Ayurveda im Frühling

Im März, wenn der Schnee schwer und nass wird und die ersten warmen Tage kommen, kennen viele das Gefühl: müde, obwohl man genug geschlafen hat, träge nach dem Essen, die Nase verstopft, keine Lust auf Bewegung. Die Frühjahrsmüdigkeit hat im Ayurveda eine eigene Erklärung. Sie handelt vom Kapha, das sich über den Winter angesammelt hat und jetzt in Bewegung kommt. Diese Seite erklärt das Bild und was die Tradition daraus für Küche und Alltag ableitet.

Was im Frühling geschieht

Kapha ist das Prinzip von Wasser und Erde: schwer, kühl, feucht, ölig, langsam, stabil (siehe Vata, Pitta, Kapha — die drei Doshas). Im kalten Winter isst man nach ayurvedischer Empfehlung nahrhaft und schwer, und die Kälte lässt das Kapha im Körper fest werden wie Butter im Kühlschrank. Im Frühling (vasanta) wärmt die Sonne es auf, es wird flüssig und beginnt zu fliessen — so beschreibt es die Aṣṭāṅga Hṛdaya im Kapitel über die Jahreszeiten (Sūtrasthāna 3). Das verflüssigte Kapha dämpft das Verdauungsfeuer und macht schwer und schleimig. Für Mitteleuropa rechnet man die Kapha-Zeit grob von Ende Februar bis in den Juni; wann sie beginnt, hängt vom Wetter ab, nicht vom Kalender.

Die Klassiker sehen darin zugleich eine Gelegenheit: Was sich gelöst hat, lässt sich jetzt leichter ausscheiden. Deshalb ist der Frühling im Ayurveda die Zeit der Reinigung, und deshalb fällt die Fastenzeit in vielen Kulturen genau hierhin — in alten Zeiten auch, weil die Vorräte zu Ende gingen und die neue Ernte noch nicht da war.

Essen in der Kapha-Zeit

  • Leicht, warm, trocken. Das Gegenteil von schwer, kalt, feucht. Suppen, gedünstetes Gemüse, Getreide wie Gerste, Hirse, Buchweizen und Mais, die nach ayurvedischer Auffassung leichter und trockener sind als Weizen und Reis.
  • Scharf, bitter, herb. Die drei Geschmacksrichtungen, die Kapha mindern. Bitter und herb liefert der Frühling selbst: Löwenzahn, Bärlauch, Brennnessel, Kresse, Rucola, Chicorée, Spinat, Spargel, Hülsenfrüchte.
  • Weniger süss, sauer, salzig. Weniger Zucker, Käse, Joghurt, kalte Milch, Frittiertes, Brot und Gebäck. Die Klassiker nennen ausdrücklich Schweres, Kaltes, Saures und Süsses als das, was man im Frühling meiden soll.
  • Gewürze dürfen kräftig sein. Ingwer, schwarzer Pfeffer, Pippali, Kurkuma, Senfsaat, Bockshornklee, Nelke. Die klassische Dreiermischung aus Ingwer, Pfeffer und Pippali heisst trikaṭu, «die drei Scharfen», und ist das Frühlingsgewürz schlechthin.
  • Honig statt Zucker. Honig ist nach der Tradition das einzige Süssmittel, das Kapha nicht vermehrt, sondern mindert — allerdings nur roh: Erhitzter Honig gilt im Ayurveda als schädlich, deshalb kommt er erst in den Tee, wenn dieser trinkwarm ist.
  • Zwei, drei Mahlzeiten, keine Zwischenmahlzeiten. Kapha ist langsam; wer ständig nachlegt, gibt der Verdauung keine Zeit.
  • Abends wenig. Am einfachsten mit einer heissen Suppe: Sie wärmt, füllt den Magen und belastet wenig. Gemüsesuppen, Reissuppe, eine dünne Mung-Dal-Suppe.

Trinken

Die einfachste Frühlingsmassnahme ist das heisse Wasser: zehn Minuten gekocht, in kleinen Schlucken über den Tag. Am Vormittag gern als Ingwerwasser — zwei, drei Scheiben frischen Ingwer mitkochen. Die Tradition rät ausserdem, vor dem Essen zu trinken und nicht in grossen Mengen direkt danach; zu viel Flüssigkeit nach der Mahlzeit «löscht» nach ayurvedischem Bild das Verdauungsfeuer. Kaltes aus dem Kühlschrank ist im Frühling das Gegenteil von dem, was Kapha braucht.

Der Tag in der Kapha-Zeit

  • Früh aufstehen. Die Morgenstunden nach sechs Uhr sind Kapha-Zeit; wer lange schläft, steht schwer auf. Der Mittagsschlaf, im Sommer erlaubt, ist im Frühling nach den Klassikern ausdrücklich zu meiden.
  • Bewegung bis zum Schwitzen. Für Kapha darf es mehr sein als für Vata: zügiges Gehen, Velo, Laufen, Bergwandern. Frische Luft und Sonne sind Teil der Empfehlung.
  • Trocken massieren. Neben der Ölmassage kennen die Klassiker für den Frühling udvartana, das Abreiben mit trockenem Kräuter- oder Kichererbsenpulver; zu Hause tut es eine Trockenbürste vor dem Duschen.
  • Zunge reinigen. Ein dicker Belag ist im Frühling häufig; der Zungenschaber am Morgen ist die kleinste Reinigungsmassnahme der Tradition.
  • Neues. Kapha neigt zur Gewohnheit und Trägheit. Neue Wege, neue Leute, ein neues Projekt — für die Tradition gehört auch das zur Frühlingskur.

Je nach Konstitution

Wer viel Kapha hat, spürt den Frühling am stärksten und profitiert am meisten von den Regeln oben: heisses Wasser, Bewegung, wenig Süsses, leichtes Abendessen.

Wer viel Vata hat, muss aufpassen, dass er beim Leichtwerden nicht ins andere Extrem fällt. Das Frühlingswetter wechselt stark, die Morgen sind noch kalt. Ein strenges Fasten passt nach ayurvedischer Auffassung nicht zu Vata; besser sind leichte, aber nährende Mahlzeiten — Reis- und Mungsuppen mit Gemüse — und weiterhin die warme Ölmassage am Morgen. Rohkost nur in kleinen Mengen zum Mittagessen.

Wer viel Pitta hat, kommt meist gut durch den Frühling, weil das warme Pitta dem kühlen Kapha entgegengesetzt ist. Er sollte nur die scharfen Gewürze nicht übertreiben und regelmässig essen, die Hauptmahlzeit mittags.

Fasten und Reinigungskuren

Die gründlichste Frühlingsreinigung des Ayurveda ist pañcakarma, ein mehrwöchiges Kurprogramm mit Vorbereitung, Ausleitung und Nachbehandlung. Es gehört in eine Klinik und unter ärztliche Aufsicht, nicht in die eigene Küche. Was man zu Hause tun kann, ist bescheidener: für ein, zwei Wochen leichter und einfacher essen, abends Suppe, kein Zucker, kein Alkohol, viel heisses Wasser, viel Bewegung. Wer krank ist, Medikamente nimmt, schwanger ist, untergewichtig ist oder eine Essstörung hatte, fastet nicht ohne ärztliche Begleitung.

Aus unserem Sortiment

Zur Kapha-Zeit passen nach der Tradition Triphala (bei uns etwa Triphala Plus), Tulsi, Pippali, die Kapha Balance und der Kapha Tee. Es sind Nahrungsergänzungsmittel und Lebensmittel, keine Arzneimittel; ein Ersatz für die Lebensweise sind sie nicht.

Was man nicht erwarten sollte

Frühjahrsmüdigkeit ist keine Krankheit, und die ayurvedischen Frühlingsregeln sind keine Therapie gegen Heuschnupfen, Infekte oder Übergewicht. Anhaltende Müdigkeit kann viele Ursachen haben, von Eisenmangel bis zur Schilddrüse, und gehört dann ärztlich abgeklärt. Was die Tradition verspricht, ist ein leichteres Körpergefühl im Frühling — und ob es sich einstellt, merkt man nach zwei, drei Wochen selbst.

Zum Weiterlesen

Die anderen Jahreszeiten beschreiben Ayurveda im Sommer und Ayurveda im Herbst und Winter; die Ernährung nach den Doshas erklärt Essen nach Vata, Pitta und Kapha. Dieser Artikel greift Anregungen aus mehreren Beiträgen von Amla Natur auf — «Frühlingszeit ist Kaphazeit», «Frühlingszeit ist Reinigungszeit» und die Frühlingstipps für Vata-, Pitta- und Kapha-Menschen —, mit deren freundlicher Genehmigung.