← Wissen

Pflanze · Medhya · Mānasadoṣahara · Nerven · Schlaf

Tagara

tagara; kālānusārī («der Zeit folgend»), nata («gebeugt»), kuṭila, nahuṣa · Valeriana jatamansi Jones (Syn. Valeriana wallichii DC.) · Caprifoliaceae, Unterfamilie Valerianoideae (früher Valerianaceae, Baldriangewächse)
Tagar, Mushkbala, Sugandhbala (Hindi), Indian Valerian (Englisch), Indischer Baldrian, Thakaram (Malayalam), Tagarai (Tamil), Nicht zu verwechseln: Jaṭāmāṃsī (Nardostachys jatamansi) und Europäischer Baldrian (Valeriana officinalis)

Tagara ist der Indische Baldrian — bitter-scharf-herb, leicht und ölig, erhitzend, alle drei Doshas senkend, die Pflanze für Geist, Schlaf und Anfallsleiden in den klassischen Ölen und Schlafrezepturen. Was die Tradition sagt, was der europäische Baldrian an Evidenz mitbringt und Tagara selbst nicht, und wo die Überdosis beginnt.

Zuletzt überprüft: 11. September 2026 · abgeglichen mit API, Anliker, Schrott-Lexikon, Zoller/Nordwig, Schrott/Ammon

Tagara
Tafel 511 «A – Valeriana wallichii, DC.; B – Valeriana officinalis» aus Kanhoba Ranchoddas Kirtikar und Baman Das Basu, Indian Medicinal Plants, Plates Band III, Allahabad 1918. Gemeinfrei, über Wikimedia Commons; für Vedika monochrom in Waldgrün auf Cream dargestellt.

Traditionelle Verwendung

Tagara ist der Indische Baldrian — Valeriana wallichii (heute meist Valeriana jatamansi Jones), ein behaartes, mehrjähriges Kraut aus der Familie der Baldriangewächse mit herzförmigen Grundblättern und rosaweissen Blütendolden, das im gemässigten Himalaya von Kaschmir bis Bhutan und in den Khasi-Bergen bis auf 3000 m wächst. Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India beschreibt Tagara in Vol. I (Monographie 69) als das im Herbst gegrabene, gewaschene und getrocknete Rhizom mit Ausläufern und wenig Wurzel — 4 bis 8 cm lang, gelbbraun, mit dem typischen Baldriangeruch; als Inhaltsstoffe nennt sie das ätherische Öl mit Estern der Isovaleriansäure, dazu die Valepotriate und Sesquiterpene. Die Sanskrit-Namen kālānusārī («der Zeit folgend»), nata («gebeugt») und der Hindi-Name mushkbala («Moschuswurzel») beschreiben Wuchs und Geruch; tagara selbst ist ein altes Wort, das auch für ein Duftholz und für Tabernaemontana steht — die Identität war lange umstritten.

Was die Tradition sagt

Tagara schmeckt bitter, scharf und herb (tikta, kaṭu, kaṣāya), ist leicht und ölig (laghu, snigdha), erhitzend (uṣṇa) und hat scharfen vipāka — und senkt alle drei Doshas. Sein Karma nach der Pharmakopöe: tridoṣahara, viṣaghna (gegen Gift), raktadoṣahara (Blutverunreinigung beseitigend) und mānasadoṣahara (Störungen des Geistes beseitigend). Die Anwendungsfelder heissen apasmāra (Anfallsleiden, Epilepsie), unmāda (Geistesverwirrung), śiroroga (Kopfleiden) und netraroga (Augenleiden). Dosis 1 bis 3 g Pulver; klassische Zubereitungen sind Dhānvantara Taila, Mahānārāyaṇa Taila, Devadārvādyariṣṭa und Jātīphalādi Cūrṇa. Was diese Begriffe bedeuten und warum sie sich nicht in moderne Diagnosen übersetzen lassen, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.

Die Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu (Karpūrādi-varga, Verse 28–29) kennt zwei Tagara — tagara mit den Namen kālānusārya, kuṭila, nahuṣa, nata und piṇḍatagara (daṇḍahastī, barhiṇa) — und gibt beiden dasselbe Profil: erhitzend, wohlschmeckend, ölig, leicht; sie vertrieben Gift, apasmāra, Augenleiden und alle drei Doshas. Bei Caraka steht Tagara in den Rezepturen gegen apasmāra (Cikitsāsthāna 10) und im Sūtrasthāna unter den Drogen für den Geist; in den grossen Ölen — Mahānārāyaṇa, Dhānvantara — ist es die duftende Nervenkomponente. Die Tradition gibt Tagara als Pulver mit Honig oder Ghee, als Nasenöl bei Kopfleiden und in den Schlafrezepturen mit Jaṭāmāṃsī, Brahmi und Aśvagandhā.

Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen

Sabine Anlikers Lehrbuch für die Höhere Fachprüfung (Kapitel 68) folgt der Pharmakopöe in Steckbrief, Karma und Anwendungsfeldern (mit den Belegstellen Caraka Sū. 19.3, Ci. 10.9–12 und Suśruta Ut. 61.7 für apasmāra), gibt als Dosis 1 bis 3 g Pulver zweimal täglich, als Droge die Wurzel — und als Nebenwirkungen: Überdosierung führt zu Schwindel, Schluckauf und Erbrechen («was durch Weintrauben beseitigt werden kann»); ältere Menschen mit Schlafstörungen reagieren gelegentlich paradox und werden durch Baldrian erregt; keine Kontraindikationen. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott führt Valeriana wallichii als Medhya-Rasāyana, Sedativum, Hypnotikum, Augentonikum, Spasmolytikum und Antihypertonikum mit 55 klassischen Zubereitungen — und daneben den europäischen Baldrian V. officinalis als «erdend», tamasisch, mit Vasant Lads Warnung vor Lähmungen in grossen Dosen. Schrott und Ammon vergleichen beide: V. wallichii sei die ayurvedische Art, V. officinalis spiele «eine geringere Rolle», mit ähnlichen Wirkungen — und stellen dem die westliche Baldrianwurzel gegenüber, mit ihrer belegten Anwendung bei Unruhe und Einschlafstörungen. Zoller und Nordwig geben Tagara als «Hirntonikum», Vata und Kapha senkend, 1 bis 3 g Pulver, die Paste bei Schmerzen und Knochenbrüchen, den heissen Aufguss zur Wundreinigung — und dieselbe Warnung vor Schwindel, Schluckauf und Erbrechen bei Überdosis.

Hans H. Rhyner und Birgit Frohn (Heilpflanzen im Ayurveda, 2006): leicht, ölig und beweglich (sara), scharf und bitter, erhitzend, scharfer vipāka — ausgleichend auf alle drei Doshas, bei übermässigem Gebrauch Pitta mehrend; die Nighaṇṭus unterscheiden Tagara und Piṇḍatagara, und Tagara steckt in vielen klassischen Ölen wie Dhanvantara Thaila, Eladi Thaila und Balaguducyadi Thaila.

Forschungslage

Tagara profitiert vom Ruf seines europäischen Bruders — und hat selbst kaum eigene Studien.

Baldrian in Europa. Valeriana officinalis trägt eine EMA-Monographie (EMA/HMPC/150848/2015, 2016) mit anerkannter Anwendung («well-established use») bei leichter nervöser Anspannung und Schlafstörungen — eine der wenigen Heilpflanzen mit diesem Status. Die Datenlage dahinter ist allerdings gemischt: Metaanalysen zeigen für Baldrian bei Schlafstörungen kleine, uneinheitliche Effekte auf die subjektive Schlafqualität und keine sicheren auf objektive Messgrössen.

Tagara selbst. Valeriana jatamansi enthält teils andere Inhaltsstoffe als V. officinalis — mehr Valepotriate, andere Sesquiterpene —, und die Ergebnisse lassen sich nicht einfach übertragen. Jugran et al. (2019) haben die Literatur zusammengefasst: im Labor und im Tierversuch sedierend, angstlösend, antidepressiv, antioxidativ, dazu die Verwechslungen in der botanischen Zuordnung vieler Arbeiten. Am Menschen gibt es kleine indische Studien: Toolika et al. (2015) verglichen Tagara und Jatamansi bei primärer Schlaflosigkeit (anidrā) und fanden bei beiden Besserung — ohne Placebo, mit kleinen Fallzahlen. Nisar et al. (2026) beschreiben die chemische Variabilität zwischen Herkünften als Hindernis für jede Standardisierung.

Was fehlt. Placebokontrollierte Studien mit standardisiertem Tagara-Extrakt; Daten zur Dauereinnahme.

Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Tagara. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.

Sicherheit

Tagara ist eine milde Droge — die Regeln des Baldrians gelten auch hier.

Überdosis. Anliker und Zoller/Nordwig übereinstimmend: Schwindel, Schluckauf, Erbrechen; bei der Pharmakopöe-Dosis von 1 bis 3 g bleiben.

Paradoxe Wirkung. Ältere Menschen mit Schlafstörungen können auf Baldrian mit Unruhe statt Ruhe reagieren (Anliker, Schrott/Ammon) — dann absetzen.

Fahrtüchtigkeit, Alkohol, Sedativa. Wie beim europäischen Baldrian: kann müde machen; nicht mit Alkohol, Schlaf- oder Beruhigungsmitteln kombinieren, vor dem Autofahren beachten (EMA-Monographie Baldrian).

Schwangerschaft, Stillzeit, Kinder. Die EMA rät für Baldrianwurzel von der Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit ab und nicht unter 12 Jahren — mangels Daten; für Tagara gilt dasselbe.

Valepotriate. V. jatamansi enthält mehr Valepotriate als der europäische Baldrian; sie sind im Labor zellschädigend, zerfallen aber beim Trocknen und Lagern rasch — für Pulver und wässrige Auszüge ohne belegte Bedeutung, ein Grund mehr für massvolle Dosen.

Menge. In den Vedika-Präparaten steht Tagara als Extrakt in Rezepturmengen — in NIGHTcare als zweite Zutat (30 %), sonst als Nebenzutat; Vata Formula Plus enthält 326 mg «Baldrian» je Tagesdosis ohne Artangabe.

Zubereitung und Formen

Die Pharmakopöe nennt 1 bis 3 g Pulver, die Tradition gibt Tagara mit Honig oder Ghee, in den Nerven-Ölen und in den Schlafrezepturen. Im Vedika-Sortiment steht Tagara in vier Präparaten.

In Kapseln von Classic Ayurveda: NIGHTcare (Indischer-Baldrian-Extrakt 30 % als zweite Zutat nach Ashwagandha, mit Brahmi und Mandukaparni — die Rezeptur für den Abend).

In Rezepturen von Maharishi Ayurveda: Studenten-Rasayana (79 mg Valeriana wallichii, mit Shankhapushpi, Gotu Kola, Ashwagandha und Fenchel).

Mit europäischem Baldrian: Vata Formula Plus (SomaMed; 326 mg Baldrian je Tagesdosis neben Ashwagandha, Shatavari, Melisse und Brahmi — die Art ist nicht deklariert).

Äusserlich: Pirant Balm, Bio (Valeriana wallichii-Wurzelextrakt).

Quellen

  • The Ayurvedic Pharmacopoeia of India, Part I, Vol. I, Monographie 69 Tagara (Rhizom), S. 186–188. Ministry of AYUSH. pcimh.gov.in
  • Bhāvaprakāśa Nighaṇṭu, Karpūrādi-varga, Verse 28–29 (Tagara, Piṇḍatagara; Nr. 13). Ausgabe Chunekar/Pandey, Chaukhambha Bharati Academy, Varanasi 2002, Buch-S. 199–200 (Teil 1, PDF-S. 108).
  • Caraka Saṃhitā, Sūtrasthāna 19.3, Cikitsāsthāna 10.9–12 (apasmāra); Suśruta Saṃhitā, Uttaratantra 61.7. Nach Anliker.
  • Anliker, Sabine: Heilpflanzen Ayurveda Medizin. 3. Auflage, Trägerorganisation Ayurveda CH, 2023, ISBN 978-3-033-08908-2, Kapitel 68 Tagara, S. 155–156 — mit Verweis auf API Vol. I, Zoller/Nordwig und Schrott/Ammon.
  • Ayurvedisches Heilpflanzen-Lexikon (Dr. Ernst Schrott, AyurVeda AG): Valeriana wallichii — Dravyaguna, Karma, 55 Zubereitungen; Valeriana officinalis.
  • Schrott E, Ammon HPT. Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Eine Gegenüberstellung. Springer, Berlin/Heidelberg 2012, Kapitel 9, Valeriana officinalis, S. 322–323 (mit Abgrenzung zu V. wallichii).
  • Zoller A, Nordwig H. Heilpflanzen der Ayurvedischen Medizin. Ein praktisches Handbuch. Haug, Stuttgart 1997 (5. Auflage Narayana 2026) — Valeriana jatamansi.
  • European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monograph on Valeriana officinalis L., radix. EMA/HMPC/150848/2015, Revision 1, 2016. ema.europa.eu
  • Jugran AK, Rawat S, Bhatt ID, Rawal RS. Valeriana jatamansi: An herbaceous plant with multiple medicinal uses. Phytotherapy Research 2019; 33(3):482–503.
  • Toolika E, et al. A comparative clinical study on the effect of Tagara (Valeriana wallichii DC.) and Jatamansi (Nardostachys jatamansi DC.) in the management of Anidra (primary insomnia). AYU 2015; 36(1):46 ff. DOI 10.4103/0974-8520.169008.
  • Nisar S, et al. Chemotypic diversity and neuroactive potential of Valeriana jatamansi Jones: a systematic review on phytochemistry, pharmacology and standardisation challenges. Natural Product Research 2026 (online).
  • Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
  • Rhyner HH, Frohn B: Heilpflanzen im Ayurveda. AT Verlag, Baden und München 2006, ISBN 978-3-03800-279-6, Eintrag Tagara, S. 201–202.

Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.

Präparate mit Tagara

Ein Verzeichnis, keine Empfehlung. Was ein Präparat enthält, steht auf seiner Seite unter «Inhalt».