Rasāyana

Auf vielen ayurvedischen Produkten steht das Wort Rasāyana, auch auf einigen in unserem Sortiment. Es ist einer der ältesten und zugleich einer der am meisten strapazierten Begriffe des Ayurveda. Diese Seite erklärt, was die klassischen Texte damit meinen — und warum ein Rasāyana in ihrem Sinn weit mehr ist als eine Tablette.

Das Wort

Rasāyana setzt sich aus rasa und ayana zusammen. Rasa ist hier nicht der Geschmack, sondern die erste der sieben Gewebestufen, die Nährflüssigkeit, aus der alle weiteren Gewebe aufgebaut werden (siehe Wie das Ayurveda Krankheit denkt). Ayana heisst «Weg» oder «Gang». Rasāyana ist also, wörtlich, das, was der Nährflüssigkeit und damit allen Geweben den Weg bahnt — was die Ernährung der Gewebe bis zur feinsten Stufe, dem ojas, gelingen lässt. Rasāyana ist einer der acht Zweige der klassischen Medizin (aṣṭāṅga), neben innerer Medizin, Chirurgie, Kinderheilkunde und den anderen; die moderne Übersetzung «Verjüngungsheilkunde» trifft einen Teil davon.

Was die Klassiker versprechen

Die Caraka Saṃhitā eröffnet ihr Buch über die Behandlung (Cikitsāsthāna) mit dem Rasāyana und fasst seine Wirkungen in zwei Versen zusammen: Durch Rasāyana gewinne man ein langes Leben, Erinnerung und Verstand, Gesundheit, Jugend, Glanz, Farbe und Stimme, höchste Kraft von Körper und Sinnen, ein wirksames Wort, Ehrerbietung und Anmut (Ca. Ci. 1.1, 7–8). Rasāyana ist demnach nicht für die Kranken da, sondern für die Gesunden: das Mittel, mit dem ein gesunder Mensch noch gesünder, ein junger länger jung wird. Die Klassiker unterscheiden es deshalb ausdrücklich von der Behandlung von Krankheiten.

Das ist eine Vision, keine klinische Aussage. Sie beschreibt, was die Ärzte der Antike einem vollständig gelungenen Leben zutrauten — und sie steht am Anfang eines Kapitels, das viel nüchterner weitergeht.

Drei Arten von Rasāyana

Rasāyana aus Pflanzen und Mineralien. Das ist die Form, die man kennt. Die Klassiker beschreiben dutzende Zubereitungen, die meisten aus wenigen Pflanzen, die in der Tradition als Rasāyana gelten: Amalaki, die Grundlage des berühmten Fruchtmuses Cyavanaprāśa (Ca. Ci. 1.1), Haritaki, Guduchi, Ashwagandha, Shatavari, Pippali, Shilajit und die vier Pflanzen, die als «geiststärkend» (medhya rasāyana) besonders hervorgehoben werden: Mandukaparni, Süssholz, Guduchi und Shankhapushpi (Ca. Ci. 1.3, 30–31).

Rasāyana aus Nahrung. Die Tradition nennt Lebensmittel, die bei täglichem Gebrauch nährend und aufbauend wirken sollen: Milch und Ghee vor allem, dazu Honig, Mandeln, Datteln, Reis. Sie heissen ājasrika rasāyana, «tägliches Rasāyana».

Rasāyana aus Verhalten. Das ist der überraschendste Teil. Die Caraka Saṃhitā beschreibt ein «Verhaltens-Rasāyana» (ācāra rasāyana, Ca. Ci. 1.4, 30–35): die Wahrheit sagen, nicht in Zorn geraten, keinen Alkohol trinken, sanft sein, ausgeglichen schlafen und wachen, die Lehrer und Älteren achten, mitfühlend sein, sich mit spirituellen Dingen befassen, Milch und Ghee essen. Wer so lebe, heisst es, gewinne alle Wirkungen des Rasāyana, auch ohne ein einziges Mittel. Ein erfüllender Beruf, gute Beziehungen, Ruhe, Meditation — für die Tradition ist das alles Rasāyana.

Die Voraussetzung: ein reiner Körper

Die Klassiker sind in einem Punkt streng: Ein Rasāyana wirkt nach ihrer Lehre nur bei einem Körper, der vorher gereinigt ist. Wie ein Stoff, der schmutzig ist, keine Farbe annimmt, so nehme ein Körper voller unverdauter Reste (āma) die Wirkung nicht auf — das Bild findet sich in mehreren klassischen Texten. Deshalb ging der klassischen Rasāyana-Kur eine Reinigung voraus, und die ausführlichste Form — kuṭī prāveśika — verlangte, dass man sich für Wochen oder Monate in eine eigens gebaute Hütte zurückzog, abgeschirmt von Wind und Sonne. Daneben kannten die Texte die einfachere Form für den Alltag (vātātapika), die man im gewöhnlichen Leben durchführt. Für beides gilt: Die Grundlage ist eine gute Verdauung, ein geregelter Tag und ein ruhiger Geist.

Was heute «Rasayana» heisst

Im Handel wird der Begriff heute für viele Kräuterzubereitungen verwendet, die für die tägliche Einnahme über längere Zeit gedacht sind: Fruchtmuse wie Chyavanprash und Amrit Kalash, Tabletten wie Senioren-Rasayana, Studenten-Rasayana, Frauen- und Männer-Rasayana. Das knüpft an die Tradition an, ist aber nicht dasselbe wie die klassische Kur. Diese Produkte sind in der Schweiz Nahrungsergänzungsmittel oder Lebensmittel; sie dürfen nicht versprechen, das Altern aufzuhalten oder eine Krankheit zu verhüten, und sie tun es auch nicht in nachweisbarer Weise. Was die Forschung zu den einzelnen Pflanzen sagt, steht in unseren Porträts, mit allen Lücken.

Was man daraus mitnehmen kann

Die Rasāyana-Lehre ist vielleicht der menschenfreundlichste Teil des Ayurveda. Sie sagt, dass Gesundheit nicht nur die Abwesenheit von Krankheit ist, sondern etwas, das man pflegen und vermehren kann — und dass der wichtigste Teil dieser Pflege nichts kostet: regelmässig essen und schlafen, ehrlich und freundlich sein, sich nicht in Zorn verlieren, Zeit für Stille haben. Ein Rasāyana aus der Dose kann das ergänzen. Ersetzen kann es das nach den Klassikern selbst nicht.

Zum Weiterlesen

Ein Kapitel über Rasāyana enthält Schrott und Schachinger, «Ayurveda – Grundlagen und Anwendungen», in unserer Bibliothek; die klassische Quelle ist das erste Kapitel des Cikitsāsthāna der Caraka Saṃhitā. Wie man das Verhaltens-Rasāyana in den Alltag übersetzt, zeigt Die ayurvedische Tagesroutine. Das bekannteste moderne Rasāyana stellt das Porträt Amrit Kalash vor. Dieser Artikel greift eine Anregung aus dem Beitrag «Die Bedeutung von Rasayanas» von Amla Natur auf, mit deren freundlicher Genehmigung.