2001; 286(2): 208–216. doi:10.1001/jama.286.2.208
  • Herbal Reality: Monographie Valerian (Valeriana officinalis), zuletzt überprüft 20.03.2026. herbalreality.com

Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.

Präparate mit Baldrian

Ein Verzeichnis, keine Empfehlung. Was ein Präparat enthält, steht auf seiner Seite unter «Inhalt».