Melisse
keiner — westliche Pflanze; griechisch mélissa, «Biene» · Melissa officinalis L. · Lamiaceae (Lippenblütler)
Lemon balm, Balm (Englisch), Melissae folium, Zitronenmelisse, Bienenkraut, Bienensaug, Herztrost, Honigblum, Mutterkraut, Zitronenkraut, Mélisse (Französisch), Melissa (Italienisch)
Die Melisse ist Europas Beruhigungskraut — sauer, süss und bitter, ölig, weder heiss noch kalt, alle drei Doshas ausgleichend, wie die europäischen Ayurveda-Ärztinnen sie einordnen; mit Kommission-E- und EMA-Monographie und kleinen Studien zu Stress, Schlaf und Herpes. Was die westliche und die ayurvedische Lesart sagen, was untersucht wurde, und wie sie im Vata Formula Plus zwischen Ashwagandha und Baldrian steht.
Zuletzt überprüft: 25. September 2026 · abgeglichen mit Nagersheth, EMA-Monographie, Schrott-Lexikon, Schrott/Ammon, Herbal Reality
Traditionelle Verwendung
Die Melisse ist Europas Beruhigungskraut — und keine Pflanze des klassischen Ayurveda. Melissa officinalis, die Zitronenmelisse, ist der zitronig duftende Lippenblütler aus dem östlichen Mittelmeerraum, den die Griechen nach der Biene benannten (mélissa; Bienenkraut, Bienensaug, Honigblum), Dioskurides und Plinius kannten, Ibn Sīnā «zur Erheiterung des Herzens» empfahl und die Karmeliter im 17. Jahrhundert als Melissengeist destillierten — Hildegard von Bingen, Paracelsus und die Klostergärten machten sie zur Hausapotheke. Die Nighaṇṭus kennen sie nicht; einen Sanskrit-Namen hat sie nicht. Verwendet werden die vor der Blüte geernteten Blätter, das Kraut und das kostbare ätherische Öl: Die Blätter enthalten nur 0,05 % ätherisches Öl (Citronellal, Citral), aber reichlich Lamiaceen-Gerbstoffe — Rosmarinsäure ist die Leitsubstanz, «mehr als im Rosmarin» —, Flavonoide, Phenolcarbonsäuren, Bitterstoffe und Triterpensäuren. Was das Ayurveda über die Melisse sagt, sagen die Ayurveda-Ärztinnen und -Ärzte Europas, die einheimische Pflanzen nach den Kategorien des dravyaguṇa einordnen.
Was die Tradition sagt
Nach Kalyani Nagersheth (Ayurveda-Medizin mit einheimischen Pflanzen, 2026) schmeckt die Melisse sauer, süss und bitter (amla, madhura, tikta), ist ölig (snigdha), «nicht heiss, nicht kalt» im vīrya und scharf im vipāka — und wirkt ausgleichend auf alle drei Doshas: eine der wenigen Pflanzen, die Nagersheth ohne Dosha-Vorbehalt einordnet; die Bitterstoffe geben den bitteren Geschmack, «die weiteren Einteilungen ergeben sich aus den Zusammenhängen». Sie beschreibt die Melisse als beruhigend, äusserlich belebend, entblähend, krampflösend, karminativ, schwach antibakteriell, virustatisch, schweisstreibend, sedativ und schlafanstossend — die Sesquiterpene des Öls überwinden die Blut-Hirn-Schranke — und nennt als Felder Magen und Galle, nervöse Herzbeschwerden, nervöse Einschlafstörungen, funktionelle Magen-Darm-Beschwerden, Herpes-simplex-Infektionen, Regelschmerzen und Kopfschmerzen, äusserlich Nerven- und Muskelschmerzen; Nebenwirkungen: keine bekannt. Ihre Rezepte sind die der westlichen Tradition: zwei Teelöffel auf eine Tasse, fünf Minuten zugedeckt, zwei bis drei Tassen täglich; 100 g Blätter auf einen Liter für das Bad; das Schlafkissen; Waschungen; Salate, Kräuterlimonaden, Sirup. Das Heilpflanzen-Lexikon von Dr. Schrott führt die Melisse nicht; Schrott und Ammon nennen die Melissenblätter in Teemischungen bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden, den Melissengeist unter den Verdauungstropfen und die Melisse als Partnerin des Baldrians in Kombinationspräparaten. Was diese Begriffe bedeuten, erklärt der Artikel Wie das Ayurveda Krankheit denkt.
Die westliche Bewertung: Die Kommission E gab den Melissenblättern eine positive Monographie für nervös bedingte Einschlafstörungen und funktionelle Magen-Darm-Beschwerden; die EMA führt seit 2007 eine Monographie Melissae folium (Fassung 2013): traditionell angewendet zur Linderung leichter Stresssymptome und als Schlafhilfe sowie bei leichten Verdauungsbeschwerden mit Blähungen — für Erwachsene und Kinder ab zwölf Jahren, ohne bekannte Nebenwirkungen.
Was Lehrbuch und Lexikon ergänzen
Die Ayurvedic Pharmacopoeia of India, die Bhāvaprakāśa, Sabine Anlikers Lehrbuch, das Lexikon und Zoller/Nordwig kennen die Melisse nicht. Im Vata Formula Plus steht sie in der Mitte einer klassischen Vata-Rezeptur — neben Ashwagandha, Shatavari, Brahmi und Baldrian, die beruhigende, ölige, Vata senkende Pflanze Europas zwischen den indischen.
Hans H. Rhyner und Birgit Frohn (Heilpflanzen im Ayurveda, 2006) ordnen die Melisse anders ein als Nagersheth: leicht, scharf und süss, mild erhitzend, scharfer vipāka — «gleicht alle drei Doshas aus, am stärksten jedoch Pitta»; keine Nebenwirkungen bei bestimmungsgemässem Gebrauch, sinnvoll in Kombination mit anderen beruhigenden und karminativen Drogen. Rezepte: 2 bis 3 Teelöffel auf eine Tasse, 100 g Blätter auf einen Liter für das Vollbad.
Forschungslage
Die Melisse ist am Menschen kleiner, aber sauber untersucht — für Stimmung, Stress, Schlaf und Herpes.
Stress und Stimmung. Kennedy et al. (2004) gaben 18 gesunden Erwachsenen Einzeldosen von 300 und 600 mg standardisiertem Melissenextrakt vor einem Laborstress-Test: 600 mg dämpften die negative Stimmung und erhöhten die selbst berichtete Ruhe gegenüber Placebo, 300 mg beschleunigten das Rechnen — eine kleine, akute Studie, die an frühere Dosisstudien derselben Gruppe (Kennedy 2002) anschliesst. Cases et al. (2011) fanden in einer offenen Pilotstudie mit 20 Personen mit leichter Angst und Schlafstörung nach 15 Tagen Melissenextrakt (600 mg täglich) weniger Angst und bessere Schlafwerte — ohne Placebogruppe.
Alzheimer. Akhondzadeh et al. (2003) verglichen bei 42 Patientinnen und Patienten mit leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz vier Monate lang Melissenextrakt (60 Tropfen täglich) mit Placebo: Die kognitiven Werte (ADAS-cog, CDR) waren unter Melisse besser, die Unruhe geringer — eine kleine Studie, die nicht wiederholt wurde.
Herpes. Koytchev et al. (1999) fanden bei 66 Patienten mit wiederkehrendem Lippenherpes unter einer Melissencreme (Lo-701) eine schnellere Abheilung als unter Placebo — die Grundlage der Melissensalbe, die auch Nagersheth nennt; die Rosmarinsäure und die Gerbstoffe hemmen im Labor das Anheften des Virus.
Wirkmechanismus. Rosmarinsäure hemmt im Labor die GABA-Transaminase (mehr GABA, das beruhigende Signal des Gehirns); Extrakte binden an Nikotin- und Muskarinrezeptoren (Kennedy 2003) — plausible Erklärungen für Beruhigung und Kognition, am Menschen nicht bewiesen.
Was fehlt. Grössere, placebokontrollierte Studien zu Schlaf und Angst; Standardisierung (Tee, Extrakt, Öl sind verschiedene Drogen); Daten zur Dauereinnahme.
Was die Forschung nicht hergibt. Es gibt keine in der Schweiz zugelassene gesundheitsbezogene Aussage für Melisse. Dieses Porträt berichtet, was untersucht wurde; es sagt nicht, was ein Produkt tut. Wie man solche Studien liest, erklärt der Artikel Wie man eine Studie liest.
Sicherheit
Die Melisse gehört zu den verträglichsten Heilpflanzen Europas — Küchenkraut, Teekraut, Badekraut.
Nebenwirkungen. Nagersheth: keine bekannt; die EMA hat bei der Bewertung keine gemeldeten Nebenwirkungen gefunden. In einer placebokontrollierten Studie mit 323 älteren Menschen, die 96 Wochen lang einen Melissenextrakt mit 500 mg Rosmarinsäure täglich einnahmen, unterschieden sich Vitalzeichen sowie körperliche und neurologische Befunde nicht von Placebo (Noguchi-Shinohara und Kollegen 2023).
Schwangerschaft, Stillzeit. EMA: Sicherheit nicht belegt, Anwendung von Arzneimitteln nicht empfohlen — als Tee und Küchenkraut üblich. Das Vata Formula Plus trägt keinen Hinweis für Schwangere; wer schwanger ist oder stillt, bespricht Präparate mit der Fachperson.
Kinder. EMA: ab zwölf Jahren.
Schilddrüse. Melissenextrakte hemmen im Labor die Bindung von TSH an seinen Rezeptor — ein Befund aus Zellversuchen, der zur Vorsicht bei Schilddrüsenerkrankungen und Schilddrüsenmedikation rät, klinisch aber nicht belegt ist.
Müdigkeit. Als beruhigende Pflanze kann die Melisse in Drogendosis schläfrig machen — in Kombination mit Baldrian, wie im Vata Formula Plus, auf die Reaktionsfähigkeit achten.
Menge. Die EMA nennt 1,5 bis 4,5 g Droge als Tee, ein- bis dreimal täglich; das Vata Formula Plus enthält 326 mg Melissenblätter in der Tagesdosis von 4 Kapseln — Rezepturmenge.
Zubereitung und Formen
Die westliche Tradition gibt die Melisse als Tee (zwei Teelöffel auf eine Tasse), als Melissengeist (Karmelitergeist, mit Alkohol), als Bad, Salbe (Herpes), Schlafkissen, Sirup und Küchenkraut; im Ayurveda Europas ist sie die tridoshische Beruhigungspflanze. Im Vedika-Sortiment steht Melisse in einem Produkt.
In Kapseln von SomaMed: Vata Formula Plus (326 mg Bio-Melissenblätter in der Tagesdosis von 4 Kapseln, neben Ashwagandha, Shatavari, Baldrian, Brahmi, Ingwer, Bockshornklee und Fenchel, mit Vitamin B1 — acht Kräuter aus Ayurveda und europäischer Pflanzenkunde nach der klassischen Vata-Rezeptur).
Quellen
- Nagersheth, Kalyani: Ayurveda-Medizin mit einheimischen Pflanzen. Ein Praxisleitfaden. Springer, Berlin 2026, ISBN 978-3-662-71451-5, Kapitel 21.118 Melissa officinalis, Melisse, S. 468–469.
- Schrott E, Ammon HPT: Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Springer, Berlin 2012 (Melissenblätter in Teemischungen; Melissengeist; Kombinationen mit Baldrian). Melisse ist nicht in der Ayurvedic Pharmacopoeia of India, nicht in der Bhāvaprakāśa, nicht bei Anliker, im Lexikon oder bei Zoller/Nordwig.
- European Medicines Agency, HMPC: European Union herbal monograph on Melissa officinalis L., folium. EMA/HMPC/196745/2012, adopted 5 August 2013 (Erstfassung 2007). ema.europa.eu
- Kommission E (BGA/BfArM), Monographie Melissae folium (Melissenblätter), Bundesanzeiger 1984/1990; ESCOP Monographs: Melissae folium.
- Kennedy DO, Scholey AB, Tildesley NTJ, Perry EK, Wesnes KA. Modulation of mood and cognitive performance following acute administration of Melissa officinalis (lemon balm). Pharmacology Biochemistry and Behavior 2002; 72(4):953–964.
- Kennedy DO, Little W, Scholey AB. Attenuation of laboratory-induced stress in humans after acute administration of Melissa officinalis (lemon balm). Psychosomatic Medicine 2004; 66(4):607–613.
- Akhondzadeh S, Noroozian M, Mohammadi M, Ohadinia S, Jamshidi AH, Khani M. Melissa officinalis extract in the treatment of patients with mild to moderate Alzheimer's disease: a double blind, randomised, placebo controlled trial. Journal of Neurology, Neurosurgery and Psychiatry 2003; 74(7):863–866.
- Cases J, Ibarra A, Feuillère N, Roller M, Sukkar SG. Pilot trial of Melissa officinalis L. leaf extract in the treatment of volunteers suffering from mild-to-moderate anxiety disorders and sleep disturbances. Mediterranean Journal of Nutrition and Metabolism 2011; 4(3):211–218.
- Koytchev R, Alken RG, Dundarov S. Balm mint extract (Lo-701) for topical treatment of recurring Herpes labialis. Phytomedicine 1999; 6(4):225–230.
- Swissmedic: Anhang 9 KPAV (Standardwerke) und Anhang 10 (Liste TAS), Stand 1.7.2023. swissmedic.ch
- Rhyner HH, Frohn B: Heilpflanzen im Ayurveda. AT Verlag, Baden und München 2006, ISBN 978-3-03800-279-6, Eintrag Melisse, S. 114–115.
- Noguchi-Shinohara M, Hamaguchi T, Sakai K, Komatsu J, Iwasa K, Horimoto M, Nakamura H, Yamada M, Ono K. Effects of Melissa officinalis Extract Containing Rosmarinic Acid on Cognition in Older Adults Without Dementia: A Randomized Controlled Trial. Journal of Alzheimer's Disease 2023; 91(2): 805–814. doi:10.3233/JAD-220953
- Herbal Reality: Monographie Lemon Balm (Melissa officinalis), zuletzt überprüft 02.03.2026. herbalreality.com
Dieses Porträt beschreibt eine Pflanze, nicht ein bestimmtes Produkt. Es ersetzt keine ärztliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind keine Arzneimittel und behandeln keine Krankheit.
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