Die Haut zeigt, wie es uns geht: Sie spannt nach einem Tag in trockener Büroluft, wird fahl nach einer kurzen Nacht, rötet sich bei Hitze und Ärger, reagiert mit Pickeln, wenn man ihr zu viele Produkte zumutet. Die Kosmetikindustrie fragt meist, welcher Makel weg soll. Das Ayurveda fragt etwas anderes: Was braucht diese Haut, bei diesem Menschen, in diesem Moment? Diese Seite erklärt, wie die Tradition die Haut liest und was daraus für Pflege und Ernährung folgt.
Die Haut im ayurvedischen Modell
Die Haut (tvak) ist im Ayurveda kein eigenes Gewebe, sondern ein «Nebengewebe» (upadhātu) des Muskelgewebes; ihre Feuchtigkeit und ihr Glanz hängen von der Gewebeflüssigkeit (rasa) ab, ihre Farbe vom Blut (rakta). In der Haut sitzt ein eigener Teil des Pitta, bhrājaka pitta, «das glänzen lassende Pitta»: Es gibt der Haut Wärme, Farbe und Ausstrahlung und verarbeitet nach der Lehre auch, was man auf die Haut aufträgt — deshalb nimmt das Ayurveda Öle und Pasten auf der Haut so ernst. Die Leber gilt als Sitz des blutbildenden Pitta, die Verdauung als Quelle der Gewebe. Daraus ergibt sich der Grundsatz der ayurvedischen Hautpflege: Was auf der Haut erscheint, beginnt oft innen — bei der Verdauung, beim Blut, beim Schlaf, beim Gemüt.
Für das, was eine gesunde Haut von innen leuchten lässt, hat das Ayurveda einen eigenen Begriff: ojas, die feinste Essenz gut genährter Gewebe (siehe Wie das Ayurveda Krankheit denkt). Ojas lässt sich nicht messen; gemeint ist der Eindruck von Frische, Ruhe und Lebendigkeit, den manche Gesichter ausstrahlen, unabhängig von Alter und Falten.
Konstitution und Zustand
Die Einteilung in Vata-, Pitta- und Kapha-Haut ist nützlich, solange man sie nicht als Etikett nimmt. Das Ayurveda unterscheidet die angeborene Konstitution (prakṛti) vom augenblicklichen Zustand (vikṛti), und bei der Haut fallen die beiden oft auseinander: Eine von Natur aus kräftige, feuchte Kapha-Haut kann im Januar trocken sein; eine zarte Vata-Haut reagiert unter Druck plötzlich mit Rötungen; die T-Zone kann glänzen, während die Wangen spannen. Wichtiger als der Typ ist deshalb der Befund des Tages: Spannt sie, glänzt sie, ist sie gerötet?
Vata-Haut: fein, trocken, schutzbedürftig
Im Gleichgewicht fein, zart, feinporig. Aus dem Gleichgewicht: trocken, rau, schuppig, spannend, früh feine Trockenheitsfältchen, ein müder, matter Teint, empfindlich gegen Kälte, Wind und Heizungsluft, wechselnde Verträglichkeit von Produkten.
Was sie braucht: Schutz und Beständigkeit. Mild und rückfettend reinigen, lauwarm statt heiss waschen, nicht rubbeln, wenige Produkte, die man lange beibehält. Feuchtigkeit und Fett zusammen: erst etwas Wasserhaltiges, dann Creme oder einige Tropfen Öl. Die tägliche Ölmassage mit Sesam- oder Mandelöl ist für Vata-Haut die wichtigste Massnahme der Tradition.
Auf dem Teller: warm, regelmässig, saftig, mit gutem Fett — Suppen, Wurzelgemüse, Getreidebrei, Ghee, Mandeln, genug Flüssigkeit.
Pitta-Haut: warm, lebhaft, schnell gereizt
Im Gleichgewicht gut durchblutet, warm, leuchtend. Aus dem Gleichgewicht: Rötungen, Hitzegefühl, Empfindlichkeit gegen Sonne und Duftstoffe, entzündliche Unreinheiten, Sommersprossen und Pigmentflecken.
Was sie braucht: Ruhe und Kühle. Wenige, milde Produkte ohne viele Duftstoffe; Sonnenschutz; kein heisses Wasser, keine Sauna im Übermass. Die Tradition schätzt für Pitta-Haut Aloe vera, Rosenwasser, Kokosöl und Sandelholz. Auch Pflanzliches kann reizen; neue Produkte daher erst einige Tage an einer kleinen Stelle, etwa in der Armbeuge, testen.
Auf dem Teller: mild statt scharf — grünes Gemüse, Gurke, Reis, süsse Früchte, Koriander, Fenchel, Kardamom; weniger Chili, Alkohol, Kaffee, Saures und Frittiertes.
Kapha-Haut: kräftig, ölig, manchmal zu schwer
Im Gleichgewicht dick, weich, gut gepolstert, faltet spät. Aus dem Gleichgewicht: glänzend, grossporig, Mitesser, unterlagerte Unreinheiten, ein blasser, schwerer Teint, das Gefühl, dass reichhaltige Cremes obenauf liegen.
Was sie braucht: gründliche, aber milde Reinigung und leichte Texturen. Nicht mit scharfen Reinigern völlig entfetten — auch ölige Haut kann zu wenig Feuchtigkeit haben und reagiert auf zu viel Reinigung mit mehr Talg. Ein leichtes Gel oder Serum statt schwerer Creme; Öl sparsam. Ein Gesichtsdampfbad oder eine Maske mit Heilerde einmal die Woche.
Auf dem Teller: leicht und warm, viel Gemüse, Hülsenfrüchte, anregende Gewürze; weniger Süsses, Käse, Frittiertes und Milchprodukte.
Was der Haut auf dem Teller gefällt
Ein einzelnes Superfood macht keine schöne Haut. Die ayurvedischen Quellen nennen für die Haut aber immer wieder ähnliche Lebensmittel: saftige, süsse Früchte wie Granatapfel, Trauben, Feigen, Melone, Rosinen; grünes und bitteres Gemüse wie Spinat, Mangold, Chicorée, Artischocke; Gurke, Zucchetti, Randen, Karotten; Reis, Hirse, Gerste, Mungbohnen; Mandeln, Ghee, Olivenöl; als Gewürze Kurkuma, Safran, Kardamom, Koriander, Kreuzkümmel und Fenchel. Dazu genug Wasser und genug Schlaf. Das deckt sich gut mit dem, was die Ernährungswissenschaft einer gesunden Haut zuträgt: viel Gemüse und Obst, wenig Zucker und stark verarbeitete Lebensmittel.
Pflanzen der Tradition
Einige Pflanzen begegnen in der ayurvedischen Hautpflege immer wieder. Manjistha, die indische Färberkrappwurzel, gilt als die Pflanze des Blutes (rakta) und der Haut schlechthin. Niem ist das bittere, «klärende» Kraut. Kurkuma wird innerlich und äusserlich verwendet, Amalaki als kühlendes Rasāyana, Guduchi und Süssholz in vielen Hautrezepturen. Unsere Porträts beschreiben jede mit Tradition, Forschungslage und Vorsichtshinweisen. Rezepturen mit solchen Pflanzen sind etwa SKINcare (Manjistha, Guduchi, Amla, Kurkuma, Süssholz, Tulsi mit Zink — Zink trägt zur Erhaltung normaler Haut bei), AyurSkin Beauty und Radiant Skin. Für die Pflanzen gibt es keine zugelassenen Gesundheitsaussagen.
Öle, die mit Kräutern gekocht sind
Eine Besonderheit der ayurvedischen Pflege sind medizinische Öle (taila). Kräuter werden zu einem Sud gekocht, der Sud mit Öl und oft einer Kräuterpaste vermischt und so lange erhitzt, bis alles Wasser verdampft ist. Das Öl hat dann nach der Lehre die Eigenschaften der Kräuter aufgenommen. Das Verfahren (taila pāka) ist in den Klassikern genau beschrieben, mit Stufen für die richtige Konsistenz — ein Handwerk, das sich vom blossen Beimischen eines Extrakts deutlich unterscheidet.
Was man nicht erwarten sollte
Die ayurvedische Hautlehre ist ein Modell der Tradition, kein dermatologisches. Akne, Rosazea, Neurodermitis, Schuppenflechte, Ekzeme, Pigmentveränderungen und jedes Muttermal, das sich verändert, gehören zur Dermatologin oder zum Dermatologen. Hauterkrankungen heissen in den Klassikern kuṣṭha und sind dort ausdrücklich Sache des Arztes. Was Pflege und Ernährung im Sinne des Ayurveda beitragen können, ist eine Haut, die weniger gestresst ist, weil man ihr weniger zumutet und besser zuhört.
Zum Weiterlesen
Die Doshas erklärt Vata, Pitta, Kapha — die drei Doshas, die Ernährung nach den Doshas Essen nach Vata, Pitta und Kapha, die Ölmassage Abhyanga. Dieser Artikel greift Anregungen aus dem Beitrag «Schönheit beginnt mit Verstehen: Die Haut lesen lernen» von Amla Natur auf, mit deren freundlicher Genehmigung.